Fußball-EM 2016
Jogis Jungs kommen langsam in Schwung

Reine Vorsichtsmaßnahme: Bundestrainer Joachim Löw (Mitte) nimmt Jérôme Boateng (rechts) vom Platz. Bild: dpa
 
Der Moment der Erlösung: Mario Gomez trifft zum entscheidenden 1:0. Die Deutschen vergaben davor und danach noch jede Menge Chancen. Bild: dpa

Chancen en masse, aber nur ein Tor - trotzdem steht Deutschland als Gruppensieger im Achtelfinale. Nun geht es gegen die Slowakei oder Albanien. Auch wenn das Ergebnis zu niedrig ausfiel, zeigt der Weltmeister sein bestes Spiel bei der Europameisterschaft.

Paris. Mit einem flotten Sprung vom Pressepodium im Pariser Prinzenpark ließ Joachim Löw die "zähe" EM-Gruppenphase hinter sich. Nach dem Erreichen des ersten wichtigen Zwischenziels auf der beschwerlichen Frankreise-Reise des Fußball-Weltmeisters freute sich der Bundestrainer auf die nun kommenden Alles-oder-nichts-Spiele, für die er sein Team trotz des im Ergebnis mageren 1:0 gegen Nordirland bereit sieht. "Ich war zufrieden, wir haben das Spiel total dominiert", sagte Löw am Dienstagabend.

Allein die Chancenverwertung ärgerte ihn: "Wir müssen schon zur Halbzeit 3:0, 4:0 führen. Dann hätten wir den einen oder anderen Spieler schonen können", sagte er mit Blick auf das Achtelfinale am kommenden Sonntag (18 Uhr) in Lille gegen die Slowakei oder Albanien.

Konzentration vorm Tor


Nur Mario Gomez hatte in 90 dominanten Minuten mit seinem ersten Pflichtspieltor seit 2012 eine der insgesamt elf Großchancen genutzt. "Natürlich ärgert uns das", sagte der als "Man of the Match" ausgezeichnete Spielmacher Mesut Özil. Trotz des Chancenwuchers reichte der viel zu knappe Erfolg zum Gruppensieg. Immerhin zeigte das deutsche Team eine deutliche spielerische Leistungssteigerung im Vergleich zu den vorangegangenen Auftritten gegen die Ukraine (2:0) und Polen (0:0). "Wenn die K.-o.-Spiele kommen, muss man die wenigen Chance eiskalt verwerten und nicht damit spaßen", forderte Löw mehr Konzentration vor dem Tor.

Gomez verwertete in der 29. Minute die da bereits sechste große Einschussmöglichkeit des Weltmeistrers. Vor 44 125 Zuschauern schoss der Matchwinner den 25. deutschen Sieg in der EM-Geschichte heraus. "Mario Gomez hat das Tor gemacht, das war gut. Wir brauchten in der Spitze heute einen anderen Stürmertyp", lobte Löw seinen echten Neuner. Zugleich blieb der dreimalige Europameister in der gesamten Vorrunde ohne Gegentor, was letztmals beim EM-Titel 1996 gelang.

"Wir sind Gruppenerster, das ist, was zählt bei einer EM. Jetzt hoffen wir, dass wir auch noch die Tore schießen. Vielleicht haben wir uns die Tore für die K.-o.-Phase aufgehoben", meinte Gomez. Der im Abschluss glücklose Thomas Müller, der unter anderem Pfosten und Latte getroffen hatte, betonte: "Wir haben das umgesetzt, was wir trainiert haben. Nur die Tore haben gefehlt. Allein ich hätte in der ersten Halbzeit mit Gareth Bale gleichziehen können. Wir waren aber gierig und haben uns reingebissen."

Bangen um Boateng


Sorgen machte vor der Heimreise ins Quartier am Genfer See allein die Wade von Jérôme Boateng. Den Abwehrchef holte Löw vorzeitig vom Platz, um keine schlimme Muskelverletzung zu riskieren: "Ich gehe davon aus, dass er im Achtelfinale spielen kann."

Die Spieler in der Einzelkritik


Neuer: Einen Schuss von Ward parierte er sicher (26.). Ansonsten fast nur Zuschauer des deutschen Angriffsspiels. Seine Null steht weiter.

Kimmich: Fast nur als Rechtsaußen unterwegs. Die von Löw erhofften Offensivimpulse kamen vom Turnierneuling. Präzise Flanken - klasse.

Boateng: Leitete aus der Abwehr Großchancen von Müller (7.) und Özil (11.) ein. Ließ aber Davis einmal unkonzentriert passieren (57.).

Hummels: Klärte gut gegen Washington (8.). Sehr gutes Stellungsspiel, sicher in der Spieleröffnung. Ein Ruhepol im deutschen Abwehrzentrum.

Hector: Seine Defensivaufgabe löste der Kölner. Offensiv fiel seine Flankenschwäche negativ auf. Fiel im Vergleich zu Kimmich klar ab.

Khedira: Die Fehlerquote war zu hoch. Leistete sich Ballverluste in der eigenen Hälfte. Einige gute öffnende Pässe nach vorne.

Kroos: Spielmacher aus der Tiefe. Gewohnt ballsicher. Musste defensiv wenig erledigen. Ein unspektakulärer Auftritt des Verbindungsmannes.

Müller: Arbeitete sich ins Turnier. An vielen gefährlichen Aktionen beteiligt. Legte Gomez das 1:0 auf. Vier Großchancen, zweimal im Pech mit Pfosten-Kopfball (27.) und Lattenschuss (34.). Ein Aktivposten.

Özil: Der Spielmacher drehte erstmals auf. Legte Müller top auf (7.), leitete das Gomez-Tor ein. Großer Aktionsradius. Überall unterwegs.

Götze: Agierte diesmal links. Einige schlampige Ballverluste - und nicht effektiv: Scheiterte zweimal am Torwart, zielte einmal vorbei.

Gomez: Erstmals Startelf - und gleich ein Tor. Brachte Wucht in den Strafraum, legte Müller mit der Brust auf (23.), köpfte gefährlich (82.). Zeigte seine Qualitäten.

Schürrle: Kam für Götze (55.). Auch im dritten Turnierspiel noch nicht mit der großen Joker-Aktion. So drängt er sich nicht auf.

Schweinsteiger: Wertvolle 23 Turnierminuten für den Kapitän. Warf sich in die Zweikämpfe, dirigierte, brachte seine Ballsicherheit ein.

Höwedes: Der Schalker kam für den in der Endphase geschonten Boateng ins Abwehrzentrum. Bleibt eine wichtige Defensivkraft fürs Turnier.

Vielleicht haben wir uns die Tore für die K.-o.-Phase aufgehoben.Torschütze Mario Gomez
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