Fußball-EM 2016
Russen-Aus eine Schande

Hilflos an der Außenlinie: Russlands Coach Leonid Sluzki konnte keinen Einfluss mehr auf das Spiel seiner Mannschaft nehmen. Russland verabschiedet sich sang- und klanglos von der EM. Bild: dpa

Der nächste WM-Gastgeber steht vor einem Scherbenhaufen. Das russische Team ist zwei Jahre vor dem großen Turnier in der Heimat sportlich nicht konkurrenzfähig. Außerhalb des Platzes drängt vor allem das Hooligan-Problem.

Toulouse/Moskau. Leonid Sluzki konnte einem fast schon leidtun. Kleinlaut musste sich der Trainer der russischen Fußball-Nationalmannschaft nach dem sieglosen EM-Aus rechtfertigen und scharfe Kritik gefallen lassen. Mehrfach sagte Sluzki nach der 0:3-Niederlage gegen Wales: "Ich muss mich entschuldigen für die Leistung. Die Fans haben das nicht verdient." Wenige Stunden später gab es dann noch die scharfen Reaktionen aus der Heimat. "Tu-Loser" titelte die Moskauer Zeitung "Sport-Express" in Anspielung auf den Spielort Toulouse. "Kommersant" schrieb: "Die Europameisterschaft in Frankreich ist für die russische Sbornaja in Schande geendet." Und in der "Iswestija" hieß es: "Die Mannschaft von Sluzki hat eine Parodie auf den Fußball zum Besten gegeben."

Der Trainer kannte die bösen Schlagzeilen noch nicht, als er sagte: "Das Ergebnis ist eindeutig. Unser Niveau ist nicht gut genug." Sluzki suchte keine Ausreden und redete nicht drumherum: "Es ist hart darüber zu sprechen, aber wir waren schlecht in jedem Bereich." Sluzki übernahm "die volle Verantwortung" und beantwortete die Frage, ob er das Team auf die WM vorbereiten werde, eindeutig: "Ich denke, nach so einem Turnier brauchst du einen Anderen, der es macht. Wenn wir es nicht geschafft haben, dann heißt das, dass der Trainer seine Aufgaben nicht erfüllt hat." Der 45-Jährige hatte den Job als Nationalcoach erst Mitte 2015 vom entlassenen Fabio Capello übernommen und die Sbornaja im Schlussspurt der Qualifikation noch zur EM geführt. Kurioserweise stärkte Sportminister Witali Mutko, der auch Chef des Fußballverbandes RFS ist, Sluzki zunächst den Rücken. "Seine Reaktion ist verständlich. Er will, dass sich die Jungs nicht zu sehr selbst kritisieren", sagte Mutko der Agentur Tass. Doch eine Entscheidung werde später getroffen.

Keine Top-Spieler


"Wir müssen uns eingestehen, dass wir derzeit keine Top-Spieler haben", sagte Mutko: "Das Spiel der Mannschaft zeigt das echte Niveau unseres Fußballs." Ähnlich drückte es der Coach aus, der forderte: "Wir müssen junge Spieler ausbilden."

Zwei Jahre vor der Heim-WM geht es den Russen ähnlich wie den Deutschen, die 2004 bei der EM in der Vorrunde ausschieden und in Windeseile einen Neustart benötigten. Dass es in Russland ein ähnliches Sommermärchen geben könnte, scheint allerdings höchst zweifelhaft.

Die Russen gaben bei der EM kein gutes Bild ab, auch nicht außerhalb des Rasens. In Erinnerung bleiben vor allem die Jagdszenen und Ausschreitungen von Marseille. Der WM-Gastgeber 2018 hat ein massives Hooligan-Problem.

Drahtzieher der Ultras


Wie zum Hohn reiste Alexander Schprygin, der ausgewiesene Vorsitzende des Allrussischen Fanverbandes, zum letzten Gruppenspiel nach Toulouse und prahlte damit auch noch bei Twitter. Er wurde erneut festgenommen. So wie zuvor nach der Hooligan-Gewalt rund um das Spiel Russland gegen England. Schprygin gilt mit seinem Fanverband als ein Drahtzieher der Ultras in Russland.

Ich muss mich entschuldigen für die Leistung. Die Fans haben das nicht verdient.Der russische Nationaltrainer Leonid Sluzki
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