Football
Hymnenstreit in der NFL

Der Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick (links), kniet zusammen mit Eric Reid, während die Nationalhymne gespielt wird. Bild: dpa

Colin Kaepernick kniet weiter. Der medienwirksame Protest des Footballers gegen soziale Missstände und Gewalt gegen Schwarze schlägt in den tief patriotischen USA weiter hohe Wellen.

Washington. Früher gehörte der Sonntag in den USA ganz der Kirche. Wer das Knie beugte, tat das im Gotteshaus. Heute ist zwar längst akzeptiert, dass der Sonntag auch der Tag des Football ist, aber dass nun ausgerechnet Footballspieler vor einem Spiel auf die Knie gehen, das sorgt weiter für gehörigen Aufruhr. Und der wird nach den Spielen vom Sonntag weitergehen.

"Ich werde nicht aufstehen, um meinen Stolz für die Flagge eines Landes zu zeigen, das Schwarze und Farbige unterdrückt", sagte Colin Kaepernick, Backup-Quarterback der San Francisco 49ers, nach einem Spiel gegen die Green Bay Packers. Er sagte: "Für mich ist das größer als Football und es wäre selbstsüchtig von mir, würde ich wegsehen."

Erstmals protestiert hatte Kaepernick bei einem Vorbereitungsspiel. Danach setzte er seine Aktion fort, obwohl ihm wütender Protest entgegenschlug. Andere wie Teamkollege Eric Read zogen mit, auch am Sonntag vor dem Spiel gegen die Carolina Panthers. Auch drei Profis der Miami Dolphins knieten am Sonntag. In Detroit hoben Jason McCourty und Jurrell Casey von den Tennessee Titans die rechte Faust als Geste des Protests, Robert Quinn von den Los Angeles Rams ebenso.

Unterstützung von Obama


Was meint der Footballer-Protest 2016 genau? Wogegen richtet er sich? Soziale Missstände? Polizeigewalt? Institutionellen Rassismus? Systemische Unterdrückung aller Schwarzen in den USA?

Selbst Barack Obama hatte Kaepernick unterstützt. Er begrüßte es, dass der Spieler mehr Aufmerksamkeit auf eine breite Problematik lenke. Der US-Präsident mahnte die von der Verfassung garantierte Freiheit von Rede und Meinung an. Und erinnerte indirekt an die hochpolitische Haltung eines Muhammad Ali. Etwa zwei Drittel der NFL-Spieler sind schwarz. Es reichte, dass einer von ihnen die erwünschte Stromlinienform verließ, um eine sehr grundsätzliche Debatte loszutreten. In den USA wird die Hymne auch an Schulen vor jedem Spiel einer Auswahl gespielt. Passierende Jogger bleiben stehen, wenden sich der Flagge zu, ebenso die auf dem Platz nebenan trainierenden Footballer. Die meisten legen die Hand aufs Herz (das muss man nicht), stehen tun alle Amerikaner. Ausnahmslos. Vor diesem Hintergrund schlägt Kaepernick wütende Kritik aus Show, Entertainment, Sport und Politik entgegen.

Vielen gerinnt der Protest der Sportler zur reinen Geste. Anderen ist er zu allgemein und zu banal, desavouiere so den richtigen und nötigen Protest vieler Schwarzer vor Ort im Land. "So richtig das Anliegen im Kern ist: Die meisten werden ihn als das Gejammer weinerlicher Millionärskinder sehen", schreibt die "Washington Post". Dem Protest fehle jede Präzision. Damit sei er ziellos. Bürgerrechtler halten dagegen: Was, bitte, sei an diesem Protest falsch? Warum sei er weniger wert, wenn Kaepernick viel verdiene? Die Juraprofessorin Katheryn Russell sagte im Sportsender ESPN, bevor man Kaepernick für seine Haltung kritisiere, solle man sich lieber um die kritisierten Missstände kümmern. "Wer sich nur mit der Form des Protests befasst, der sagt eigentlich: Nein, die angesprochenen Probleme existieren in diesem Land nicht."

Medienwirksamer Protest


Die Hymnen-Verweigerer dürften sich bewusst sein, wie medienwirksam ihr Aus-der-Reihe-Fallen ist. Es ist unaufwändig, aber spektakulär. Dazu Mark Anthony Neal, Professor für afro-amerikanische Studien an der Duke University: "Mainstream-Medien steigen doch nur ein, wenn es ein Spektakel gibt. Jetzt gibt es eines. Designed by Kaepernick." Kaepernick, schreibt die "Washington Post", könnte sein Protest für seine Karriere teuer zu stehen kommen. Andere protestierende Spieler haben bereits Sponsorenverträge verloren. Allerdings hat Kaepernicks Vertrag ein Volumen von 60 Millionen US-Dollar.

Dass die Lage für sehr viele Schwarze in den USA nach wie zum Himmel schreit, ist eine Tatsache. Inhaftierungsraten, Armut, Polizeigewalt, Zugänge zu Bildung, Arbeit und angemessenem Wohnraum: Die Gesellschaft behandelt Schwarz und Weiß gravierend unterschiedlich. Flagge und Hymne in diesem patriotischen Land nicht zu ehren, ist kein Spaß, sondern ein Sakrileg. Patriotismus gehört in den USA zu den höchsten Gütern. Die Meinungsfreiheit aber auch. Beides wird mit Inbrunst verteidigt. Im Hymnenstreit prallt das nun aufeinander - wuchtig wie die Linien zweier Footballteams.

Ich werde nicht aufstehen, um meinen Stolz für die Flagge eines Landes zu zeigen, das Schwarze und Farbige unterdrückt.Colin Kaepernick, Backup-Quarterback der San Francisco 49ers
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