Jahn murkst sich in Münster tiefer in den Abgrund
Sieben Punkte zum rettenden Ufer

Münster stürmt auf den dritten Platz, die Preußen-Fans sind zufrieden. Bilder: Baumann/Herda
 
Münster stürmt auf den dritten Platz, die Preußen-Fans sind zufrieden. Bilder: Baumann/Herda
 
Gerade in der ersten Halbzeit hatte der SSV seine Chancen.
 
Marcus Piossek nutzt das erste Regensburger Schläfchen zum 1:0.

Der Faden wird immer dünner, an dem das Drittliga-Schicksal von Jahn Regensburg hängt. Eine erneut klare 0:3-Auswärtsschlappe bei Preußen Münster lässt sich auch dadurch nicht schöner reden, dass alle Tore unglücklich zustande kamen: ein verpenntes 0:1, ein zu Unrecht gegebener Freistoß und Rot für Oli Hein vor dem 0:2 und ein überflüssiger Elfer. Auch unnötige Tore zählen.

8500 Zuschauer wollen in Münster ihre Preußen zurück auf die Aufstiegsränge stürmen sehen. Jahn-Coach Christian Brand will den Flug der Adler mit folgender Formation bremsen: Vor Keeper Richard Strebinger setzt er seine Hoffnungen vor allem auf Oli Hein, der die Misere auf der rechten Abwehrseite in der Viererkette beenden soll.

Und der erwartete Extra-Kick für Ex-Münsteraner Adli Lachheb gibt wohl den Ausschlag, dass der Tunesier den Vorzug vor Gino Windmüller in der Innenverteidigung neben Kapitän Markus Palionis bekommt. Marcel Hofrath ist links gesetzt, davor als Doppelsechs Thomas Kurz und Marvin Knoll. Kolja Pusch als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Offensive, Uwe Hesse als Impulsgeber rechts außen als Pendant zu Aias Aosman – und davor Marco Königs, der zweite Mann mit Münsteraner Vergangenheit.

Stabiler Auftakt für den Jahn

In der ersten Viertelstunde fällt vor allem auf, dass die Jahn-Abwehr sehr stabil steht. Spielmacher Amaury Bischoff holt sich die Bälle von weit hinten, findet kaum Anspielstationen. Münster tut sich schwer, Löcher in die zuletzt poröse Regensburger Defensive zu reißen. Die erste Offensivaktion der Gäste nach einem Freistoß – Lachheb köpft über die Latte, ein Abwehrspieler war noch dran (7.).

Nach einem Foul von Hesse schickt Amuary Bischoff die erste deutliche Warnung Richtung Richard Strebinger – der Franzose wäre wieder einer, der für die Serie dämlicher Hattricks gegen den Jahn in Frage käme. Seine Freistoßhereingabe hebt der Österreicher über die Latte (21.).

Zu viel zweite Reihe

Trotzdem, der Jahn macht das bisher beim favorisierten Vierten richtig gut. Kolja Pusch verzieht aus 25 Metern (23.). Ein schneller Konter landet bei Königs, doch der will – vor versammelter Familie einschließlich Oma und Opa auf der Tribüne – glänzen und ballert aus 18 Metern überhastet drauf. Dabei hätte er nur noch einen Gegenspieler und den Torwart vor der Brust gehabt (26.).

Der Schuss aus der zweiten Reihe scheint ein verabredetes Rezept zu sein: Auch Marcel Hofrath versucht’s aus knapp 20 Metern und zielt links am Kasten von Maximilian Schulze-Niehues vorbei (28.) – aus beiden Situationen hätte man mehr machen können. Müssen? Auf der anderen Seite stellt der Gastgeber nur schüchtern seine Zweitliga-Ambitionen unter Beweis: Der vom Publikum geliebte, vom Gegner gefürchtete Mehmet Kara erhält Begleitschutz im Strafraum und scheitert erst am aufmerksamen Strebinger (30.)

Aosmans Lattenkreuztest und die verhexte rechte Seite

Da blitzt mal wieder das Genie des kleinen Deutsch-Syrers auf: Aosman setzt sich rechts außen nach starkem Dribbling gegen zwei Grüne durch und zirkelt das Leder von halbrechts an das linke Lattenkreuz (30.). Und Hesse verfehlt kurz später mit einer flachen Hereingabe Knoll nur knapp (32.). Jetzt geht’s zur Abwechslung mal schnell in die andere Richtung: Der Jahn etwas pomadig im Rückwärtsgang, Hofrath hastet vergeblich hinterher, Kara bedient erstmals Schreckgespenst Marcel Reichwein – der Ex-Regensburger zielt drüber.

Münster entdeckt die rechte Jahn-Seite für sich – egal, wer da draußen vom Jahn agiert, dieses Areal scheint verhext. Keiner kann Hofmanns Hereingabe verhindern, der Ball flutscht unter Strebinger durch, Reichwein verpasst um ein Mückenbein (35.). Fünf Minuten später Tiefschlaf im Jahn-Strafraum: Oli Hein schaut dem Gegenspieler bei der Kopfballhereingabe zu, Hofmann kann den Ball am Elfermeterpunkt annehmen, Palionis blockt ihn noch ab, die Situation scheint entschärft, aber dann kann ein Münsteraner den Polen Marcus Piossek den Ball hinstochern, der aus der Drehung zum 1:0 flach unten einlocht (40.).

Heins Gelbe: Beginn des Verhängnisses

Klar, das Gegentor macht den Abstiegskandidaten nicht sicherer. Bischoff und Kara übernehmen das Zepter, Doppelpass mit Reichwein, Lachheb grätsch gerade noch rechtzeitig vor Kara ab – Benjamin Siegerts zweiter Versuch vom 16er ist kein Problem für Strebinger, weil zum Glück auch ein Regensburger, der sich reinwirft, den Ball verfehlt – klassische Eigentorsituation (43.).

Man versteht das: Oli Hein möchte bei seinem Comeback das Problem mit der Regensburger Rechtsschwäche besonders gründlich regeln – nach seinem dritten robusten Einstieg gegen Bischoff sieht er pünktlich zum Pausenpfiff Gelb. Das Verhängnis bahnt sich an (45.). Christian Brand schüttelt beim Kabinengang sein bemütztes Haupt – wie weggeblasen seine chronisch gute Laune. Wieder marschiert der SSV nach einer Verkettung dummer Fehler mit Rückstand in die Kabinen.

Königs übermotiviert

Und auch das kann man verstehen: Marco Königs möchte gerade in Münster zeigen, was in ihm steckt und agiert dabei zu fahrig. Nach klugem Pass von Knoll vertändelt er den Ball auf Höhe des Sechzehners (48.). Als Piossek kurz darauf gegen Königs zu spät dran ist, ist auch ein Münsteraner Gelb belastet. Aosmans Freistoß kommt nicht übel, aber Innenverteidiger Simon Scherder klärt vor Lachheb (51.). Und noch einmal rennt der Gast an: Münsters Kapitän Schmidt spielt Pusch in die Beine, Keeper Schulze-Hiehues kommt gerade noch rechtzeitig (52.).

Was ist denn da auf der linken Jahn-Seite los? Palionis wütet – ob wegen der Gelben Karte, oder weil er für den Außenverteidiger mit Grätsche klären muss, bleibt offen. Bei Bischoffs Flanke ist der Kapitän bereits wieder zur Stelle (57.). Noch ist das Spiel offen, der SSV wartet geduldig auf seine Chancen: Aosman spielt in den Lauf von Marco Königs, dessen verhungerter Linksschuss ist aber leichte Beute des Preußen-Keepers (59.).

Das doppelte Missgeschick

Das dürfte es dann gewesen sein: Hofmann fällt auf Regensburgs rechter Abwehrseite – wo sonst? – Höhe 16er, und hält sich das Gesicht. Schiri Marcel Göpferich (Bad Schönborn) eilt heran und zückt Gelbrot gegen Oli Hein – der hat seinen Kontrahenten mit dem Ellbogen an der Nase touchiert, aber es war keine Absicht zu erkennen – das dürfte nicht einmal als Foul geahndet werden (60.). Und dann auch noch das: Amaury Bischoff zirkelt den Freistoß direkt zum 2:0 ins rechte Eck – Strebinger macht keinen Mucks, klebt auf der Linie in der Mitte seines Kastens (62.).

Der Sonntagsschuss beflügelt den französischen Edeltechniker. Palionis bekommt den Ball gerade noch so aus der Gefahrenzone. Münster bleibt dran, Powerplay gegen zehn arme Regensburgerlein – über Schmidt läuft die nächste Welle (64.). Siegert klaubt Aosman das Leder von den Füßen, Palionis ist gerade noch rechtzeitig zur Stelle.

Wechsel ohne Effekt

Die Hoffnung stirbt zuletzt, also setzt Brand auf die Aufholvariante vom Dresden-Spiel: Andreas Güntner soll für Marvin Knoll die gesamte rechte Außenbahn von hinten bis vorne beackern. Und Daniel Steiniger bekommt die Chance zu seinem vierten Saisontor (66.). Keine Chance auf einen zweites Treffer gegen den Jahn hat dagegen Reichwein, für den bei Münster Rogier Krohne ins Spiel kommt. Und anders als beim SSV darf bei den Preußen jetzt auch ein Isländer ran: Emil Atlason ersetzt Siegert (69.). Königs vergibt die Chance, den Jahn wieder ins Spiel zu bringen (74.).

Auf der anderen Seite spielen Kevin Schöneberg und Emil Atlason den frischen Krohne frei, der mit der Flanke aber nichts anfangen kann (75.). Regensburgs Neuer, Steininger, bedient Kara, der Hoffmann im Strafraum serviert – Strebinger mit starker Reaktion und im Nachfassen (77.). Und auch Atlason kann sich in Szene setzen und versucht es mit einem Kunstheber von der Strafraumgrenze – deutlich rechts drüber.

Und dann auch noch ein Elfer

Aosman schickt Regensburgs letzten Joker Lienhard (für Hofrath) zum Stechen – der verpasst die Flanke aber ebenso wie Hesse, der wie paralysiert den Ball am kurzen Eck beim Auftropfen und Wegspringen zuguckt (80.). Das dicke Ende dann fünf Minuten vor Schluss. Lachheb checkt Piossek leicht im Strafraum, der lässt sich nicht bitten und fällt – hätte er ihn einfach nur abgeschirmt, der Pole hätte den Ball wohl kaum vor der Grundlinie bekommen (84.).

So aber lässt sich Bischoff die Gelegenheit zum Doppelpack nicht entgehen – er versetzt Strebinger und lässt das Netz rechts oben rauschen, 3:0 (84.). Eine Konzessionsentscheidung, die Regensburg nichts mehr bringt: Auch Piossek wird mit Gelbrot vom Platz geschickt, nachdem er Aosman 30 Meter zentral zum Fall bringt – mit einer Fersenberührung (86.). Eine noch klarere Klatsche verhindert zuletzt Strebinger, der gegen Atlason auf dem Posten ist und sich immer noch nicht mit der Niederlage abfindet: Er treibt Steiniger zum allerletzten Konter, aber auch ihm gelingt kein Mutmacher mehr (90.).

Weiter alles drin?

„Wir haben 3:0 verloren“, knurrt Christian Brand für seine Verhältnisse gereizt, „da kann man ja nicht zufrieden sein, oder?“ Die Analyse falle ähnlich aus wie vergangene Woche: „Wir haben wieder unnötige individuelle Fehler gemacht wie vor dem 0:1.“ Ob er langsam die Lichter ausgehen sehe? „Um Gottes Willen nein“, weist der Jahn-Trainer jeden Gedanken an Resignation brüsk zurück. „Die Analyse ist ähnlich wie gegen Dresden –und weiter ist alles drin.“

Da kannte Brand womöglich noch nicht die Ergebnisse von den anderen Plätzen: Großaspach (17./26 Punkte) nach einem überraschenden 1:0-Auswärtssieg in Dresden (man kann gegen die Sachsen auch als Außenseiter die Null halten) und Dortmund (18./25) mit einem 1:1 gegen Spitzenreiter Bielefeld vergrößern den Abstand auf das Oberpfälzer Schlusslicht (20./19). Einzig Mainz (19./22) nach dem 1:2 in Cottbus hält Tuchfühlung mit ganz unten. Für Samstag, 14 Uhr, muss Brand jetzt wieder alle Optimismus-Register ziehen, um gegen Erfurt (7./46) einen Sieg herbeizureden.