Fußball
Was ist bloß mit diesen Bayern los?

Die entscheidende Szene im Champions-League-Spiel der Bayern in Rostow: Christian Noboa (blau, Nummer 16) schießt das 3:2 für die Russen. Bild: dpa

München. Aus heutiger Sicht klingt der Werdegang eines über viele Jahre mächtigen Entscheiders im Bundesliga-Fußball reichlich kurios. Der langjährige Finanzvorstand des FC Bayern, Karl Hopfner, bewarb sich im Herbst 1982 auf eine Zeitungsannonce - und setzte sich beim damals finanzschwachen Münchner Club gegen mehr als 400 Kandidaten durch.

"Karl hat mir einmal erzählt, was er sich bei der Zusage des FC Bayern dachte: "Alle Besseren haben wohl abgesagt." Stimmte aber nicht", erzählte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Der heute 64-jährige Hopfner war danach maßgeblich am Aufstieg des deutschen Rekordmeisters zu einem finanzstarken Global Player im Fußball verantwortlich.

"Als er im Juni 1983 seinen Schreibtisch bezog, plagten den FC Bayern 7,5 Millionen Mark Schulden", sagte Rummenigge im "Bayern Magazin". "Aus heutiger Sicht würde das bedeuten, dass Bayern München mehr als 250 Millionen Euro Verbindlichkeiten hätte." Die erste große Amtshandlung Hopfners: Er verkaufte Rummenigge für die damalige Rekordablöse von elf Millionen Mark an Inter Mailand.

Ende 2012 zog Hopfner sich aus dem Vorstand der FC Bayern München AG zurück. Nach der Verurteilung von Uli Hoeneß sprang er noch einmal als Präsident ein.

Die Ancelotti-Bayern geben Rätsel auf. Der Frust-und-Frost-Abend in Rostow führt zu einer Situation, die es seit Jahren nicht gab. Und sogar Abwehrchef Boateng bekommt sein Fett weg.

München/Rostow. Uli Hoeneß ist bei der Rückkehr an die Spitze "seines" FC Bayern gleich als Krisenhelfer gefordert. Der 64-Jährige, der nach seiner verbüßten Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung am Freitagabend auf der Jahreshauptversammlung in München wieder ins Präsidentenamt strebt, muss den deutschen Fußball-Rekordmeister mit einer Ruckrede aus seiner Herbst-Depression reißen. Die Stimmung ist nach dem 2:3-Desaster in der Champions-League im frostigen Russland gegen das Leichtgewicht FK Rostow an einem Tiefpunkt angelangt. Aus dem Bundesliga-Topspiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag (18.30 Uhr) ist nun ein echtes Druckspiel geworden.

Man sei "auseinandergebrochen", befand Boateng. Gegen Rostow, das beim Hinspiel in München noch mit 5:0 abgefertigt werden konnte. Jeder Spieler müsse jetzt in sich hineinhorchen. Und dann müsse man als Team gegen Leverkusen "eine Antwort geben", forderte Boateng. Der Einsatz des in Rostow gleich an zwei Gegentoren beteiligten Abwehrchefs soll nach seiner Muskelverhärtung nicht gefährdet sein. Von Karl-Heinz Rummenigge erntete der Abwehrchef jedoch einen öffentlichen Rüffel. Boateng müsse wieder "back to earth" kommen, also auf den Boden, äußerte der Bayern-Chef.

Platz zwei in der Champions-League-Gruppe ist nach dem verpassten Endspiel gegen Atlético Madrid am 6. Dezember fix. Der Abwärtstrend nach dem Traumstart mit acht Pflichtspielsiegen unter Trainer Carlo Ancelotti lässt Zweifel aufkommen, dass die bis Weihnachten ausgerufene Jagd auf Liga-Spitzenreiter RB Leipzig von Erfolg gekrönt sein wird. "Noch ist nichts Dramatisches passiert", sagte Kapitän Philipp Lahm zwar nach dem Frust-und-Frost-Abend am Don. "Aber wir müssen Dinge einfach ändern", mahnte die Führungskraft energisch.

Erstmals seit Mai 2015 verloren die Bayern zwei Pflichtspiele nacheinander. Gegen Rostow gab es erstmals drei Gegentore unter Ancelotti - "und das gegen einen Gegner, der nicht zur Weltspitze gehört", wie Lahm betonte. Sardar Azmoun, Dimitri Polos per Foulelfmeter und Christian Noboa überwanden Ersatztorwart Sven Ulreich. Die Münchner Tore von Douglas Costa und Juan Bernat reichten angesichts der katastrophalen Defensivleistung nicht. Ancelotti übernahm die "volle Verantwortung" und verkündete: "Ich muss die Mannschaft so schnell wie möglich wieder in die Spur bringen."

Nur in welche? Auch nach vier Monaten ist nicht klar zu erkennen, welche Art Fußball der FC Bayern unter dem Italiener spielen will. Das von Ancelotti bevorzugte 4-3-3-System, mit dem er 2014 mit Real Madrid die Champions-League gewann, passt nach vorne und hinten nicht. Der Pep ist verflogen, die fast maschinelle Präzision im Münchner Spiel. Stabilität, Konsequenz und ein kollektiver Plan fehlen. Die Bayern sind drauf und dran, in der Bundesliga und in Europa ihren Schrecken zu verlieren. Unantastbar sind sie nicht mehr.

Womöglich gelingt es Hoeneß bei seiner Inthronisation die Stars aufzurütteln und den FC Bayern aus der Schaffenskrise zu reißen. Der neue Bundesliga-Primus aus Leipzig kann den großen Tag von Hoeneß übrigens aktiv mitprägen. Der beste Neuling in 54 Jahren Bundesliga muss am Freitagabend parallel zur Bayern-Versammlung in Freiburg antreten. Der Leipziger Vorsprung auf den Serienmeister könnte auf sechs Punkte anwachsen. Das würde den Druck in München noch erhöhen.

Ich muss die Mannschaft so schnell wie möglich wieder in die Spur bringen.Bayern-Trainer Carlo Ancelotti
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