Erwartete 0:2-Schlappe beim neuen Dritten Wehen-Wiesbaden
Null steht beim Jahn nur vorne

Hatte anders als noch im April keinen Anlass, eine sorgenvolle Miene zur Schau zu stellen: SVWW-Trainer Marc Kienle. Bilder: Herda/Archiv
 
Hatte anders als noch im April keinen Anlass, eine sorgenvolle Miene zur Schau zu stellen: SVWW-Trainer Marc Kienle. Bilder: Herda/Archiv
 
Arbeitete wieder hart, aber erfolglos an der Außenlinie: Jahn-Coach Alex Schmidt.
 
Schoss das 1:0 und legte das 2:0 auf: Wehens Tobias Jänicke.

Es war nicht alles schlecht bei der erwarteten Niederlage vor rund 3000 Zuschauern in der Britt-Arena gegen Aufstiegsfavorit Wehen-Wiesbaden. Zehn Minuten nach der Halbzeit war der SSV Jahn dem Ausgleich nahe. Aber nach 0:1 bei Bayernligist Weiden, 0:1 gegen Münster, 0:2 in Erfurt, 0:2 gegen Kiel und 0:2 hier in der Britt-Arena bleibt der Jahn im fünften Spiel in Folge torlos. Weder Recreation in Bad Gögging, noch Motivationsvideo noch Angst-Therapie der Verantwortlichen fruchteten. Die bange Erkenntnis: Der Kader ist zu grün und keiner in der zweitligareifen Geschäftsstelle hat eine Ahnung, wo man Verstärkungen hernehmen soll.

Kaum zu glauben, dass die 3:0-Gala gegen Wehen-Wiesbaden erst fünf Monate her ist. Im April sicherte sich die damalige Stratos-Elf endgültig den Klassenerhalt und erreichte damit die von Sportchef Christian Keller ausgegebene 45-Punkte-Marke vier Spieltage vor Saisonende, nach der er die Personalweichen stellen wollte.

Fünf Monate und ein Klassenunterschied

Fünf Monate zwischen einer spielerisch glänzend aufgelegten Jahn-Elf, die durch Tore von Zlatko Muhovic, Mario Neunaber (KSV Hessen Kassel) und Abde Amachaibou (Preußen Münster) die DFB-Pokal-Qualifikation der Gäste fast noch durchkreuzt hätte, und einer verunsicherten Jugendschar, die seit fünf Spielen kein Tor mehr erzielte und hinten offen ist wie ein Scheunentor. Ja, Christian Keller, die Vermutung liegt da in der Tat nahe, dass die so genannten Weichenstellungen hin zu einem breiten, unerfahrenen Kader und gegen einen motivationsstarken Trainer mit kollegialem Führungsstil grundfalsch waren.

Der Plan der Hessen hingegen ging fast mühelos auf. Der Tabellensechste wollte mit einem Pflichtsieg gegen das Schlusslicht die Tabellenführung übernehmen – letztlich reichte es für Platz 3, weil Dresden mit 1:0 gegen Chemnitz die Spitze verteidigte und Duisburg durch ein 3:1 in Rostock ein Tor mehr auf dem Konto hat. Wehen musste sich für diesen Vorstoß unter die Top-3 nicht einmal besonders anstrengen.

Die neue Farce: Tore bei Auswechslung

Es reichte eine Drangphase zu Beginn des Spiels für das frühe 1:0 durch Tobias Jänicke (der schon im Jahr zuvor das 1:1 gegen die Stratos-Elf erzielt hatte), eine solide Resultatverwaltung zwischendurch, einige Tempovorstöße und schließlich das Ausnutzen der neuesten Regensburger Schwachstelle: Gegentor bei Auswechslungen – während Alex Schmidt mit Kommandos für Jonas Erwig-Drüppel beschäftigt war, ließ sich der SSV auskontern und der eben eingewechselte Soufian Benyamina sorgte mit dem 2:0 für die Vorentscheidung.

Coach Alexander Schmidt verändert natürlich auch in Wehen-Wiesbaden einige Stellschrauben: Jungstürmer Noah Michel kommt nach seinem Debüt vom Mittwoch nun auch zu seinem ersten Einsatz in der Startelf. Andi Güntner, dessen Berücksichtigung im Kader zunächst fraglich war, rückt für Gino Windmüller auf die 6. Und überraschend ersetzt Christoph Rech, der den Coach bisher wenig überzeugte, Stani Herzel.

Fünf-Minuten-Terrine zum 1:0

Es dauert so lange wie eine bekannte Fertigsuppe, bis der Gastgeber mit einer ersten forschen Drangphase zum Führungstreffer kommt: Ein paar schnelle Pässe und Jänicke ist frei vor Bergdorf, der Keeper chancenlos, 1:0. Immerhin sind die Hessen nicht auf ein Debakel ihrer Gäste aus, ziehen sich erst mal gastfreundlich zurück und ermöglichen dem SSV Jahn zwei Eckbälle in den ersten zehn Minuten – ohne zählbares Resultat. Der Gast in der Folge mit etwas mehr Ballbesitz, Wehen-Wiesbaden presst frühestens an der Mittellinie. Mehr müssen sie auch nicht, weil sich der nervöse Letzte schon selbst in Kalamitäten bringt: Bergdorf kann gerade noch einen Rückpass von Thomas Kurz mit Ballett-Spagat klären. Anschließend bekommen die Regensburger den Ball nicht aus dem Strafraum, ein abgefälschter Nachschuss landet auf dem Tornetz (21.).

Auch das noch: Matthias Dürmeyer, einer der wenigen Lichtblicke der vergangenen Wochen, wird seit einigen Minuten wegen muskulärer Probleme behandelt. Er muss raus, Gino Windmüller übernimmt die Position in der Innenverteidigung, Rech wechselt für Dürmeyer auf Links (23.). Da hätte der Jahn fast mal aufs Tor geschossen: Aias Aosmans Schuss von der Strafraumkante wird geblockt, Lienhard kommt nicht zum Nachschuss, weil er wegrutscht – für sein anschließendes taktisches Foul handelt er sich Gelb ein (27.)!

Kurz vergibt aus fünf Metern

Endlich einmal einer von Fabian Trettenbachs Tempovorstöße, Flanke nach innen, Noah Michel kann sich nicht durchsetzen und wird wegen Stürmerfoul zurückgepfiffen (34.). Michel will’s über rechts wieder gut machen, der alte Bekannte Alf Mintzel zieht die Reißleine: Aussichtsreiche Freistoßposition von der Strafraumkante, Kopfball Windmüller, aber kein Druck und folgerichtig kein Problem für Keeper Markus Kolke (37.).

Schiri Franz Bokop hat scheinbar nur die Gelben für die Regensburger eingesteckt: Der eben erst eingewechselte Gino Windmüller wälzt sich nach einem rüden Foul am Boden, Oli Hein redet auf den Schiri ein, aber es nützt nichts (38.). Gegen Ende der ersten Halbzeit ist jetzt mal so etwas wie ein Aufbäumen der Gäste zu erkennen: Nach einer Freistoßflanke kommt Kurz zum Kopfball, kurz danach versucht sich Güntner als Kopfballungeheuer – so richtig gefährlich ist das aber alles nicht.

Anders bei Wehen. Die Rot-Schwarzen spielen reduziert wie Existenzialisten, sind dann aber vor dem Tor brandgefährlich: Jänicke über rechts, der zumindest auf dieser Seite nicht zu halten ist, Flanke auf Riemann, Kopfball, klasse pariert von Bergdorf, der die Kugel an die Latte lenkt, Nils-Ole Books Nachschuss geht nur Zentimeter rechts daneben (44.). Und dann doch noch die Ausgleichschance für den Jahn: Erste gelungene Kombination von Trettenbach und Hein über rechts, Fabi schiebt flach nach innen, Thomas Kurz legt sich den Ball auf den rechten Fuß, grätscht sich in den Schuss und schafft es, vom Fünfer rechts vorbeizuschießen (46.).

Kleine Jahn-Drangphase, Wechsel, 0:2

Scheinbar zeigt die Motivationsrede von Alex Schmidt zum Pausen-Energy-Dring Wirkung. Wie schon einige Male nach dem Wechsel beginnt der SSV etwas energischer. Zunächst wird Aosmans Schuss an der Straufraumgrenze geblockt, dann kommt er doch noch zum Abzug, scheitert aber an Kolke (52.). Marc Kienle merkt, dass dieser Älpplwoi noch nicht geschlürft ist, er bringt Benyamina für den hochgelobten Robert Müller, der noch in Osnabrück mit seinem Tor in der Nachspielzeit die Neu-Wiesbadener auf die Siegesstraße gebracht hatte (57.).

Mal eine sehenswerte Kombination über Lienhard und Rech, Aosman lässt einen aussteigen, schießt aber deutlich vorbei (62.). Und wieder schafft es der Jahn, während einer kleinen eigenen Drangphase und während einer Auswechselsituation ein Tor zu fangen: Eben noch wurde Benyamina aufs Feld geschickt, und während Alex Schmidt Erwig-Drüppel (für Lienhard) instruiert, können sich die Jahn-Jungs natürlich nicht auch noch auf diesen simplen Konter vom Torabschlag weg konzentrieren. Frei vorm Tor legt Jänicke noch auf den eingewechselten Benyamina quer, der zum 2:0 einschiebt (63.).

Schlussoffensive fällt flach

Glaubt noch jemand ernsthaft, dass eine Mannschaft in dieser Verfassung ein 0:2 ausbügeln kann? Trettenbach tänzelt sich durch den Strafraum, fällt über ein Bein – kein Elfer (66.). Jetzt darf mal wieder Daniel Franziskus für Güntner ran, der aufopferungsvoll gekämpft hat (75.). „Wir bedanken uns beim Torschützen Jänicke“, jubiliert der Stadionsprecher, für ihn kommt Kevin Schindler, der nur eine Minute später dem 3:0 sehr nahe kommt – erst kurbelt der ebenfalls eingewechselte Luca Schnellbacher über links an, Trettenbach kratzt den Ball noch von der Linie, dann Schindlers Nachschuss und Bergdorf ist zur Stelle (78.).

Und wieder kann sich Regensburgs Bester auszeichnen: Ein Freistoß aus dem rechten Niemandsland, eine Kopfballbanane, Bergdorf streckt sich und lenkt die Kugel über Latte (82.). Beim Jahn geht nur noch wenig nach vorne: Nach einem Freistoß nahe der Mittellinie leitet Windmüller per Kopf weiter, Kolke ist zur Stelle (84.). Und wieder einmal überläuft ein Wehener rechts die gesamte Abwehr, dieses Mal ist es Alexander Riemann, aber zur Flanke kommt er nicht mehr – Dominik Bergdorf hadert mit seiner Hintermannschaft. Aber alles, was dessen Vorderleute jetzt noch zustande bringen, ist ein Frustfoul von Oli Hein, der zu Recht die Gelbe sieht.

Zu schwach für eine positive Überraschung

Sicher, nach dem mutlosen 0:2 gegen Kiel hat heute keiner mit einer Gala-Vorstellung bei einer Drittliga-Spitzenmannschaft gerechnet. Aber es ist ja nicht so, dass die Teams dieser Liga Welten auseinanderlägen – wenn es sich also nur um eine lange Durststrecke der Oberpfälzer handelt, könnte ja auch mal eine positive Überraschung drin sein.

Doch mit etwas Abstand betrachtet kann man derzeit nur dann mit Punkten rechnen, wenn der Gegner penetrant die Regensburger Gastgeschenke liegen lässt. Zu fehleranfällig ist das Aufbauspiel der Schmidt-Truppe, immer wieder bringen sich die Jungs selbst in Schwierigkeiten, Fehlpässe, Querschläger und Unkonzentriertheiten beim Stellungsspiel machen alle guten Ansätze wieder zunichte – und nach vorne geht derzeit herzlich wenig.

Rückdeckung für Schmidt

„Ich habe einen sehr guten Rückhalt von Christian Keller“, kommentiert SSV-Trainer Alex Schmidt nach der Niederlage seine eigene Situation, „aber natürlich sollten wir jetzt mal wieder gewinnen. Wir sondieren den Markt, was durchaus Sinn macht in der augenblicklichen Situation, aber ansonsten arbeiten wir konzentriert weiter.“ Am Samstag, 14 Uhr muss Jahn Regensburg das nächste schwere Spiel beim VfL Osnabrück bestehen.