Fußball
Island nach dem EM-erfolg und vor dem Touristenstrom

Islands Aron Gunnarsson (vorne) gab den Einpeitscher zum gemeinsamen "Hu!" mit den Fans nach den Siegen bei der EM in Frankreich. Bild: dpa

Reykjavík. Es gibt einen Spruch, der Islands Fußballtrainer Heimir Hallgrímsson schon sein Leben lang verfolgt. "Er handelt davon, dass Island zu wenig Einwohner hat, um jemals das Finale eines großen Fußballturniers erreichen zu können", sagt Hallgrímsson. Im Sommer hat er seinen Landsleuten das Gegenteil bewiesen. Gemeinsam mit dem damaligen Cheftrainer Lars Lagerbäck führte er Islands Fußballer bis ins Viertelfinale der EM. Der Erfolg der Elf, die jedes Match mit dem Schlachtruf "Hu!" feierte, löste einen weltweiten Hype aus - und hat dem Land eine beispiellose Imagekampagne beschert.

"Eine bessere Werbung für Island hätte man wohl nicht kaufen können", sagt Hallgrímsson. "Selbst ein Vulkanausbruch hätte nicht so einen großen Einfluss gehabt." Nicht nur im Gastgeberland Frankreich flogen den Isländern die Herzen zu. 152 000 Artikel in Medien weltweit zählte das Tourismus-Büro Promote Iceland im Sommer. Visiticeland.com verzeichnete doppelt so viele Zugriffe wie sonst, als Island die Engländer im Achtelfinale schlug. Und in Deutschland googelten Internetnutzer Island während der EM fast fünfmal so häufig wie zuvor. Dabei hätte sein Land die Gratisreklame gar nicht gebraucht, meint der 49-jährige Hallgrímsson, der neben seinem Job als Fußballtrainer Zahnarzt ist. Der Tourismus auf der kleinen Insel im Nordatlantik wächst gerade Jahr um Jahr mit 25 bis 30 Prozent.

Rund 1,7 Millionen Touristen erwartet das Land für das Jahr 2016 - zu viele, wenn man Hallgrímsson fragt. "Jeder kommt nach Island, um sich die Natur anzusehen, und wir zerstören sie, indem wir sie mit Menschen überfrachten." Besonders merkt der Nationaltrainer das auf "seiner" Inselgruppe, den Westmännerinseln im Süden Islands. Im Sommer ist die Fähre zwischen diesen Inseln und der Hauptinsel oft völlig überfüllt. Manchmal so sehr, dass Hallgrímsson nicht mehr nach Hause kommt, erzählt er: "Das ist merkwürdig für mich." Bis Island seine Infrastruktur ausgebaut habe, sollte für Urlauber ein "Ausverkauft"-Schild am Flughafen hängen, meint Hallgrímsson. Doch die Tourismusbranche denkt nicht daran, dem nicht nachlassenden Strom von zahlungswilligen Gästen Einhalt zu gebieten. Die Flugzeuge auf die Insel sind inzwischen auch im Winter voll von Urlaubern.

Der Nationaltrainer hat deswegen Bedenken. Für ihn liegt der größte Gewinn aus dem sensationellen Auftritt seiner Mannschaft bei der EM ganz woanders: "An den Juni 2016 wird man sich immer als den Monat erinnern, der die isländische Nation geeint hat", sagt Hallgrímsson. "Politische Feinde haben nebeneinander gesessen und sich umarmt, und eine Oma, die nie in ihrem Leben Fußball gesehen hat, hat sich mit ihren Kindern und Enkelkindern zusammen ganze Spiele angesehen." Und das isländische Fußballabenteuer, ist er überzeugt, ist längst nicht zu Ende: Das "Hu!" der Wikinger soll auch bei der Weltmeisterschaft in Russland 2018 erklingen. Auf dem besten Wege dahin sind die Isländer. In ihrer Quali-Gruppe liegen sie punktgleich mit Kroatien auf dem zweiten Platz.
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