Bundestrainer Löw bespricht mit Teampsychologen die nötigen Maßnahmen für seine Spieler
Geschockte Weltmeister

Auf dem Weg zum Stadion wurde der deutsche Mannschaftsbus von der Polizei gestoppt und musste umkehren. Bild: dpa
Nach dem zweiten Terror-Schock innerhalb von vier Tagen wollten die total verunsicherten Fußball-Weltmeister nur noch eines: so schnell wie möglich nach Hause. Die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse nach der aus Sicherheitsgründen erzwungenen Länderspielabsage von Hannover nur gut 100 Stunden nach den direkt miterlebten Anschlägen vor dem EM-Finalstadion in Paris müssen die Nationalspieler bei ihren Vereinen im Liga-Alltag bewältigen.

Die schlimmste Länderspielreise hatte für Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler ein jähes und verstörendes Ende genommen. Nach der Absage der Niederlande-Partie wegen der Terror-Angst in Hannover war für den DFB das Wichtigste: "Alle Spieler sind - größtenteils bereits gestern Abend - abgereist und wohlbehalten zu Hause angekommen", teilte der Deutsche Fußball-Bund am Mittwoch mit.

Aufarbeitung braucht Zeit

Die Aufarbeitung der dramatischen Tage in Hannover und vor allem im vom Terror heimgesuchten EM-Gastgeberland Frankreich wird auch bei den Nationalspielern Zeit brauchen. Bis man sich zu den nächsten Länderspiel-Klassikern gegen England am 26. März in Berlin und drei Tage später in München gegen Italien wiedertrifft, vergehen gut vier Monate. Viel Zeit zur Aufarbeitung. Schon nach der Horrornacht von St. Denis hatte Löw das Gespräch mit dem DFB-Teampsychologen Hans-Dieter Hermann gesucht, um die nötigen Maßnahmen zu besprechen. "Natürlich geht es weiter und natürlich muss man den Blick nach vorne richten. Die Frage ist, wie schnell man das schafft. Das ist natürlich unterschiedlich", hatte Löw vor den dann wieder aufwühlenden Stunden der Anschlagsangst in Hannover gesagt. Der Gedanke an die EM-Titelmission in Frankreich im kommenden Sommer, die genau an dem Ort erfüllt werden soll, wo der Schrecken im Stade de France begann, ist erstmal in den Hintergrund getreten. Hermanns erster Rat war, möglichst schnell die "gewohnte Realität" wieder herzustellen.

Für Reinhard Rauball, als DFB-Interimspräsident der Delegationsleiter auf der gesamten Zehn-Tage-Reise von München über Paris und Frankfurt nach Hannover, ist klar, dass die Erlebnisse an den Spielern hängen bleiben: "Nach dem heutigen Tag müssen wir uns um die Spieler kümmern und möglicherweise auch den Teampsychologen stark mit einbeziehen", sagte der Präsident von Borussia Dortmund.

Noch nie hatte ein deutsches Länderspiel wegen Terrorgefahr abgesagt werden müssen. Noch nie erfolgte die Absage am Spieltag, ganze 90 Minuten vor dem geplanten Anpfiff. Im April 1994 wurde ein Test gegen England gestrichen, da die Gäste wegen der Symbolkraft des Spieldatums am 20. April - dem Geburtstag von Adolf Hitler - Ausschreitungen von Hooligans im Spielort Berlin befürchteten. Vor sechs Jahren wurde der Test gegen Chile in Köln vier Tage nach dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke abgesagt.
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