Es begann im Hinterzimmer

Der damalige Präsident des WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer (links), und der Pressesprecher des WM-Organisationskomitees, Wolfgang Niersbach, freuten sich schon 2003 auf die WM in Deutschland. Bild: dpa

Verdachtsmomente um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland gab es immer wieder. Nach den Enthüllungen des "Spiegel" um einen angeblichen Stimmenkauf stehen der DFB und sein Präsident Niersbach nun mehr denn je unter Erklärungsdruck.

In einem Züricher Hinterzimmer machte Charles Dempsey den Weg zum deutschen Sommermärchen 2006 frei. Nicht Franz Beckenbauers Werbetour rund um die Welt brachte an diesem 6. Juli 2000 letztlich den Zuschlag für die rauschende Fußball-WM in Deutschland, sondern die Enthaltung des neuseeländischen Fifa-Spitzenfunktionärs. Seither ranken sich viele Gerüchte um diesen historischen Moment, immer wieder wurden Korruption und politischer Druck vermutet. "Gekaufte WM... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ", raunte auch Fifa-Chef Joseph Blatter vor drei Jahren.

Wie auch jetzt nach den Enthüllungen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" um angebliche schwarze Kassen für den Stimmenkauf hat der Deutsche Fußball-Bund stets alle Vorwürfe zurückgewiesen. "Ich darf immer daran erinnern, dass wir die absolut beste Bewerbung hatten", betonte DFB-Chef Wolfgang Niersbach noch vor einigen Wochen. "Es hat eine Abstimmung gegeben mit 12:11. Wir wissen, dass die acht Europäer für uns gestimmt haben", erklärte Niersbach, der neben Beckenbauer, Berater Fedor Radmann und Finanz-Fachmann Horst R. Schmidt einer der Macher des WM-Turniers war. Offen ist, woher die anderen vier Stimmen kamen, es soll sich wohl um die vier asisatischen Vertreter gehandelt haben. "Die haben wir überzeugt", ist sich Niersbach sicher. Der "Spiegel"-Bericht um einen angeblichen Kauf dieser Voten lässt andere Schlüsse zu. Euphorie in schwarz-rot-gold, positiver Patriotismus, fünf Wochen voller Sonne und weltoffener "Schland"-Begeisterung - Deutschland zeigte sich in diesem Sommer 2006 von seiner besten Seite. Doch die Frage, wie es davor im Ringen um die größte Fußball-Messe der Welt wirklich zugegangen war, liegt schon lange als dunkler Schatten auf dem längst verklärten Sommermärchen.

In den entscheidenden Wahl-Minuten habe er "nicht tolerierbaren Druck" verspürt, verriet der Neuseeländer Dempsey später. Der damalige Präsident des Ozeanien-Verbands gehörte zu den 24 Mitgliedern der Fifa-Exekutive, die den Zuschlag für das Milliardenspektakel erteilten. "Einflussreiche europäische Interessen-Gruppen" hätten ihm klargemacht, dass ein Votum für den eigentlichen Favoriten Südafrika Konsequenzen haben würden, ließ Dempsey wissen.

Dabei ging es wohl nicht nur um anrüchige Absprachen unter Fußball-Funktionären. Auch Geschäfte deutscher Großunternehmen und Waffendeals mit den Heimatländern einiger Wackelkandidaten in der Fifa-Regierung kurz vor der Wahl des WM-Gastgebers könnten eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben, wird seit langem vermutet. Der "Spiegel" bringt nun den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus ins dubiose Spiel. Er soll dem damaligen Bewerbungskomitee 13 Millionen Mark geliehen haben, damit seien die vier Stimmen der asiatischen Vertreter gekauft worden.

Dass eine entsprechende Summe von 6,7 Millionen Euro "möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck entsprechend verwendet wurde", musste der DFB nun einräumen. Stimmen sollen damit laut DFB aber nicht gekauft worden sein. Das Bekenntnis lässt dennoch alle bisherigen Beteuerungen, bei der deutschen WM-Bewerbung sei alles mit rechten Dingen zugegangen, zumindest in einem neuen Licht erscheinen. Die internen Ermittler des DFB stehen nun gewaltig unter Druck, die schweren Vorwürfe sauber und transparent aufzuklären.

Von den einstigen WM-Machern könnten die Auswirkungen der Affäre wohl vor allem für Niersbach gefährlich werden, der als einziger noch ein hohes Amt bekleidet und zuletzt sogar als möglicher Kandidat für die Chefposten bei Uefa und Fifa gehandelt wurde. In der WM-Bewerbung sei er damals "von der ersten Minute an dabei" gewesen, berichtete er einst stolz. Genau deshalb muss er sich nun vielen unbequemen Fragen stellen.

Für Charles Dempsey hatte seine Stimmenthaltung von Zürich schnell Konsequenzen. Es gab Morddrohungen gegen ihn und seine Familie und bis zu seinem Tod im Juni 2008 immer wieder Bestechungsvorwürfe. Zudem verlor er seinen Posten als Chef des Ozeanien-Verbands. Die deutschen WM-Organisatoren aber vergaßen Dempsey nicht. Als Gast verlebte der Beckenbauer-Freund 2006 einen schönen WM-Sommer in Deutschland.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.