Jahn kann sich in Großaspach ein Finale gegen Mainz bescheren
Vorspiel zum Alles oder Nichts

Beim 2:0 im Hinspiel gegen Großaspach durfte der Jahn nach Toren von Daniel Franziskus und Thomas Kurz zweimal jubeln. Bilder: Herda/Baumann
 
Beim 2:0 im Hinspiel gegen Großaspach durfte der Jahn nach Toren von Daniel Franziskus und Thomas Kurz zweimal jubeln. Bilder: Herda/Baumann
 
Der Jahn-Fan mit dem Alias Sócrates setzt alle Hebel in Bewegung.
 
Christian Brand, der Psychologe am Spielfeldrand, muss alle Wehwechen wieder heilreden.
 
Sensationeller Durchmarsch der Klein- und Großsaspacher Stammtisch-Kicker: Hier im Testspiel gegen den FC Bayern.

Fußball ist ein Spiel, in dem alles passieren kann – in dem der WM-Gastgeber 1:7 unterliegt oder ein FC Bayern beim vermeintlich schwächsten Championsleague-Vertreter Porto mit 1:3. Das macht die Sache am Samstag, 14 Uhr, so spannend. Und genau deshalb ist die Ausgangslage für Regensburg vor diesem Wochenende so elektrisierend: Gewinnt der Jahn in Großaspach und verliert Mainz gegen Wiesbaden, dann gibt’s in 14 Tagen ein großes Finale um Platz 17 an der Prüfeningerstraße.

„Alle nach Großaspach zusammen zum Klassenerhalt“, titelt Pressesprecher Till Müller. Und Jahn-Coach Christian Brand assistiert: „Alle, die was mit dem Jahn zu tun haben, sollten sich am Samstag aufmachen nach Großaspach.“ Was sagen die Fans zu diesem Appell? „Eigentlich müsste uns doch der Club den Trip sponsern, oder?“, fragt Sokrates auf dem Jahn-Forum www.jahnground.de, „da lässt man Frau und Kind alleine zu Hause, um angetrieben vom allerallerletzten Funken Hoffnung in die württembergische Provinz zu gurken. Wir müssen echt einen an der Klatsche haben ...“

Jahn-Fans beschwören alle Mächte

Einen an der Klatsche haben ist das richtige Stichwort: „Ein glücklicher 2:1-Zittersieg gegen den VfB II in Großaspach“, erinnert jener Fan mit dem Pseudonym des brasilianischen Fußball-Intellektuellen Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, besser bekannt als Dr. Sócrates, an den einzigen Auswärtssieg der Saison. Ausgerechnet in Großaspach, weil das Stadion in Stuttgart umgebaut wurde. Nach Andi Güntners Volley-Kracher zum 2:1 rettete noch dreimal das Aspacher Aluminium für den bereits geschlagenen Jahn-Keeper. Wenn das kein gutes Omen ist!

Und Bene, ein weiteres Forum-Urgestein, weiß noch weitere potenzielle Glückszeichen zu deuten: „Grad hab ich zufällig gesehen, dass es in Großaspach eine Jahnstraße gibt, die auch noch in der Nähe des Stadions liegt …“ Sokrates freilich möchte in dieser Schlacht aller Drittliga-Schlachten nichts dem Zufall überlassen: „Ich befürchte, meine Vodoo-Puppen werden nicht reichen. Pilgert die Woche noch jemand zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau oder wenigstens nach Eding?“, appelliert der Mann mit dem treffenden Sinnspruch „Um die Moral zu heben, muss man die Ansprüche senken“ (Stanislaw Jerzy Lec) an die Fan-Gemeinde.

Der Mann fürs Positive

Der Mann, der beim Jahn die Moral heben soll, heißt Christian Brand. Und er tut rhetorisch alles, um das Positive herauszuheben. „Es ist meine Aufgabe, die Jungs so einzustellen, dass sie mit Mut und Selbstvertrauen genau in das eine Spiel gehen und sagen, hej, wir haben eigentlich eine ganz passable Rückrunde gespielt, wir sind so und so, das sind die Ergebnisse, die wir gebracht haben, von vier Spielen haben wir eins verloren in Kiel, von 12 möglichen haben wir 7 Punkte geholt und das ist natürlich ein positiver Ansatz.“

Die Mannschaft habe sich eine Ausgangsbasis erspielt, die in der Winterpause keiner für möglich gehalten habe: „Da haben wir gesagt neun Punkte, keine Chance, nichts zu holen, die Mannschaft ist abgestiegen, da geht nichts mehr – jetzt sind wir in einer Situation, wenn wir beispielsweise dieses Spiel gewinnen, dass wir tatsächlich dann bei gutem Verlauf eine Partie haben mit Finalcharakter.“

Kühler Kopf, heißes Herz

Bei sechs ausstehenden Spielen und sechs Punkten Rückstand habe dieses Spiel natürlich eine enorme Wertigkeit. „Einerseits muss man sagen, wir müssen das Spiel unbedingt gewinnen. Andererseits ist es so, dass wir da mit kühlem Kopf und heißem Herzen hinfahren“, sagt der Trainer. Die Mannschaft werde dort nicht kopflos agieren, denn man müsse jetzt auch „so ein bisschen zu den anderen Plätzen schauen, manchmal reicht auch ein Punkt“. Gegen Osnabrück hätten seine Jungs natürlich auch lieber gewonnen, aber: „Es gibt Spiele, da muss man auch mit einem Punkt zufrieden sein.“

Bei den Schwaben freilich gebe es keinen Aufschub mehr: „Wir werden sicherlich so auftreten, dass man von der ersten Minute an sieht, dass wir das Spiel gewinnen wollen.“ Was am Ende dabei rauskomme, ein Punkt oder drei, das bleibe abzuwarten. „Aber die nächsten beiden Spiele, Großaspach und Mainz, da entscheidet sich, wohin die Reise geht, ganz klar.“ Dennoch habe er trotz der Enttäuschung – Stichwort „Mission drei Siege“ – nach dem Remis gegen den VfL der Mannschaft auch positive Aspekte nahezubringen versucht: „Man muss sagen, Mainz hatte vor diesem Spieltag sieben Punkte Vorsprung, jetzt sind es nur noch sechs.“ Ein kleiner Schritt für den Jahn, ein großer für den Trainer.

Einfache schwäbische Tugenden

Auf der anderen Seite steht mit der SG Sonnenhof Großaspach (16./37) ein Gegner, der nach dem Sieg bei Wehen Wiesbaden seine Erfolgsserie auf sieben Spiele ohne Niederlage ausbaute – vier Siege, drei Remis. Allerdings: Seit dem 22. November (1:0 gegen den Chemnitzer FC) konnte das Team von Trainer Rüdiger Rehm nicht mehr in der heimischen Mechatronik-Arena gewinnen. Personell kann Rehm freilich auf alle Spieler zurückgreifen, die bereits in Wiesbaden mit 1:0 reüssierten.

„Die haben einfache Tugenden“, erklärt Jahn-Coach Brand das Phänomen, „sind sehr laufstark, zweikampfstark, stehen taktisch sehr stabil in ihrem 4-4-2, lassen wenig zu, machen einen geschlossenen Eindruck und werden mit jedem Punkt, den sie geholt haben, selbstbewusster.“ Ein Grund für das Wiedererstarken der Württemberger sei der Trainerwechsel: „Ich glaube, wären sie weiter mit dem Uwe Rapolder unterwegs gewesen, dann wäre es etwas einfacher für uns geworden, weil es zu dem Zeitpunkt doch ziemlich steil nach unten zeigte.“ Mit dem ehemaligen Spielertrainer Rüdiger Rehm sei der Aufwärtstrend gekommen: „Der hat es geschafft, wieder Freude, Begeisterung und Stabilität zurück in die Truppe zu bringen.“

Stammtisch-Kicker eines Hoteliers

Großaspach (rund 8000 Einwohner mit allen Ortsteilen) im Naturraum Schwäbisch-Fränkische Waldberge und Neckarbecken könnte also auf Jahre zum Sargnagel für Regensburgs Profifußball-Ambitionen werden. Was ist das für ein Verein am Südrand der Löwensteiner Berge? Hat sich ganz Schwaben verschworen, in den nächsten zehn Jahren jedes Almdorf in die Zweite Bundesliga zu hieven? Die SG Sonnenhof Großaspach ist Ergebnis aus dem Zusammenschluss des FC Sonnenhof Kleinaspach mit der SpVgg Großaspach. Klein-, Groß-, Mittelaspach – Namen, die die Welt nicht kannte. Dafür ist die Geschichte des Clubs umso kurioser. Die Wurzeln gehen zurück auf eine Stammtischmannschaft von 1976 um Uli Ferber, dem damaligen Juniorchef des Kleinaspacher Hotels Sonnenhof.

1982 gründeten die Mitglieder der Thekenmannschaft den Verein FC Sonnenhof Kleinaspach, der in der württembergischen Freizeitliga spielte. Die Hobbyfußballer verstärkten sich mit landes- und verbandsligaerfahrenen Spielern, dominierten den württembergischen Freizeitfußball, wurden sowohl in der Halle als auch auf dem Feld württembergischer Meister. 1987 meldete sich der Verein zum regulären Spielbetrieb an. Der unaufhaltsame Aufstieg nahm seinen Lauf – den Sprung in die Bezirksliga schaffte der FC Sonnenhof Kleinaspach, für den der in Backnang lebende Ralf Rangnick einige Spiele absolvierte, in der Saison 1990/91. 1995 folgte der Aufstieg in die Landesliga, 2002 unter Jürgen Rapolder in die Verbandsliga, 2005 in die Oberliga Baden-Württemberg, 2009 in die Regionalliga-Süd und unter dem heutigen Cheftrainer Rüdiger Rehm 2013 in die 3. Liga.

Große Entwicklung und Männer ohne Nerven

Diesen Marsch durch alle Fußball-Institutionen zu bremsen, muss sich Regensburg am Samstag vornehmen. Und Brand sieht beim Jahn dafür günstige Vorzeichen: „Die Mannschaft hat sich extrem verbessert, in der Rückrundentabelle sind wir 14., da sind wir ungefähr im Schnitt.“ Er sehe eine große Entwicklung. „In der Defensive sind wir stabiler geworden, auch wenn das noch immer nicht perfekt ist. Wir haben oft offensiv ein großes Potenzial an den Tag gelegt, wir schießen viele Tore, sind von der Struktur besser geworden – es ist immer nur die Frage, reicht die Zeit?“

Aber das sei die Frage, seit Brand am ersten Tag in Regensburg angekommen sei: „Oder nach der ersten Woche, da wurde das Fragezeichen sogar noch größer, weil ich sah, es ist so viel Arbeit da.“ Und die sei immer noch nicht weniger geworden. „Großaspach und wir, wir geben uns da nicht viel, auch leistungsmäßig – am Samstag wird die Tagesform und vor allem werden auch die Nerven entscheiden.“ Überhaupt, die Nerven: „Das habe ich letzte Woche gesagt, ich brauche jetzt Männer ohne Nerven – Nerven wie Drahtseile.“ Was nun, keine oder ganz fette Nerven? „So ungefähr.“

Gegen Osnabrück zu zögerlich

Und da habe es auch gegen Osnabrück gehapert: „Da waren einige Spieler auf dem Platz, die ein Hätte, Wäre, Aber im Kopf hatten.“ Deshalb könne es sein, dass er taktisch noch etwas verändern wird – im Mittelfeld und auch weiter vorne. „Ich war im Spiel gegen Osnabrück nicht uneingeschränkt mit uns zufrieden." Ach geh zu! „Die zweite Halbzeit war sicherlich o.k., aber die erste war nicht gut von uns, da waren viel zu passiv, waren auch in den Zweikämpfen nicht präsent.“

Am Samstag müsse man alles in die Waagschale werfen: „In Großsaspach brauche ich elf Spieler auf dem Platz, die Selbstbewusstsein haben, die den Ball haben wollen, die einfach frisch, fromm, fröhlich drauf losspielen.“ Nach diesen Kriterien habe er das Training beobachtet: „Und es kann schon sein, dass – vor allem im Mittelfeld – zwei Veränderungen kommen.“ Vorne sei das ganz o.k. gewesen: „Ich finde, der Marco Königs macht das wirklich gut, der bewegt sich gut, der arbeitet gut, auch für das Team.“

Wer sind die Alternativen?

Wer aber sind die Alternativen? Definitiv nicht an Bord sind Lukas Sinkiewicz, Adli Lachheb, Stanislav Herzel und Fabian Trettenbach. Kolja Pusch hat nach seiner leichten Kopfverletzung vom Samstag seit Mittwoch wieder normal trainiert. Wer könnte also neu ins Team kommen? „Öztürk kann eine Hilfe sein“, zögert Brand. „Ich stelle immer so auf, dass die besten Elf auf dem Platz sind, und der Aykut ist nicht auf dem Leistungsstand, den ich mir von ihm erhofft hatte.“

Also eher unwahrscheinlich, dass der Mann mit Potenzial der richtige Joker für dieses Schlüsselspiel ist? „Ob es jetzt für dieses Wochenende wieder reicht, oder ob er eingewechselt wird, das muss man abwarten.“ Zwei oder drei Chancen hätte er ungenutzt gelassen – in Cottbus und zu Hause gegen Erfurt. „Das ist ein Leistungssport, da muss man auch etwas anbieten, das kam mir in der Vergangenheit doch etwas zu kurz.“

Der 30-Minuten-Hannes

„Den Umständen entsprechend ordentlich“ könnte man das Fazit für den ersten Kurzeinsatz von Hannes Sigurdsson zusammenfassen: „Ich glaube, wenn der Marco Königs die Flanke verwertet, die der Hannes schlägt – das macht er wirklich gut –, dann gewinnen wir das Spiel wahrscheinlich.“ Der Hannes, das sei auch so eine Geschichte. „Wir haben acht Leute geholt, das steht dann auch überall, ja, aber da muss man auch fragen, was haben die für eine Geschichte, wo kommen die her, wie oft haben die gespielt?“

Und gerade der Hannes Sigurdsson: „Mein Gott, ich weiß gar nicht, wie lange der keinen Fußball mehr gespielt hat, ich glaube ein halbes Jahr vorher nicht mehr. Dann hatte er eine Achillessehnenreizung durch die Kunstrasengeschichte im Winter und jetzt haben wir den langsam mal so aufgebaut, dass der zumindest mal so 25, 30 Minuten auf dem Niveau mithalten kann.“ Und wenn Königs dann doch einmal ausfallen sollte: „Wir könnten natürlich auch umstellen und den Dani Steininger ganz vorne spielen lassen, der ist immer eine Option.“

Keine Angst der Spieler vor der Auswärtsbürde

Dass die Regensburger vor so einem bedeuten Spiel nicht erst fünf Minuten vor Anpfiff anreisen, sondern bereits am Freitag, findet Brand „mehr als professionell“. Dort wird heute noch einmal trainiert und am Samstagmorgen gibt’s dann nur noch eine Seelenmassage: „Vielleicht ein lockerer Spaziergang im Wald, es ist ja Blütezeit, Frühling“, lächelt Fußball-Romantiker Brand in sich hinein.

Und zum Schluss dann halt doch nochmal die verheerende Statistik. Wie ist das so im Kopf eines Kickers? Denkt sich der, „Auswärts einmal gewonnen, einmal unentschieden und sonst alles verloren – da können wir gleich zu Hause bleiben“? „Ich habe eher den Eindruck, dass es zum Ende der Saison immer fokussierter wird, man sieht nur noch dieses Spiel, das ist Großaspach, ob das jetzt zu Hause oder auswärts stattfindet, spielt jetzt nicht so eine super, super Rolle.“ Da kann man nur frei nach Andi Möller wünschen: "Egal ob Sieg oder auswärts, Hauptsache gewinnen."