Chemnitz lässt grüßen: Wieder drei Tore in acht Minuten
Hansa überfährt Jahn mit 4:2

Schießt den Jahn fast im Alleingang ab: der 19-jährige Grieche Nikolaos Ioannidis. Bild: Baumann
 
Schießt den Jahn fast im Alleingang ab: der 19-jährige Grieche Nikolaos Ioannidis. Bild: Baumann

Regensburger und Rostock, das wird keine Liebesbeziehung mehr. 700 Kilometer musste der Jahn-Tross einschließlich des Häufleins treuer Fans anreisen, gute sieben Stunden auf der A9 bis zur DKB-Arena – um dann in nur acht Minuten von den Gastgebern vernascht zu werden. Steven Ruprecht (5.) staubt per Kopf ab, Nikolaos Ioannidis (10.,13.) legt ebenfalls mit Köpfchen und Fuß nach. Der Rest war Ergebniskosmetik.

Es gibt so Tage, an denen geht alles schief. Pressebetreuer Till Müller flucht beim vergeblichen Versuch, die drei schnellen Tore im Live-Ticker mitzuteilen: „Es ist eine Katastrophe hier, das W-Lan funktioniert nicht und die Videoleinwand streikt auch.“ Gut, letzteres hätte man sicher verkraften können, aber dass die Jungs in Rot mit den goldenen Ziffern am Rücken so gar nichts aus dem Chemnitz-Debakel gelernt haben, das bereitet doch Kopfzerbrechen.

Tore am Fließband

Dabei hatte Coach Thomas Stratos, der zu allem Überfluss auch noch Oli Hein ersetzen muss, doch immer wieder gewarnt: „Keine unnötigen Fouls, schon gar nicht in Tornähe.“ Schon nach fünf Minuten der erste „Chemnitz-Gedächtnis-Freistoß“ von Leonhard Haas, Ioannidis verlängert, Latte, Ruprecht schubst den Ball mit der Stirn über die Linie, 1:0.

Weil’s so schön war, drängen die Gäste den Sportsfreund Haas fünf Minuten später zur nächsten Freistoßflanke – Ioannidis ist der Jahn-Abwehr schon beim ersten Treffer nicht aufgefallen, deshalb darf er das Ding jetzt gleich selbst zum 2:0 einköpfen. Und drei Minuten später begleitet Sebastian Nachreiner den 19-jährigen Griechen bei seinem Sololauf und guckt abgehängt und andächtig der Vollendung zum 3:0 aus einiger Entfernung zu.

Stratos auf der Tribüne

So angefressen hat man Trainer Thomas Stratos noch nicht gesehen – entgegen seinem Naturell ist der Deutschgrieche sauer auf Freund und Feind, auf den griechischen Landsmann Ioannidis, der pudelnackt wie am FKK-Strand im Jahn-Strafraum Kunstturnen darf. Sauer auf seine Abwehr, die entweder steht und staunt oder an der denkbar schlechtesten Position Freistöße verursacht. Und stinkesauer auf den saarländischen Schiedsrichter Patrick Alt (Heusweiler), der wie im Basketball jede Körperberührung mit einem Pfiff ahndet – klar, dass so ein Ästhet Stratos wohlfeile Wortbeiträge mit der Verbannung auf die Tribüne würdigt.

„Jetzt mal ehrlich – ich habe mich bisher nie über die Schiedsrichterleistung beschwert“, kann’s Stratos nach dem Spiel immer noch nicht fassen. „Aber das war doch unterirdisch. Der pfeift einfach jeden Zweikampf gegen uns ab – und dann kassieren wir auch noch nach zehn Minuten zwei Tore.“ Aber klar, selber schuld, wenn man sich dann wieder „von außen“ so verunsichern lässt: „Dasselbe Lied, wir machen zu viele unnötige Fouls und dann ist das Spiel nach 15 Minuten entschieden.“

Restmut für die zweite Hälfte

Es dauert bis kurz vorm Halbzeitpfiff, ehe sich der Jahn einigermaßen von dem 0:3-Ostseesturm erholt – mit freundlicher Unterstützung von Hansa-Schlussmann Johannes Brinkies darf Mario Neunaber seinem Team per Kopf und dem 1:3 (43.) noch etwas Rest-Mut für die zweite Hälfte einflößen. Und so kommen die Roten von der Pausenansprache mit demonstrativ herausgestreckter Brust zurück auf den Rasen. Dimitrios Anastasopoulos zieht aus 20 Metern ab, die Kugel zischt rechts am Tor vorbei (49.). Vier Minuten später legt Abdenour Amachaibou mit Raffinesse für den kleinen Hein-Ersatz auf, der die Kugel überhastet drüber wuchtet.

Nach einer Stunde hat dann Jimmy Müller die einmalige Gelegenheit, das Spiel noch mal spannend zu machen. Aias Aosman legt umsichtig für den Kollegen auf, der hält allein vorm Tor einfach drauf, Keeper Brinkies lenkt das Kunstleder an die Latte. „Wenn in dieser Phase das Tor fällt, wäre noch was gegangen“, blickt Stratos betrübt zurück.

Drei Minuten im Spiel und schon kracht‘s

Doch nach diesem viertelstündigen Strohfeuer wird es wieder deutlich ruhiger ums Hansa-Tor herum. Zwar mühen sich die Regensburger weiter, aber entweder ist den Gastgebern jetzt bewusst, dass ein zwei-Tore-Vorsprung kein Fort Knox ist, oder den Gästen, dass nicht in jedem Spiel zwei Geniestreiche zum Sieg reichen.

So genügt den Rostockern ein zu Ende gespielter Konter in der 90. Minute, um alle Zweifel an dem Dreier zu beseitigen – Newcomer Manfred Starke, gerade drei Minuten im Spiel, verwertet eine präzise Flanke zum 4:1. Und damit’s nicht gar so weh tut, darf auch der SSV noch einmal ran. In der Nachspielzeit köpft Amachaibou zum 4:2 ins Netz.

Dringend gesucht: Impfstoff gegen die Standard-Seuche

Keine Frage, man kann in Rostock, bei einem ambitionierten Ex-Bundesligisten, verlieren, sowie man gegen motivierte Chemnitzer den Kürzeren ziehen darf. Sorgen bereitet nur die immer wieder aufflackernde Standard-Seuche – wie in Liga zwei bricht mittlerweile schon wieder bei jeder Freistoßflanke Panik aus. Bevor sich diese spezielle Regensburger Krankheit zur Epidemie auswächst, bitte schleunigst einen Impfstoff besorgen!

Vor dem Spiel trennten die Tabellennachbarn gerade mal zwei Punkte – jetzt ist Rostock mit 13 Punkten Tabellenfünfter mit Tuchfühlung zum Relegationsplatz, der SSV 15., in Sichtweite der Abstiegsränge. Am Samstag, 14 Uhr, kann der Jahn die Landsleute von Schiri Alt alt aussehen lassen und so für die dicke Ostsee-Packung Vergeltung üben.