Freispruch für Katar und Russland

Am 2. Dezember 2010 verkündete Fifa-Präsident Joseph Blatter, dass Katar 2022 WM-Gastgeber sein wird. Seitdem fiel in diesem Zusammenhang immer wieder das Wort Korruption. Bild: dpa

Trotz vieler Vergehen im Rennen um die WM-Gastgeberrolle 2018 und 2022 kommen Russland und das umstrittene Emirat Katar vorerst ungeschoren davon. Die Fifa-Ethikhüter konnten keine Beweise für gravierende Bestechung finden. Der Chefermittler ist nicht zufrieden.

Der Freispruch vom Korruptionsvorwurf für die umstrittenen WM-Gastgeber Russland und Katar hat zu einem Fifa-internen Eklat geführt und die Glaubwürdigkeit der vermeintlich unabhängigen Ermittlungen infrage gestellt. Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung eines 42-seitigen Berichts der rechtssprechenden Ethikkammer unter dem Vorsitz des deutschen Juristen Hans-Joachim Eckert widersprach der vom Fußball-Weltverband beauftragte Sonderermittler Michael Garcia seinem Kollegen und kündigte wegen "zahlreicher unvollständiger und fehlerhafter Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen" Berufung gegen den Bericht an.

Niersbach mit Vorbehalten

Die Korruptionsbekämpferin Sylvia Schenk sprach am Donnerstag von einer "Kommunikationskatastrophe". Die Frankfurterin, die bei Transparency International Deutschland die Arbeitsgruppe Sport leitet, sagte: "Die Fifa erhält keine Glaubwürdigkeit, wenn nur 42 Seiten von mehreren 100 veröffentlicht werden." DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Ligapräsident Reinhard Rauball hielten sich mit einer inhaltlichen Bewertung des Eckert-Berichts zurück, bekräftigten aber ihre Vorbehalte gegen die Fußball-WM Katar 2022.

Zuvor hatte die Fifa auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme Eckerts veröffentlicht, derzufolge es keine Einwände gegen das Turnier in Katar gebe. Auch Russland als Gastgeber des kommenden Turniers 2018 wurde von den seit langem schwelenden Korruptionsvorwürfen freigesprochen. Nach mehrjährigen Ermittlungen konnte die Fifa-Ethikkommission im harten Bieterwettbewerb um die Milliarden-Events in vier und acht Jahren zwar viele Verstöße gegen moralische wie juristische Regularien des Weltverbandes feststellen. Kein Vergehen wurde allerdings als so gravierend eingestuft, dass Sanktionen zu fällen wären, hieß es in dem Bericht. Garcia jedoch zeigte sich mit dem Urteil nicht einverstanden und offenbarte mit seiner öffentlichen Reaktion einen drohenden Bruch in der Fifa-Ethikkommission, deren Untersuchungskammer er führt.

Zuletzt hatte es immer wieder Forderungen von Verbänden wie dem Deutschen Fußball-Bund und der englischen FA gegeben, auch Garcias Bericht zu veröffentlichen. Die Fifa lehnte dies aber unter Verweis auf das Vertraulichkeitsgebot ab. Wogegen Garcia genau Berufung einlegen wollte, blieb zunächst offen.

Keine Strafen

Aus Eckerts Bericht jedenfalls geht auch hervor, dass gegen alle anderen ehemaligen Bewerberländer um die Turniere 2018 und 2022 sowie aktuelle oder ehemalige Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees keine Strafen verhängt werden. Eine Aberkennung der Gastgeberrollen von Katar und Russland komme nach den Ermittlungen nicht infrage, heißt es. "Insbesondere waren die Auswirkungen dieser Ereignisse auf das Bieterverfahren als Ganzes weit davon entfernt, jede Schwelle, die eine Rückkehr ins Bieterverfahren, geschweige denn Neuausschreibung erfordern würde, zu überschreiten", heißt es in dem Urteil.

Mehrfach hatte Garcia die Abgabe seiner Ergebnisse verschoben. 75 Interviews in zehn Ländern wurden geführt, 200 000 Seiten geschrieben. Das Resultat: Verfehlungen gab es vor der skandalumwitterten Doppelvergabe am 2. Dezember 2010 in Zürich sehr wohl. Besonders der ehemalige Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad & Tobago - 2011 im Zuge eines anderen Bestechungsskandals zurückgetreten - wurde von mehreren Kandidaten mit unmoralischen Angeboten kontaktiert, so offenbar auch aus England und Australien.

Ein direkter Zusammenhang mit den WM-Bewerbungen war aber nie zu beweisen oder die Versuche hatten nachweislich keinen Einfluss auf das Stimmverhalten. Japan, Südkorea und die USA versuchten sich offenbar mit Geschenken bei Fifa-Funktionären beliebt zu machen oder gegenseitige Absprachen mit anderen Kandidaten zu treffen. Einzig die Doppel-Bewerbung der Niederlande mit Belgien hatte sich gar nichts zuschulden kommen lassen, wird in dem Bericht konstatiert.

Blatter freigesprochen

Ausdrücklich freigesprochen von jedem Verdacht der Bestechlichkeit oder irregulärer Einflussnahme wurde Fifa-Präsident Joseph Blatter. Eckert bescheinigt dem Schweizer sogar eine aktive Rolle im Fifa-Demokratisierungsprozess. Franz Beckenbauer als deutsches Mitglied der Fifa-Regierung zum Zeitpunkt der WM-Vergabe wird wie alle offenbar unbescholtenen Exko-Mitglieder namentlich nicht genannt.
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