Fußball-EM
Abtauchen ganz normal

Einsam marschiert Joachim Löw nach dem verlorenen Halbfinalspiel über den Platz. Der Bundestrainer ist zwar momentan nicht zu erreichen, aber er macht auf jeden Fall weiter bis zur WM 2018. Bild: dpa

Joachim Löw pflegt sein Turnier-Ritual: Erstmal abtauchen. Der Bundestrainer muss sein "Gefühlsleben" nach dem verpassten Finale erst wieder ins Gleichgewicht rücken. Aber die EM in Frankreich war immer nur ein "wichtiges Zwischenziel" für das wahre Lebensziel.

München. Die Spieler sind im Urlaub, der Bundestrainer ist abgetaucht. Und Joachim Löw hat die Fußballnation nach dem verpassten EM-Finale durchaus irritiert, als er nicht gleich nach dem 0:2 gegen den Turniergastgeber im Halbfinale von Marseille ein einfaches, klares "Ja" zu seiner Zukunft als Nationaltrainer über die Lippen brachte. Das Rätselraten um den 56-Jährigen ist aber nicht wirklich eines, vielmehr pflegt Löw ein schon gewohntes Turnierritual.

Der Weltmeistercoach wollte zwei Jahre nach dem Triumph in Brasilien mit dem EM-Titel eine Ära prägen. Alle Kraft, alle Energie steckte er mit seinen Spielern und seinem Stab seit dem Vorbereitungsstart am 24. Mai in dieses Ziel. Die Niederlage in Marseille stürzte Löw in eine Leere. Fragen zur Zukunft sind das Letzte, was Löw in so einem Moment hören und beantworten möchte. Das war nach dem EM-Aus 2012 so, das war nach dem WM-Triumph 2014 so.

Schon vor dem Halbfinale gegen Frankreich hatte der DFB-Chefcoach seinen Gemütszustand nach dem Turnierende beschrieben. "Das Gefühlsleben ist ein anderes. Wenn ein Turnier nach sieben Wochen Zusammensein, Arbeit, ständigen Aufgaben und viel Kommunikation zuende und man den ersten, zweiten Tag wieder zu Hause ist, dann fragt man sich: Was soll ich eigentlich tun?", sagte Löw.

Einfach umschalten auf die kommenden Aufgaben ist für Löw nicht möglich. "Ein Turnier ist eine sehr intensive Zeit für Jogi. Ich weiß, dass er danach immer Kraft tanken will, ein bisschen Abstand bekommen will", berichtete Teammanager Oliver Bierhoff, seit zwölf Jahren einer der engsten Wegbegleiter von Löw beim DFB.

Wie lange die Niederlage gegen Frankreich gerade auch bei Löw, der das 0:2 spontan als völlig unverdient empfand, nachwirken wird, ist unklar. "Das ist schwierig zu beantworten", sagte der Bundestrainer vor der Abreise aus Marseille. DFB-Präsident Reinhard Grindel will Löw "einige Tage der ruhigen Analyse des Turniers zubilligen" und dann "gemeinsam mit Jogi Löw den Weg in Richtung Titelverteidigung 2018 in Russland gehen". Bis dahin läuft Löws Vertrag beim DFB.

Das Szenario ist nicht neu: Nach der EM 2012, als das Halbfinal-Aus gegen Italien auch eine scharfe öffentliche Debatte über den Trainer auslöste, brauchte Löw eine längere Zeit bis zum klaren Bekenntnis. Und nach seinem ersten Titelgewinn mit der Nationalmannschaft 2014 in Brasilien ließ er ebenfalls mehr als eine Woche verstreichen, bevor er offiziell den Verbleib in seinem Job bestätigte.

Löw hat aber als Bundestrainer noch ein Lebensziel, das er in seiner Neujahrsbotschaft für 2016 verkündete. Die EM in Frankreich stufte er da nur als "wichtiges Zwischenziel" auf dem Weg nach Russland 2018 ein. "Ich glaube, dass es etwas ganz, ganz Besonderes ist, wenn wir es schaffen würden, den Weltmeistertitel zu verteidigen. Das hat noch keine deutsche Mannschaft in der Geschichte geschafft." Löws Mission als Bundestrainer ist also noch nicht erfüllt - und die EURO 2016 war ja kein Desaster, das ihn zu einem Rücktritt veranlassen müsste.

"Wieder unter die letzten Vier zu kommen, ist einfach ein Erfolg", urteilte Manager Bierhoff: "Wir waren die jüngste Truppe. Viele junge Spieler haben Erfahrung sammeln können. Ich bin sehr zufrieden, wie sich die Mannschaft verkauft hat." Ein weiteres Indiz ist, dass noch vor dem Halbfinal-Aus durchsickerte, dass Marcus Sorg als zweiter Assistent von Löw beim Nationalteam bleiben wird. Solche Weichen stellt die Sportliche Leitung nicht umsonst frühzeitig.

Wir waren die jüngste Truppe. Viele junge Spieler haben Erfahrung sammeln können. Ich bin sehr zufrieden, wie sich die Mannschaft verkauft hat.Team-Manager Oliver Bierhoff
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