Der Absteiger empfängt am Samstag um 14 Uhr den Chemnitzer FC zum vorletzten Heimspiel
Jahn auf Abschiedstour

Bild: hfz

Die Abschiedstour beginnt. Noch drei Spiele hat der SSV Jahn Regensburg vor der Brust. Als Absteiger. Was besonders bitter ist.

Regensburg. Noch dreimal zeigen, dass man doch nicht so schlecht ist wie es die Tabelle der 3. Liga Glauben machen möchte. Geht das? Können sich Spieler noch motivieren, wenn sie wissen, dass es eigentlich nur noch um die berühmte goldene Ananas geht? Haben Kicker so viel Ehre im Leib, um für Verein und Fans noch einmal alles zu geben?

Morgen haben die Akteure des Tabellenletzten die Gelegenheit, diese Ehre zu beweisen. Es steigt der erste von drei (Schluss)Akten, daheim um 14 Uhr gegen den Tabellenachten Chemnitzer FC. Ein Team, für das es ebenfalls um nicht viel mehr geht. Stimmt nicht ganz: „Wir können noch Fünfter werden. Das ist ein Ziel, für das es sich lohnt, noch einmal alles zu geben“, sagte FC-Trainer Karsten Heine während der Woche.

Nicht Spitzenreiter Arminia Bielefeld, nicht Verfolger Holstein Kiel und schon gar nicht der als Absteiger feststehende SSV Jahn Regensburg sorgte für die Schlagzeile der Woche in Liga 3. Nein, es war der Chemnitzer FC. Gestern gab der Verein die Verpflichtung von Martin Fenin bekannt. Der 28 Jahre alte ehemalige tschechische Nationalspieler, der unter anderem bei der Frankfurter Eintracht schon in der Bundesliga kickte, unterschrieb bei den Sachsen einen Vertrag bis zum 30. Juni 2017 mit der beidseitigen Option auf ein weiteres Jahr. Fenin stand auch schon bei Energie Cottbus unter Vertrag, zuletzt spielte der in Cheb (Eger) geborene 28-Jährige für den französischen Drittligisten FC Istres. Nach seinem Wechsel zu Zweitligist Cottbus ging es steil bergab. In Folge eines mysteriösen Fenstersturzes im Oktober 2011 musste er mit einer Hirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Anschließend gab er eine „vorübergehende Flucht in Medikamente und Suchtmittel“ zu.

Nun soll der Neuanfang gelingen, wie der Chemnitzer Sportdirektor Stephan Beutel erklärte. „Wir haben uns in den letzten Wochen intensiv mit dem Spieler und seiner jüngeren Vergangenheit beschäftigt und haben in vielen Gesprächen, auch über den Menschen Martin Fenin, einen sehr positiven Eindruck gewonnen", sagte Beutel. Fenin selbst hat sich viel vorgenommen. „Selbstverständlich ist mir bewusst, dass meine Verpflichtung mit viel Druck und Verantwortung verbunden ist.“

Keller lässt eigene Zukunft offen

Von solch klangvollen Namen kann man beim Jahn derzeit nur träumen. Bislang ist nur eines klar: Dass überhaupt nicht klar ist, wer bleibt und wer geht. Außer Kapitän Markus Palionis und Mittelfeldspieler Kolja Pusch hat Sportchef Christian Keller nur zwei Spieler fest unter Vertrag. Apropos Keller. Wird der sportliche Leiter, an dem sich die Geister so sehr scheiden wie an kaum jemand anderem beim SSV Jahn, an Bord bleiben? Geht es nach Klubchef Hans Rothammer, wird Keller in Regensburg „alt“. Für den weiteren Aufbau des Klubs sei Keller gerade in der Regionalliga unverzichtbar, sagte der Präsident erst vor wenigen Tagen. Selbst äußern will sich der Sportmanagement-Professor aus Heidelberg dazu nicht. „Lassen wir erste die Saison zu Ende gehen. Danach ist Zeit für ein Resümee.“ Keller zieht nicht nur keine Bilanz, er lässt auch seine eigene Zukunft offen. Derweil haben die Fans ihr Urteil längst gesprochen. „Keller muss weg“, heißt es bei gefühlt 99 Prozent der Anhänger. Die Fans haben ihm niemals verziehen, dass im vergangenen Jahr Trainer Thomas Stratos trotz einer sportlich ziemlich anständigen Saison aus unerfindlichen Gründen geschasst wurde. Als die sportliche Talfahrt begann, kamen die ersten „Keller raus“-Rufe aus der Kurve. Sie wurden immer lauter. Die falschen Trainer und die falschen Spieler geholt, den Jahn sportlich abgewirtschaftet. Dieses Zeugnis stellt ihm die Basis aus, von der auch viele nicht glauben, dass einer, der nie Profi war, vom Profi-Fußball etwas versteht.

Noch schlechtere Karten scheint Trainer Christian Brand zu haben. Vor knapp einem halben Jahr als Nachfolger von Alexander Schmidt geholt, um dem SSV neues Leben einzuhauchen und die Mission Klassenerhalt zu erfüllen, hat der Übungsleiter nicht viel vorzuweisen. 15 Punkte aus 18 Spielen trotz einer fast komplett runderneuerten Mannschaft waren definitiv zu wenig – für den SSV, für den Klassenerhalt und für den Coach. Das weiß natürlich auch der Sportchef: „Im Fußball wirst du an Ergebnissen gemessen, dem müssen wir uns stellen. Das gilt für mich und auch für den Trainer“, sagte Keller vor wenigen Tagen. Der Sportchef hält dem Coach zwar zugute, dass „sein Verhältnis zur Mannschaft wirklich einwandfrei ist“, weiß aber auch: „Wenn du verlierst oder absteigst wie wir, ist es egal, was du nach dem Spiel sagst oder ob du einen guten Draht zur Mannschaft hast. Dann ist letztlich alles falsch.“ Es könnte gut sein, dass der mit 42 Jahren junge Trainer Brand gut zu einem zum Großteil aus Talenten bestehenden Team passen würde, mit dem es der Verein aller Voraussicht nach in der Regionalliga versuchen muss. Der Ex-Profi selbst schweigt zu seiner Zukunft, will zuerst die Saison anständig zu Ende bringen.

Personalsituation bleibt angespannt

Die personelle Situation beim SSV Jahn morgen stellt sich unverändert angespannt dar. Zu den Langzeitverletzten Andreas Geipl, Lukas Sinkiewicz und Fabian Trettenbach gesellt sich nun auch Hannes Sigurdsson, der mit einem Achillessehnenanriss für die restliche Saison ausfällt. Weiter verzichten muss Brand auch auf Daniel Franziskus, Aias Aosman und Adli Lachheb. Dagegen kehrt Kapitän Markus Palionis ins Team zurück. Auch beim Chemnitzer FC sind vor der Partie in Regensburg eine Reihe von Spielern angeschlagen oder verletzt. Rechtsverteidiger Kevin Conrad laboriert an einer Sprunggelenksblessur, Mittelfeldspieler Tim Danneberg und Angreifer Florian Hansch konnten wegen muskulärer Probleme nicht das volle Trainingsprogramm absolvieren. Defensivspieler Karol Karlik fällt mit einer Fußverletzung für den Rest der Saison aus und Mittelfeldspieler Marc Hensel arbeitet nach einer Wadenverletzung an seinem Comeback.

Trotz des Abstiegs war der vergangene Samstag für Sebastian Nachreiner ein besonderer Tag. Das Jahn-Urgestein feierte beim Halleschen FC sein langersehntes Comeback. „Es war schon ein tolles Gefühl, nach so langer Zeit wieder dabei zu sein“, sagte Wastl beim Mittwochstraining. Er freue sich schon wieder auf den Samstag, trotz der bedrückenden Gesamtsituation. „Das müssen wir jetzt ausblenden. Wir müssen unser Ding machen und noch dreimal alles geben“, fordert Nachreiner. Ähnlich sieht es auch sein Trainer. Nach dem Abstieg laufe zwar keiner mit einem Dauergrinsen durch die Gegend, aber die Stimmung sei trotzdem relativ ok. Brand: „Es muss ja weitergehen.“ Er sei überzeugt, dass die Akteure sich nicht hängen lassen. „Die wollen sich doch für die neue Saison empfehlen. Ob hier beim Jahn oder anderswo.“