Fußball-EM 2016
Erdogan verteidigt seine Mannschaft

Der Buhmann der türkischen Fans: Ihr Kapitän Arda Turan. Jetzt ruft sogar Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zur Mäßigung auf. Bild: dpa

Lens. Kein Punkt, kein Tor, kein Rückhalt - die Anfeindungen gegen das Nationalteam bei der Fußball-EM veranlassen selbst das türkische Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan zu einer Reaktion. Vor dem letzten Gruppenspiel am Dienstag in Lens (21 Uhr/Sat.1) gegen Tschechien rief der umstrittene Präsident alle Beteiligten zu mehr Geschlossenheit auf. Vor allem die Häme für Barça-Profi Arda Turan von den Tribünen beim 0:3 gegen Spanien empfand der charismatische Erdogan als unpatriotisch: "Er ist unser Sohn, unser Bruder, der zur besten Mannschaft der Welt gewechselt ist. Schämt ihr euch nicht?"

Theoretische Chance


Zum Leidwesen von Erdogan ist vom einstigen Stolz der Türken auf ihre Nationalmannschaft nach zwei EM-Niederlagen gegen Kroatien (0:1) und Spanien nur wenig geblieben. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Tschechien ist der Achtelfinaleinzug nur noch theoretisch machbar. "Das hat mich als Staatspräsident sehr traurig gemacht", kommentierte Erdogan die Stimmung in der Türkei.

Vor dem Gruppen-Showdown nahm er nicht nur die Profis, sondern auch Trainer Fatih Terim demonstrativ in Schutz. Die vielen spöttischen Kommentare in den sozialen Medien, vor denen auch die schwangere Tochter Terims nicht verschont blieb, bezeichnete Erdogan als "inakzeptabel": "Das sind ganz große Unverschämtheiten. So etwas darf nicht sein." Angesichts der Stimmung um das Nationalteam wird ein Abschlusserfolg gegen Tschechien noch unwahrscheinlicher als er ohnehin schon ist. Medienberichte über Querelen innerhalb der Mannschaft runden das Bild ab. Die Mannschaft um die Bundesligaprofis Hakan Calhanoglu (Leverkusen), Nuri Sahin (Dortmund) und Yunus Malli (Mainz) ist bislang eine der großen EM-Enttäuschungen. Nur ein kleines Fußball-Wunder kann die Türken noch vor dem frühen Aus bewahren. Ein möglichst hoher Sieg gegen Tschechien wäre dafür einerseits nötig. Zudem müssten die Türken darauf hoffen, dass nicht noch vier andere Gruppendritte am Ende der Vorrunde am Mittwoch besser sind.

Angesichts der bisherigen Leistungen ist kaum vorstellbar, wer die Tore schießen soll. Tschechien hat zwar auch erst einen Punkt ergattert, geht aber als Favorit ins Rennen. "Die Türkei ist auf jeden Fall der schwächste Gegner in der Gruppe", meinte Pavel Kaderabek von 1899 Hoffenheim. Allerdings muss der Europameister von 1976 mit der Bürde kämpfen, dass die Identifikationsfigur - Kapitän Tomas Rosicky - verletzungsbedingt nicht mehr zur Verfügung steht. "Der Ausfall schmerzt natürlich sehr. Es wird hart, Tomas zu ersetzen", sagte Abwehrspieler Kaderabek.

Noch Platz zwei drin


Mit einem Sieg könnte Tschechien sogar noch auf Platz zwei springen, wenn Kroatien gegen Titelverteidiger Spanien verliert und am Ende das schlechtere Torverhältnis hat.
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