Es ist wieder so weit: Deutschland lacht über den Jahn
Auch Osnabrück weiß Bescheid

Wurde Trainer Alex Schmidt nach der "acht Fragebogen-Aktion" jetzt auch noch telefonisch in Frage gestellt? Bilder: Herda
 
Wurde Trainer Alex Schmidt nach der "acht Fragebogen-Aktion" jetzt auch noch telefonisch in Frage gestellt? Bilder: Herda

Die tragikomische Kunde ist bis nach Niedersachsen gedrungen: „Unruhe beim kommenden VfL-Gegner Jahn Regensburg“ titelt die „Neue Osnabrücker Zeitung“. Sportredakteur Alfons Batke schreibt nicht etwa über Stärken und Schwächen der Regensburger Fußballmannschaft. Er schildert minutiös das Trauerspiel, das Präsidium und Vorstand derzeit aufführen: „Beim SSV Jahn hatte man einen Plan. Einstelliger Tabellenplatz in diesem, Angriff auf die 2. Bundesliga im nächsten Jahr. Doch in Regensburg glauben mittlerweile viele, dass die verantwortlich handelnden Personen überhaupt keinen Plan haben.“

Das Spiel am Samstag, 14 Uhr, beim Tabellenzehnten (17 Punkte) wird für das Schlusslicht zunehmend zur Nebensache. Die Nachrichten rund um das Chaos im Traditionsverein reißen nicht ab. Aus verlässlichen Quellen hat unsere Zeitung erfahren, dass Sportchef Christian Keller Kapitän Sebastian Nachreiner aufgefordert haben soll, eine Telefonumfrage zu starten. Fragestellung: „Wollt ihr den Trainer noch?“ Anders als bei der Fragebogen-Farce, als acht Spieler den Trainer beurteilen sollten, soll das Votum dieses Mal negativ ausgefallen sein. „Das ist doch Wahnsinn“, heißt es aus Spielerkreisen, „man kann doch so keine Personalentscheidungen treffen.“ Auf Nachfrage hieß es aus der Jahn-Geschäftsstelle: „Solche Meldungen entbehren jeder Grundlage und wir äußern uns deshalb nicht dazu.“ (siehe dazu den Kommentar)

Unfreiwillige Komik

Schwer vorstellbar, dass sich die Betroffenen das ausgedacht haben. Zumal schon die eingeräumte Fragebogen-Aktion nicht frei von unfreiwilliger Komik ist. Wie wurden die acht Spieler ausgewählt, die die Trainer-Evaluation positiv ausfüllten? Durfte nur mitmachen, wer zustimmte, das gewünschte Ergebnis anzukreuzen? Welches Klima muss im Umgang zwischen sportlichem Leiter, Trainer, Spielern und Mitarbeitern eigentlich herrschen, dass man zu solchen Mitteln greifen muss? Wenn man sich in einer Ehe nur noch schriftlich austauscht, nennt man das ein „zerrüttetes Verhältnis“. Hier müssen wir von einer multiplen zerrütteten Situation ausgehen, in der keiner dem anderen über den Weg traut.

Es gibt Spieler, die sagen: „Die hassen mich, weil ich mal was Kritisches gesagt habe.“ Es gibt welche, die sich überhaupt nichts mehr sagen lassen wollen. Es gibt welche, die vom sportlichen Leiter zu großen Hoffnungsträger hochstilisiert wurden – „die ganze Liga war hinter Noah Michel her“. Nur wusste die Liga nichts davon. Und dann gibt es die braven Stützen des Vereins, die alles andere als glücklich sind über die Situation und wie sie von den Verantwortlichen gemanagt wird, die aber das Wohl des Vereins über ihr persönliches Wohlbefinden stellen. Und die deshalb gute Miene zum schlechten Spiel machen.

Die Mannschaft versteht den Trainer nicht

Und dann gibt es noch einen Trainer, der aus den Discount-Einkäufen des Christian Keller eine Drittliga-taugliche Mannschaft formen soll. Seine Ansprachen in der Kabine sollen anspruchsvoll sein. Sein taktisches Gerüst ausgefeilt. Die strategischen Ansätze, die er erläutert, auf hohem fußballerischem Niveau. Allein, die Spieler verstehen ihn nicht, was unschwer auf dem Platz zu erkennen ist. Alex Schmidt muss nachbessern, reinrufen, umstellen. Und macht damit die Verwirrung nur noch größer.

Dazu kommt, dass er aus der Not geboren experimentiert: Er stellt einen Markus Smarzoch auf die rechte Verteidigerposition, wo er gegen einen wendigen Mann wie den Kieler Rafael Kazior heillos überfordert ist. Er lässt Andi Günter den Rechtsaußen mimen – das hat er nicht gelernt. Alex Schmidt muss einsehen, dass nicht alle Spieler alles können – und dass die taktische Flexibilität eines Pep Guardiola beim Jahn nicht hinhaut. Was ist nur aus dem frühen Pressing geworden, auf das wir uns nach dem Duisburg-Spiel gefreut hatten?

Weichen-Spiel, das sechste?

Beste Voraussetzungen also für das Auswärtsspiel in Osnabrück – wieder mal eines mit Weichen-Charakter? Kaum, denn intern fokussiert man sich ja bereits auf die Länderspielpause, die man für die Verpflichtung zweier Verstärkungen nutzen will. Nur mal zur Erinnerung: In der vergangenen Saison stand der 1. FC Saarbrücken nach 13 Spieltagen mit acht Punkten auf dem letzten Platz. Die Saarländer nahmen richtig viel Geld in die Hand – wie übrigens auch der SV Elversberg. Beide konnten den Abstieg dennoch nicht mehr verhindern. Kann man also nur ohnmächtig zuschauen und hoffen, dass der Kelch irgendwie am Jahn vorbeigeht – schließlich waren die Gegner bisher auch nicht alle Giganten, die man nicht schlagen könnte?

Es gibt noch eine andere Möglichkeit: In der demokratischen Zivilgesellschaft des 21. Jahrhundert darf und kann jeder einzelne Verantwortung übernehmen – sogar die Spieler. Es geht auch um deren Zukunft, deren Perspektive. Wenn sie mutlos über den Platz schleichen und sich anschließend sagen lassen müssen, dass es nicht reicht, „wenn wir vielleicht fünf bis acht leistungsfähige Spieler in jeder Partie haben“ – jene acht, die den Fragebogen ausfüllen durften? –, dann graben sie auch ihr eigenes sportliches Grab. Es gab traditionelle Oberpfälzer Unternehmen, die nach dem Konkurs von den Mitarbeitern übernommen und gerettet wurden. Das wäre mal ein Signal: Die Unterstützung der Fans habt ihr!