Frauenfußballerin Sara Däbritz im Interview
"Ich bin immer noch die Sara"

"Natürlich ist es schräg, wenn ich in Amberg, wo ich in der Realschule war, auf der Straße angesprochen werde, ob ich ein Foto machen will." Zitat: Sara Däbritz
 
Ein wuchtiger Schuss ist ein Markenzeichen von Sara Däbritz: Die 22-jährige Fußball-Nationalspielerin aus Ebermannsdorf hat bereits wichtige Titel wie den Olympiasieg oder die deutsche Meisterschaft gewonnen. Bei der Europameisterschaft in den Niederlanden soll in wenigen Wochen der nächste Coup folgen. Bild: dpa

Manche Karrieren beginnen mit brachialen Niederlagen. Bei Sara Däbritz waren es Fußballspiele, die sie mitunter mit ihrer Mannschaft mit 0:12 haushoch verlor.

Von Marika Schaertl

Ebermannsdorf. Gerade mal fünf Jahre alt war Sara Däbritz damals, kickte mit Heißblut bei der SpVgg Ebermannsdorf, ihrem Heimatverein im 2500-Seelen-Dorf Ebermannsdorf in der Oberpfalz. Jeden Tag, bei jedem Wetter. Als Zehnjährige wurde sie mit dem Verein in der D-Jugend Meister, mit der stolzen Bilanz von 122 Toren zu einem. Mit "viel Spaß, Willen und manchmal auch Bockigkeit", so berichtet ihr erster Trainer, blieb Sara am Ball.

Das Ausnahmetalent mit dem starken linken Fuß erhielt eine Sondererlaubnis, in Jungs-Mannschaften zu spielen, bis sie 16 war. Dann wurde sie vom SC Freiburg verpflichtet, bevor sie der FC Bayern für seine Frauenmannschaft entdeckte. 2016 gewann Däbritz ihre erste deutsche Meisterschaft. Mit dem Nationalteam errang sie im gleichen Jahr die Olympia-Goldmedaille in Rio. Ab dem 16. Juli kämpft die 21-jährige Mittelfeldspielerin erneut um eine Trophäe, um den Sieg bei der Frauenfußball-EM in den Niederlanden.

Sara, Sie spielten Fußball vom 5. bis zum 16. Lebensjahr mitten unter Jungs, in einem oft raubeinigen Sport. Waren Ihre Eltern nicht besorgt um ihr Mädchen?

Nein. Meine Eltern sind so fußballverrückt wie ich. Meine Kumpels haben mich von klein auf zum Training mitgenommen, meine Eltern haben das immer unterstützt. Verletzungen gehörten dazu. Aber man kann sich auch verletzen, wenn man im Haus die Treppe runterläuft.

Waren Sie trotzdem ein typisches Girlie mit rosarotem Zimmer und Puppen?

Puppenspielen war nicht so mein Ding. Ich habe Playmobil und Lego bevorzugt. Als kleines Mädchen trug ich nur Fußballtrikots. Irgendwann mit dem Alter kam der Wandel. Da fand ich dann plötzlich Mädchenklamotten schön und schminkte mich. Davor wollte ich auch nur kurze Haare tragen - heute mag ich sie so lang wie möglich.

Wie hat sie das Fußballspiel mit Jungs geprägt?

Das war eine supergeile Zeit. Ich habe in meinen ersten drei Vereinen mit Jungs gespielt: in Ebermannsdorf, Vilstal, Weiden, wo ich schon im Leistungszentrum war. Das wurde vom Niveau immer höher. Diese Zeit hat mich absolut weitergebracht. Jungs sind nun mal körperlich besser, athletischer, schneller. Ich habe daraus gelernt, nicht nur schneller am Gegner vorbeizukommen sondern auch spielintelligent zu sein. Und vor allem robust.

Als junges Mädchen war Ihr Hauptthema Fußball. Hat Ihnen das nicht Ihre Teenagerfreuden verdorben?

Natürlich ging es viel um Disziplin, Verzicht. Aber es war okay für mich, wenn meine Freunde am Wochenende weggegangen sind und ich nicht mit konnte, weil ich ein Spiel hatte. Meine Freunde akzeptierten das und wussten, was meine Ziele waren.

Hatten Sie als Teenie nie eine Phase, in der Sie sich fragten: Wozu das alles?

Nein. Da gab es nie Zweifel.

Welche Eigenschaften haben Sie dahin gebracht, wo Sie heute sind?

Da war sicher ein gewisses Talent. Aber auch Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen, Wille. Klar mache ich mir auch selbst Druck, eine gute Leistung zu bringen. Aber ich habe mir eine gewisse Lockerheit bewahrt. Ich würde mich als sehr lebensfrohen Menschen bezeichnen.

Die ehemalige Nationalspielerin und heutige Trainerin Inka Grings sagte unlängst, Spielerinnen seien heute "zu lieb, zu angepasst auf dem Platz und in der Kabine".

Ich gebe Inka Grings recht: Man braucht auch Spielerinnen, die mal dazwischenhauen. Bei uns beim FC Bayern gibt es durchaus auch Mädels, die mal lauter werden und auf den Putz hauen, wenn es nicht so läuft. Man braucht es auch, sich gegenseitig aufzurütteln.

Die ehemalige Nationalspielerin Tugba Tekkal sagte, früher hätte es das Bild über Frauenfußballerinnen gegeben: "Kurzhaarschnitt, moppelig, lesbisch". Hat sich das Interesse heute am Damenfußball geändert, weil sie attraktiver sind oder weil sie besser Fußball spielen?

Ich glaube, die Frauen haben früher auch gut ausgesehen. Aber der Frauenfußball hat sich in den letzten Jahren super weiterentwickelt. Er ist athletischer geworden, schneller, technisch besser. Wenn wir wie zuletzt gegen Paris Saint Germain spielen, sehen wir: Das sind richtig starke Mannschaften. Da wird es schon schwierig, oben zu bleiben.

Die EM steht an - was erwarten Sie sich?

Klar wollen wir wieder Europameister werden. Wir wissen, es wird schwierig. Aber unser Ziel ist, am Ende ganz oben zu stehen.

Der bisher beeindruckendste Moment in Ihrer Laufbahn?

Der Olympiasieg war natürlich ganz oben dabei. Diese dreieinhalb Wochen in Brasilien und das Spiel im Marcana-Stadion - eine unbeschreibliche Zeit. Es war unvergesslich, die Goldmedaille zu holen.

Es gab die lustige Anekdote, dass die Spielerinnen in Brasilien auf ihr Geschlecht getestet wurden.

Stimmt. Man musste einen Bogen vom Frauenarzt abgeben, dass man weiblich ist. Ich bin da hingegangen und habe meine Bescheinigung gekriegt, dass ich eine Frau bin. Ich fand das lustig.

Apropos Frauen/Männer: Bei der Meisterfeier des FC Bayern sind Sie Arm in Arm mit Mario Götze auf den Balkon des Münchner Rathauses gelaufen. Wie ist der Draht zwischen Herren- und Damenmannschaft?

Da ist schon jeder für sich. Klar sieht man sich an der Säbener Straße mal, wir haben eine gemeinsame Kantine. Aber wir Mädels trainieren ja in Aschheim, haben andere Trainingszeiten. Die Meisterfeier auf dem Rathausbalkon war natürlich etwas Besonderes. Das war eine Superanerkennung für uns Frauen, die zeigte, dass der Verein auf uns stolz ist. Das war ein sehr cooles Erlebnis. Und für mich ebenso besonders wie der Olympia-Sieg.

Sie haben einen Olympia-Sieg heimgeholt und sind trotzdem Kleinverdiener neben den männlichen Nationalspielern, die Multimillionäre mit riesigen Werbeverträgen sind. Ärgert Sie das nicht?

Nein. Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Die Männer haben nun mal eine andere Medienpräsenz, andere Zuschauerzahlen. Sie sind uns Frauen in vielem voraus. Wenn wir auch 60000 Zuschauer am Wochenende im Stadion hätten - das wäre super. Aber der Frauenfußball entwickelt sich. Ich bin optimistisch.

Noch müssen Sie einen Plan B haben, um Ihre Zukunft abzusichern.

Ich könnte mir vorstellen, nach dem aktiven Fußball in acht, zehn Jahren in einem Verein ins Marketing zu gehen. Ich studiere gerade Wirtschaftspsychologie. Da gibt es Präsenzphasen, aber auch die Möglichkeit, über eine Internetplattform meine Sachen zu lernen. Wenn ich zum Beispiel eine EM habe, kriege ich auch die Möglichkeit, meine Prüfungen nachzuschreiben. Klar ist das oft anstrengend, aber ich finde es gut, neben dem Fußball ein bisschen Ablenkung zu haben.

Ihr Leben ist ziemlich durchgetaktet zwischen FC Bayern- und Nationalelf-Spielen. Wie schalten Sie ab?

Ganz gemütlich zuhause. Ich schaue Serien wie gerade "Black List". Oder gehe mit Freunden in die Stadt. Oder zum Grillen an die Isar.

Mario Gomez sagte neulich, er würde zuhause nie über Fußball sprechen. Wie ist das bei Ihnen?

Mein Leben dreht sich schon sehr um den Fußball. Außerdem ist mein Freund auch Fußballer, beim SV Pullach in der Bayernliga. Da kommt das Thema Fußball unvermeidlich immer wieder durch. Wir diskutieren gern mal die ein oder andere Szene. Und, wenn es die Zeit zulässt, gehen wir mal zusammen auf den Platz.

Zwischen Nationalteam-Spielen gerade in den USA oder Champions-League-Spielen in Paris sind Sie enorm viel unterwegs. Sagen Ihnen Ihre Eltern auch mal, wenn Sie in die Oberpfalz kommen: Sara, komm' mal runter!?

Nein. Die wissen: Ich bin kein bisschen eingebildet. Ich weiß, wo ich herkomme. Dahin haben mich meine Eltern erzogen und mir gezeigt, wie wichtig es ist, normal zu bleiben und nicht abzuheben.

Was bedeutet Ihnen Heimat?

Ich bin absolut verwurzelt mit Bayern. Ich liebe meine Heimat. Meine Family und mein Zuhause geben mir so viel Kraft. Über Ostern war ich daheim, ich habe da noch viele Freunde aus der Kindheit. Auch wenn man sich nur alle vier, fünf Monate sieht, ist es jedes Mal doch so, als hätte man sich erst gestern getroffen. Natürlich ist es schräg, wenn ich in Amberg, wo ich in der Realschule war, auf der Straße angesprochen werde, ob ich ein Foto machen will. Oder wenn ich in der Limousine daheim auf dem Dorf zur Ehrung mit dem Bürgermeister gefahren werde. Aber das ist auch ein großer Spaß. Ich bin immer noch die Sara. Ein sehr bodenständiges Mädchen.

Natürlich ist es schräg, wenn ich in Amberg, wo ich in der Realschule war, auf der Straße angesprochen werde, ob ich ein Foto machen will.Sara Däbritz


Klar mache ich mir auch selbst Druck, eine gute Leistung zu bringen. Aber ich habe mir eine gewisse Lockerheit bewahrt.Sara Däbritz
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