Fußball-EM 2016
Gewaltexzesse und keine Lösung

Der russische Trainer Leonid Slutsky zeigt an: Kein Kommentar. Aus dem Lager der Sbornaja gab es keine Bewertung der Holligan-Übergriffe, an denen vor allem russische Gewalttäter beteiligt waren. Bild: dpa
 
"Ich möchte die Fans bitten: Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!" Zitat: Wayne Rooney

Mediale Offensive bei den Engländern, Abschottung bei den Russen: Mit sehr unterschiedlichen Strategien sind die vom Ausschluss bedrohten EM-Teams mit ihrer prekären Lage umgegangen. Fußball-Europa diskutiert die Gewaltexzesse.

Paris. Nach den schlimmen Gewaltexzessen von Marseille wollen Engländer und Russen auf höchst unterschiedliche Weise den drohenden EM-Rauswurf abwenden. Angeführt von Kapitän Wayne Rooney und Trainer Roy Hodgson richteten die Engländer am Montag einen eindringlichen Videoappell an ihre Fans in der Heimat und in Frankreich. Die Russen blockten in ihrer Unterkunft vor den Toren von Paris alle Fragen zu nicht sportlichen Themen ab. Aus Moskau gab es sogar Funktionärs-Kommentare, die die Fanausschreitungen verteidigten.

Die Uefa gerät derweil in der neu entflammten Diskussion um die Hooligangewalt als Organisator des Mammut-Turniers immer mehr in die Kritik. Riskante Spiel-Ansetzungen, kein sinnhafter Kampf gegen Hooligans und Zensur bei TV-Bildern lauten die Vorwürfe an die Europäische Fußball-Union. Die Uefa verkündete am Montag nach der Rauswurf-Drohung gegen England und Russland und der Aufstockung des Sicherheitspersonals für alle Spiele keine weiteren Maßnahmen.

Keine Ermittlungen wird es nach der Auseinandersetzung zwischen deutschen und ukrainischen Fans am Sonntagabend in Lille geben. Vor der Partie der DFB-Elf waren zwei Menschen leicht verletzt worden. Rund 50 deutsche Hooligans hatten mehrere ukrainische Fans in der Innenstadt von Lille angegriffen.

Polizei überfordert


Kritische Fragen muss sich die französische Polizei gefallen lassen. Trotz Tränengaseinsatz und massiver Präsenz konnte bei den Krawallen in Marseille keiner der etwa 150 beteiligten russischen Hooligans festgenommen werden, wie der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, berichtete. "Das sind Leute, die für sowas trainieren", sagte er. Nur zwei Russen wurden des Landes verwiesen.

Noch am Montag sollten zehn Verdächtige vor Gericht kommen - sechs Briten, drei Franzosen und ein Österreicher, wie der Ankläger sagte. Ein 29-jähriger Franzose, der drei Menschen getreten und mit der Faust geschlagen haben soll, wurde dabei zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Die Hälfte der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Zuvor waren bereits zwei britische Fans zu Haftstrafen von zwei beziehungsweise drei Monaten verurteilt worden.

Die größte Sorge der Uefa lautet: Nach den mehrtägigen Krawallen von Marseille könnte es bereits beim zweiten Gruppenspiel der Engländer gegen Wales am Donnerstag in Lens den nächsten brenzligen Zusammenstoß mit russischen Hooligans geben, deren Mannschaft am Vortag im unweit entfernten Lille gegen die Slowakei antritt. "Es benötigte nicht das allergrößte Gehirn, um festzustellen, dass Lens Probleme haben wird, eine solche Menschenmenge unterzubringen", kritisierte die englische Zeitung "Daily Mail" die Ansetzung des ohnehin brisanten Briten-Duells in der kleinsten EM-Stadt.

Die Three Lions baten ihre Fans eindringlich um Vorsicht und Vernunft. Mit ernstem Blick rief Rooney die Fans zur Ordnung auf. "Wir stehen vor einem großen Spiel gegen Wales. Ich möchte die Fans bitten: Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!", betonte der 30-Jährige in einer Video-Botschaft von Englands Verband FA am Montag. Auch Coach Roy Hodgson zeigte sich nach den erschreckenden Ausschreitungen von Marseille "sehr besorgt" über die letzte Warnung durch das Exekutivkomitee der Europäische Fußball-Union. "Ich appelliere an alle unsere Fans: Haltet euch aus Ärger heraus und versucht, dass diese Drohungen niemals wahr gemacht werden", sagte der Trainer.

"Gut gemacht, Jungs"


In Russland wird die Lage der Dinge offenbar komplett anders aufgenommen. Parlaments-Vizepräsident und Vorstandsmitglied der russischen Fußball-Union Igor Lebedew twitterte am Montag die zynische Nachricht: "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!" Im Teamquartier versuchten die Spieler um Schalke-Profi Roman Neustädter Fußball-Normalität zu leben. Ob die Ausschreitungen und der mögliche Ausschluss von der EM in der Mannschaft diskutiert werden? "Wir kommentieren das nicht", hieß es vom Verbandssprecher.

Ich möchte die Fans bitten: Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!Wayne Rooney
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