Fußball-EM 2016
Achtelfinale noch nicht fest

Mesut Özil versucht, eine Rettungsaktion von Polens Torwart Lukasz Fabianski zu verhindern. Der Mittelfeldspieler hatte nur wenige gelungene Szenen, an ihm lief das deutsche Spiel weitgehend vorbei. Bild: dpa

Die Abwehr stand sicherer, dafür haperte es in der Offensive. Deutschland muss den Achtelfinal-Einzug vertagen, bleibt in Gruppe C mit vier Punkten aber Tabellenführer. Immerhin: Das Comeback von Mats Hummels verlief erfolgreich.

Saint-Denis. Schweren Schrittes stapften Manuel Neuer und Co. zu den deutschen Fans, so richtig glücklich wirkten die Mienen der Weltmeister nicht. Es war fast schon das altbekannte Bild im zweiten Gruppenspiel: Kein Torjubel und wieder kein Sieg - Deutschland hat den vorzeitigen Einzug ins Europameisterschafts-Achtelfinale verpasst.

Sieben Monate nach der Terrornacht von Paris trennte sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Rückkehr ins Stade de France vom Dauerrivalen Polen 0:0. Den angepeilten Gruppensieg kann das Team von Bundestrainer Joachim Löw nun erst am Dienstag im Pariser Prinzenpark gegen Nordirland klarmachen. Mit Hilfe anderer Teams kann der Sprung in die K.-o.-Phase aber schon vorher perfekt sein - der neue EM-Modus macht es möglich.

"Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben. Wir haben uns als Mannschaft defensiv gut verhalten, aber offensiv hat viel gefehlt. Wir haben kein einziges 1:1-Duell gewonnen, wir sind nicht gefährlich genug", sagte Abwehrchef Jérôme Boateng und fand deutliche Worte Auch Kollege Mats Hummels, der ein erfolgreiches Comeback gab, mahnte: "Wir haben es nicht geschafft, das Spiel zu kontrollieren, was eigentlich unsere Stärke ist." Toni Kroos betonte derweil: "Jetzt müssen wir das letzte Gruppenspiel gewinnen und als Erster durchgehen."

Spezielle Rückkehr


Für die deutsche Mannschaft war es eine spezielle Rückkehr ins Stade de France. Dort hatte sie am 13. November vergangenen Jahres die schlimmen Terroranschläge von Paris hautnah miterlebt hatte. Entsprechend hoch war das Sicherheitsaufkommen im Risikospiel. 1200 Ordner und mehrere tausend Polizisten waren im Einsatz.

Auf dem Rasen spielte das vor 73 648 Zuschauern keine Rolle. "Polen ist die stärkste Kontermannschaft, die ich in den letzten zwei Jahren gesehen habe. Wir müssen besser strukturiert sein als gegen die Ukraine", hatte Löw gefordert. Und seine Mannschaft setzte die Marschroute um. Druckvoll und dominant agierte die mit zehn Weltmeistern angetretene DFB-Auswahl, durch schnelle Balleroberungen wurden die Polen in die eigene Hälfte zurückgedrängt. Allerdings fehlte oftmals der geniale Moment, um das polnische Bollwerk auszuhebeln. So gab es bereits zum achten Mal in den letzten zehn großen Turnieren kein Sieg im zweiten Spiel.

Die Defensive präsentierte sich unterdessen deutlich gefestigter im Vergleich zum vor allem in der ersten Halbzeit orientierungslosen Auftritt gegen die Ukraine (2:0). Hummels kehrte dabei für Shkodran Mustafi 26 Tage nach seinem Muskelfaserriss in der Wade zurück ins Team.

In der ersten Halbzeit erarbeitete sich die deutsche Mannschaft ein deutliches Übergewicht. Der Unterhaltungswert des Spiels war aber gering. Gefährlich wurde es in der 16. Minute bei einer Großchance des omnipräsenten Toni Kroos, nachdem sich Thomas Müller stark gegen den Dortmunder Lukasz Piszczek durchgesetzt hatte. Nur knapp verfehlte der Mittelfeldchef das Tor.

Es fehlte allerdings die nötige Konsequenz und auch mitunter die Ideen gegen eine dicht gestaffelte polnische Mannschaft. Auch weil Mesut Özil, der zum 75. Mal für Deutschland auflief, und Götze wieder einen schweren Stand hatten. Auf der Gegenseite geriet das Tor von Manuel Neuer, der erneut Bastian Schweinsteiger als Kapitän vertrat, nicht einmal in der ersten Halbzeit in Gefahr.

Müller im Zentrum


Das änderte sich schon nach 22 Sekunden in der zweiten Halbzeit. Nach einer Hereingabe von Kamil Grosicki musste Arkadiusz Milik den Ball nur noch über die Linie drücken, doch der Ex-Bundesligaprofi verfehlte den Ball nur knapp mit dem Kopf. Die deutsche Mannschaft antwortete auf die Schrecksekunde mit einer eigen Chance. Nach feinem Zuspiel von Kroos schoss Götze aber genau auf Torhüter Lukasz Fabianski (47.). Löw hatte im zweiten Durchgang seine Offensive umgestellt und Müller nach vorne beordert. Es entwickelte sich ein offeneres Spiel, in dem die Polen gefährlich blieben. So musste Abwehrchef Boateng gegen Lewandowski in höchster Not klären (59.), auch Milik ließ eine weitere Gelegenheit liegen (68.).

Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben.Jérôme Boateng

Gruppe C


Deutschland - Polen 0:0

Deutschland: Neuer (Bayern München/30/67) - Höwedes (FC Schalke 04/28/36), Boateng (Bayern München/27/61), Hummels (Borussia Dortmund/27/47), Hector (1. FC Köln/26/16) - S. Khedira (Juventus Turin/29/62), Kroos (Real Madrid/26/67) - T. Müller (Bayern München/26/73), Özil (FC Arsenal/27/75), Draxler (VfL Wolfsburg/22/21 - 71. Gomez (Besiktas Istanbul/30/65)) - Götze (Bayern München/24/54 - 66. Schürrle (VfL Wolfsburg/25/54))

Polen: Fabianski - Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk - Blaszczykowski (80. Kapustka), Krychowiak, Maczynski (76. Jodlowiec), Grosicki (87. Peszko) - Lewandowski, Milik

SR: Björn Kuipers (Niederlande) - Zuschauer: 73 648

Einzelkritik


Neuer: Als Torwart nicht einmal ernsthaft gefordert. Musste diesmal nicht wie gegen Ukraine Glanztaten zeigen. Spielte gut mit.

Höwedes: Bearbeitete die rechte Seite gewohnt ordentlich. Souverän bei Kopfbällen. Bei den wenigen Vorstößen fehlt ihm die Präzision.

Boateng: Der Bayer stand wie ein Bollwerk. Störte bei Miliks Chance (46.) entscheidend und rettete in großer Not gegen Lewandowski (60.).

Hummels: Beim Comeback erst mit Schwierigkeiten. Ließ sich von Lewandowski (15.) austricksen. Fand immer besser in die Partie und profitierte von seinem ausgezeichneten Stellungsspiel.

Hector: Höchste Laufleistung im ganzen Team schon zur Halbzeit. Leitete im Zusammenspiel mit Draxler viele gute Angriffe ein.

Khedira: Nach Foul an Milik (4.) früh verwarnt. Dann sicher in der Zweikampfführung. Bei seinen Abschlüssen aber zu überhastet.

Kroos: Der souveräne Balleroberer in der Schaltzentrale. Verhinderte viele Polen-Konter. Gute Chance nach cleveren Müller-Zuspiel (16.).

Müller: Mit großem Aktionsradius und frechem Trick gegen Piszczek (16.). Es fehlte aber die Effektivität. Verzettelte sich zu oft.

Özil: Sucht weiter seine Turnierform. Die genialen Momente fehlen dem Weltmeister. Scheiterte bei guter Chance an Polens Torwart (69.).

Draxler: In Halbzeit eins leitete der Wolfsburger über links viele Angriffe ein. Nach dem Wechsel auf rechts mit weniger Impulsen.

Götze: Gleich eine gute Kopfballchance (4.). Weitere Möglichkeit kurz nach dem Wechsel. Rieb sich an den kantigen Polen auf.

Schürrle: Setzte nach seiner Einwechslung Akzente. Vorlage auf Özil (69.). Kurz darauf Schusschance aus spitzem Winkel.

Gomez: Kam in der 71. Minute für Draxler. Blieb in der Sturmspitze ohne Durchschlagskraft und ohne Chance.
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