Fußball-EM 2016
Frust und auch ein bisschen Lust nach dem 0:2

Sie können es nicht fassen: Bastian Schweinsteiger (links) und Toni Kroos stehen wie angewurzelt nach dem Schlusspfiff im Stadion von Marseille. Die deutsche Nationalelf reiste am Freitag Richtung Heimat. Bild: dpa
 
Sogar Leroy Sané (rechts) durfte gegen die Franzosen noch ran. Es nutzte aber nichts mehr. Bild: dpa

Der Traum vom Titel-Double ist unerfüllt. Ein Mix aus Tormangel, fehlenden Spieler-Alternativen und Pech verhindert den Einzug ins EM-Finale. Für grundsätzliche Korrekturen gibt es kaum Veranlassung. Joachim Löw hat eine neue, reizvolle Aufgabe.

Marseille. Es war noch enorm viel Frust dabei, als Joachim Löw und seine erschöpften Spieler nach einer unruhigen Nacht den Ort der bitteren Niederlage verließen. Auf den Flügen nach Düsseldorf, Frankfurt und München beschäftigte die enttäuschten Protagonisten weiter die Frage, die auch 30 Millionen Fernsehzuschauer in Deutschland am Freitag immer noch quälte: Wie konnte der Weltmeister dieses Spiel gegen den EM-Gastgeber Frankreich trotz deutlicher optischer Dominanz 0:2 verlieren?

"Einmal ist man oben. In einem anderen Spiel kommen Dinge zusammen, die nicht positiv sind: Ausfälle, vergebene Chancen", fasste der Bundestrainer den aufregenden Halbfinal-Abend im Stade Vélodrome zusammen. Trotz des Ärgers über den geplatzten Traum vom Titel-Double und des ersten EM-Triumphes nach 20 Jahren sieht Löw nach einem Mammut-Turnier mit mehr Licht als Schatten keinen Veranlassung für grundsätzliche Korrekturen.

"Wir hatten nicht das notwendige Glück. Als wir 2010 und 2012 ausgeschieden sind, hatten uns die Mannschaften etwas voraus. Heute hatten wir den Franzosen etwas voraus", sagte Löw, der ein wenig mit der Fußball-Gerechtigkeit haderte. Dass Bastian Schweinsteigers unglückliches Handspiel mit anschließendem Elfmeter der Partie gegen die erstarkten Franzosen ihre Richtung gegeben hatte, passte ins Bild. "Wir fahren jetzt heim und versuchen es in zwei Jahren wieder", bemerkte der verletzte zweifache Torschütze Gomez. Er wurde im Halbfinale noch schmerzlicher vermisst als Mats Hummels und Sami Khdedira.

Löw selbst weigerte sich, unter den Emotionen des K.-o.-Schlags irgendwelche Zukunftsfragen zu beantworten. "Da sitzt der Stachel doch noch tief", wich der 56-Jährige aus. "Wir haben im Vorfeld nicht darüber gesprochen, was wir machen, wenn wir verlieren." Dass Löw wie vertraglich vereinbart bis zur WM 2018 in Russland weiter arbeitet, steht nicht zur Disposition. "Bei ihm ist es einfach so: Die sechs Wochen sind auch für ihn eine sehr intensive Zeit. Ich weiß, dass er danach immer Kraft tanken will, ein bisschen Abstand bekommen will", erklärte Teammanager Oliver Bierhoff. Er sah keinen Grund für Irritationen und Spekulationen. "Ich gehe davon aus, dass es so weiter geht."

In ein paar Tagen will Löw mit seinem Stab eine "kurze Analyse" des Turniers abhalten. "So viele Fehler habe ich jetzt nicht festgestellt. Es war eine tolle Mannschaft." In Frankreich hat Löw erneut bewiesen, dass er in kürzester Zeit seine Spieler zu einem Team auf höchstem Niveau formen kann. Zum fünften Mal in seiner Amtszeit führte er Deutschland mindestens in ein Turnier-Halbfinale - ein Gütesiegel.

"Wir sind nicht umsonst Weltmeister geworden. Wir haben genug Potenzial", betonte Spielmacher Mesut Özil. Ganz schafften es der Bundestrainer und sein Team aber nicht, wie beim Triumph in Brasilien im entscheidenden Moment den besten Mix aus Dominanz, Leidenschaft und Abgeklärtheit auf den Rasen zu bringen.

Viele Chancen - wenig Tore


Das hatte im stimmungsvollen Halbfinale nicht nur mit Glück und Pech zu tun. Dem Team 2016 mangelte es an Effektivität, wie die nur sieben Tore in sechs Spielen beweisen. Auch in der EM-Qualifikation hatte die DFB-Elf schon darunter gelitten. "Es hat vor allem einer gefehlt, der den Ball reinschießt", urteilte Hummels. Nach dem Italien-Kraftakt fehlte schlussendlich auch einfach die Substanz, um die Ausfälle von Schlüsselspielern wie Hummels, Khedira, Gomez und später auch noch Jérôme Boateng zu kompensieren.

Wir fahren jetzt heim und versuchen es in zwei Jahren wieder.Mario Gomez
Weitere Beiträge zu den Themen: EM2016 (336)Deutschland gegen Frankreich (1)
2 Kommentare
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Johanna Kirsch aus Stadlern | 09.07.2016 | 19:51  
Redaktion Onetz aus Weiden in der Oberpfalz | 09.07.2016 | 22:35  
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