Fußball-EM 2016
Wilmots: Wutrede statt Freude

Ziemlich aufgebracht war der belgische Trainer Marc Wilmots nach dem Spiel, obwohl seine Mannschaft mit 3:0 gegen Irland gewonnen hatte. Bild: dpa

3:0 gewonnen - aber Marc Wilmots bekommt schnell schlechte Laune. Der belgische Trainer nutzt den EM-Erfolg gegen Irland, um mit einigen Kritikern abzurechnen. Und der empfindlich gewordene Coach berichtet genüsslich über einen Bluff.

Bordeaux. Auch der königliche Kabinenbesuch konnte Marc Wilmots nicht besänftigen. Eine einzige Frage genügte, um den Trainer des EM-Mitfavoriten Belgien nach dem 3:0-Sieg gegen Irland auf die Palme zu bringen. "Das manipuliert die Leute", schimpfte Wilmots über die heftige Kritik aus der Heimat im Vorfeld der Partie.

Dünnhäutiger Wilmots


Die dürfte nach dem wichtigen Erfolg in Bordeaux durch die Tore von Romelu Lukaku (48./70. Minute) und Axel Witsel (61.) erst einmal verstummen. So richtig verarbeitet hat Wilmots die Schlagzeilen der vergangenen Tage aber wohl noch nicht, auch wenn er behauptete: "Ich lebe damit. Das berührt mich nicht." Der Eindruck, den der Coach dabei machte, deutete allerdings auf das genaue Gegenteil hin. Wie dünnhäutig der frühere Schalke-Profi spätestens nach dem Vorwurf der falschen Taktik beim Auftakt-0:2 gegen Italien ist, zeigte sich kurz nach dem royalen Empfang in der Umkleidekabine.

"Ich bin 47. Ich will meine Kinder auf den richtigen Weg bringen. Ich genieße meinen Job", schleuderte der Coach seinen Kritikern die Worte geradezu entgegen. "Ich bin positiv. Leute, die kritisieren, werden nie ein glückliches Leben haben. Wenn Leute negativ sind, interessiert mich das nicht."

Unmittelbar nach dem Abpfiff wirkte Wilmots noch entspannt. Er klatschte ein paar Mal in die Hände, umarmte einige Spieler und ging in die Kabine, wo König Philippe der Mannschaft zum Sieg gratulierte. Später wies Wilmots voller Genugtuung darauf hin, dass er die Kritiker und den Gegner ausgetrickst habe.

"Ja, ich habe geblufft", sagte Wilmots über die Aufstellung von Doppeltorschütze Lukaku und Kevin De Bruyne, die einige Beobachter nach deren schwachen Leistungen nicht in der Startelf erwartet hatten. "Die Spieler wussten, wer spielt, aber das haben wir privat gehalten." Genussvoll kommentierte Wilmots den Führungstreffer nach einem Klasse-Konter über De Bruyne: "Das war das Tor meiner Strategie." Der ehemalige Bundesligaprofi überlief nach einer Körpertäuschung zwei Iren und bereitete so den ersten von zwei Lukaku-Treffern vor. Befreit stürmte der Torschütze in die Arme seines Bruders und des Coaches, der Lukaku lange herzte. Auch in diesem Moment zeigte sich, wie groß der Druck war - auch auf einige Spieler.

"Das war nicht meine Antwort", betonte der gegen Italien wirkungslose Lukaku: "Es war die Antwort der gesamten Mannschaft." Wilmots sah sich durch die beiden Treffer bestätigt: "Wir haben heute einem Spieler Vertrauen geschenkt und sind dafür belohnt worden."

Nicht nur für den unter Druck geratenen Coach wird es durch den befreienden Sieg leichter. Schon bei einem Remis gegen Schweden wäre Belgien sicher in der K.-o.-Runde. Auch für die zuletzt kritisierten Spieler wird es nun deutlich entspannter.

"Kinnhaken eingefangen"


"Sich von der Presse zerreißen zu lassen bin ich gewohnt, aber nicht die Jungs. Das ist das erste Mal, dass sie das alles aufnehmen", sagte Wilmots: "Sie waren mit einem Bein am Boden und haben sich einen Kinnhaken eingefangen. Das hat sie aufgeweckt." Der starke Witsel, der zuletzt ebenfalls keine positiven Schlagzeilen bekam, stellte lapidar fest: "Kritik ist ein Teil des Fußballs." Und dann verabschiedete sich der Mittelfeldspieler mit einer alten Binsenweisheit: "Manchmal ändern sich die Dinge im Fußball auch sehr schnell."

Ich bin 47. Ich will meine Kinder auf den richtigen Weg bringen. Ich genieße meinen Job.Der belgische Trainer Marc Wilmots
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