Jahn fliegt zu Nerven-Keller-Derby an die Ostsee
Mit ruhigem Puls nach Rostock

Viel Neues Im Westen und Osten: Beim Jahn ist Trainer Alex Schmidt längst Geschichte. Die Revolte der Rostocker Fans hatte bisher eine neue Viererkette zur Folge.
 
Viel Neues Im Westen und Osten: Beim Jahn ist Trainer Alex Schmidt längst Geschichte. Die Revolte der Rostocker Fans hatte bisher eine neue Viererkette zur Folge.
 
Auch dieser Mann ist bereits Zeitgeschichte: Ex-Keeper Stephan Loboué.

Jetzt wollen wir‘s wissen: Am Samstag, 14 Uhr, treffen die beiden Transferrekordhalter der Dritten Liga aufeinander: der Tabellen-19. Hansa Rostock (20 Punkte) und der Tabellenletzte Jahn Regensburg (15). Beide hatten am vergangenen Wochenende nach langer Finsternis mal wieder einen Lichtblick.

Die Rostocker rechnen bei der Mission Kellerduell mit rund 14.000 Unterstützern – ein Baustein des Zuschauerzuspruchs ist die aktuelle Mitgliederinitiative: Nach gerade mal einer Woche konnten die Nordostlichter bereits 400 neue Mitglieder begrüßen und mit einem Heimtrikot ausstatten.

Rostocks neue Viererkette

Es war der erhoffte Einstand nach Maß: Mit einem 2:1-Auswärtssieg bei Wehen-Wiesbaden konnten die Ostsee-Anrainer um Trainer Karsten Baumann den Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz um drei Punkte verkürzen. Zuvor hatten die Hanseaten die schlechteste Abwehr der Hinrunde ausgetauscht.

Nach den Defensiv-Verstärkungen Oliver Hüsing (Werder Bremen), Maximilian Ahlschwede (Wehen Wiesbaden) und Mikko Sumusalo (RB Leipzig) verpflichtete Rostock mit Marco Kofler (FC Wacker Innsbruck) die Komplettierung der Viererkette. Beim SV Wehen stand die Baumann-Elf in der Defensive bereits fast bis zum Schluss stabil.

Baumann erwartet Regensburger Mauerer

Das Spiel gegen das Schlusslicht also nur noch Formsache für die Blauen? „Es wird ein ganz anderes Spiel werden“, mutmaßt Baumann, „wir spielen zu Hause. Ich gehe davon aus, dass die Regensburger sehr gut verteidigen, tief stehen, auf Konter spielen werden.“ Darauf müsse er sein Team einstellen. „Das heißt nicht, wie in Wehen reagieren und selber auf Konter spielen, sondern agieren. Wir müssen mehr für das Spiel tun.“

Es könne durchaus sein, dass er darauf auch personell reagieren werde. „Eigentlich gibt es ja die Maxime, ein erfolgreiches Team nicht zu ändern“, holt er dialektisch aus. Aber gegen den großen Unbekannten aus der Oberpfalz wolle er die Weichen offensiver stellen.

Rot-Weißes Phantom aus der Luft

Das bayerische Phantom indessen kommt dieses Mal aus der Luft. „Das ist natürlich ein Unterschied, ob ich zehn Stunden mit dem Bus durch die Gegend fahre, oder ob ich fliege“, freut sich Jahn-Trainer Christian Brand über die gesponserten Flugtickets mit ein wenig schlechtem Gewissen. „Umwelttechnisch ist das natürlich höchst verwerflich“, grinst der Niedersachse halb schelmisch, halb verlegen. „Der ökologische Fußabdruck wird immer größer.“

Aber besondere Situationen erfordern eben auch besondere Maßnahmen. „Ich meine, in unserer Situation macht das durchaus Sinn, weil so eine Busfahrt mit den Staus am Freitag dauert immens lange, und die Spieler sind müde, wenn sie ankommen.“

Alle müssen aktiver werden

Dass er mit dem ersten Sieg seiner kurzen Jahn-Trainerkarriere zufrieden ist, braucht Brand nicht zu betonen. Aber auch das satte 3:0 gegen die Junior-Borussen aus Dortmund lasse noch „extrem viel Luft nach oben“ zu. „Wir müssen mutiger spielen, noch viel mehr den Ball fordern“, doziert der 42-Jährige. „Jeder Spieler muss viel, viel aktiver sein auf dem Feld.“

Dass seine Regensburger gegen zehn Dortmunder relativ lange passiv agierten, habe ihm nicht gefallen. „Das ist aber auch ein bisschen verständlich, weil wir ein neu zusammengestelltes Team haben, und die Automatismen natürlich immer noch nicht so greifen.“ Am Optimierungspotenzial habe er mit dem Team „in dieser Woche sehr explizit gearbeitet“. „Das ist auch das Schöne an dieser Mannschaft – die Jungs sind sehr, sehr selbstkritisch und sehen auch selber, dass es noch ein langer Weg ist.“

Realistische Stimmung

Es herrsche in der Mannschaft eine realistische Stimmung. „Die Jungs wissen, dass der Sieg enorm wichtig war, um so was wie eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen“, sagt Brand. „Aber sie wissen natürlich auch, dass ein so ein Spiel nicht reicht.“ Der Puls des Teams sei gut: „Der ist weder zu tief, noch zu hoch – sondern genau auf die Aufgabe eingestellt, die jetzt kommt.“ Was ihm sehr gut gefalle: „Dass die Mannschaft von Spiel zu Spiel schaut.“ Diese Pokalendspielmentalität müsse man bis zum Saisonende aufrechterhalten.

Ziel sei, dass man über 90 Minuten konzentriert arbeite. „Gegen Dortmund ist uns das vielleicht, 50, 55, 60 Minuten lang gelungen – wobei Dortmund auch, ohne denen irgendwie nahetreten zu wollen, an dem Tag nicht die beste Verfassung hatte.“ Die Gelb-Schwarzen seien zum Auftakt der richtige Gegner gewesen. „Aber jetzt ist mit Hansa Rostock eine Mannschaft da, die physisch viel, viel präsenter ist, die viel, viel mehr Erfahrung hat, die zu Hause spielt – und was dazukommt: Da werden bestimmt bis zu 15.000 Zuschauern kommen und das ist für unsere Truppe auch mental wieder eine neue Herausforderung.“

Böse Erinnerungen an Ziemer

Brand ist sich der Parallelen bewusst: „Rostock hat auch viele neue Spieler und sind dabei, sich einzuspielen.“ Er erwarte „ein enorm schwieriges Spiel“. „Ich glaube, dass eine Leistung wie gegen Dortmund, die sicher nicht schlecht war, nicht reicht.“ Hansa habe viel Erfahrung im Kader und sei gerade im Sturm sehr gut besetzt. „Ziemer dürfte nach dem Hinspiel hier noch bestens bekannt sein.“ Wir erinnern uns: Beim Chaos-Vorrundenduell drehte der Jahn ein 0:2 in ein 4:2, um sich dann noch ein 4:4 einschenken zu lassen – vierfacher Torschütze: Marcel Ziemer.

„Da müssen wir schon hellwach sein, um dort was holen zu können.“ Wobei Brand der Top-Scorer der Rostocker (11 Treffer) noch am wenigsten Kopfzerbrechen bereitet: „Ich glaube, die meisten Spieler kennen ihn, von daher brauche ich da wenig sagen.“ Ein Spieler allein könne kein Spiel entscheiden. „Das ist Ziemer und nicht Messi.“

Keine Stammformation mehr

Hinter der Anfangsformation der Regensburger stehen bislang mehr Frage- als Ausrufezeichen. „Ein paar Spieler haben einen grippalen Infekt – nach dem Abschlusstraining schauen wir, was übrig ist. Dann können wir den Kader endgültig festlegen.“ Derzeit bangt der Trainer um den Einsatz von Marvin Knoll (Muskelverletzung), Kolya Pusch (Grippe), Aykut Öztürk (Grippe) und Hannes Sigurdsson (Sprunggelenkverletzung) – von den Altlasten (Hein, Sinkiewicz, Nachreiner, Franziskus, Dürmeyer) ganz zu schweigen.

Dennoch hat Brand keine Probleme, nach der personellen Aufrüstung aus dem Vollen zu schöpfen – um trotz des Erfolgs auch Korrekturen vorzunehmen. „Ich glaube, dass es im heutigen Fußball diese Stammformationen mit elf Spielern überhaupt nicht mehr gibt. Es ist extrem selten, dass Mannschaften zweimal hintereinander mit den selben Spielern auflaufen.“ Die Aufstellung richte sich immer nach der Spielweise der Gegner: „Hat er größere oder kleinere, wendige oder behäbigere Spieler in seinen Reihen?“ Darauf müsse man immer wieder reagieren, um den Gegner vor neue Aufgaben zu stellen – für den Überraschungsmoment zu sorgen.