Jahn Regensburg blamiert sich beim schwäbischen Aufsteiger
Bollwerk Rain ohne Leck

Jahn-Trainer Christian Brand bekommt Applaus für sein überschwengliches Lob der Gastgeber. Bilder: Herda/Göpel/Jahn
 
Jahn-Trainer Christian Brand bekommt Applaus für sein überschwengliches Lob der Gastgeber. Bilder: Herda/Göpel/Jahn
 
Da schau her: ein Stadion zu Ehren des schwäbischen Erfinders der Garten-Center-Kette Dehner.
 
Kampf und Krampf über weite Strecken der Partie: Selbst Uwe Hesse gelangen wenig Stiche.

Das Schönste am Ausflug ins Schwäbische: das kurfürstliche Schloss und das Blumenstädtchen an der Romantischen Straße, das vor 750 Jahren als nordwestliches Bollwerk Altbayerns gegründet wurde. Das Bollwerk hält ohne allzu große Mühe auch gegen Regionalliga-Spitzenreiter Jahn Regensburg. 870 Zuschauer sehen einen verdienten 2:1-Heimsieg ihres TSV Rain am Lech.

Nicht abfinden mit der Standhaftigkeit der schwäbischen Bastei wollten sich einige Regensburger Hitzköpfe, wie TSV-Trainer Jürgen Steib beklagt: „Wenn ich zum Fenster rausschau‘, dann sehe ich, dass da hinten der Zaun zusammengetreten ist und alle Banden umeinanderliegen. Das ist natürlich für uns bitter“, sagt er in der Pressekonferenz und nimmt zugleich sein Pendant Christian Brand in Schutz: „Da kannst du nichts dafür, um Gottes Willen, du hast ja gesagt, holt’s mal noch einen Bus Polizei, weil jetzt geht’s dann los – aber da war’s schon zu spät.“

Dynamo Dresden der Regionalliga

Dafür handelt sich der gebeutelte Spitzenreiter gleich noch ein zweifelhaftes Kompliment vom Pressesprecher der Hausherren ein: „Ich hab’s heut schon mal gesagt, die Jahn-Regensburger Fans sind die Dynamo Dresden der Regionalliga Bayern.“ Das freundliche Publikum bei der PK nimmt’s gelassen und kichert amüsiert: „Hohohoho.“ Damit nur kein falscher Eindruck entsteht – bei der Konferenz flogen keinesfalls die Fetzen, im Gegenteil.

Jahn-Coach Brand lobt die Gastgeber in höchsten Tönen und erntet mehrfach Applaus, der der Mailänder Scala zu Ehren gereichen würde: „Zu Beginn möchte ich es auf keinen Fall verpassen, mich für die Gastfreundschaft zu bedanken“, sagt der Gäste-Trainer. „Ich muss wirklich sagen, der TSV Rain ist wirklich ein sehr sehr sympathischer Verein – und ich finde, in der heutigen Zeit kann man Gastfreundschaft gar nicht groß genug schreiben“, spielt er auf die außerfußballerischen, wirklichen Probleme unserer Zeit an. „Kompliment an den Verein – (Applaus in der Runde) – sehr vorbildlich.“

„Keineswegs gestohlen“

Und Brand versucht die Niederlage auch gar nicht erst schön zu reden – mäßige Platzverhältnisse hin, mögliche Fehlentscheidungen des Schiris her, etwas Pech zum Schluss: „Dann möchte ich auch dem TSV Rain am Lech zum Sieg gratulieren, ich glaube, es war ein verdienter Sieg, keineswegs gestohlen.“

Nach dem gründlich verhagelten Auswärtsspiel klingen einem vielmehr die weisen Worte des Trainers von vor dem Match in den Ohren: „Das wird auch wieder ein megaschweres Spiel, die haben erst einmal zu Hause verloren, haben Unterhaching mit 2:0 geschlagen, haben Aschaffenburg im letzten Heimspiel mit 2:0 besiegt.“

Hoffnung auf die Diagonale

Mit moderater Umstellung versucht der SSV zu Beginn mit der Formation Philipp Pentke – Thomas Kurz, Markus Palionis, Ali Odabas – Marc Lais, Oli Hein, Marvin Knoll, Kolja Pusch – Daniel Schöpf, Uwe Hesse und Markus Ziereis die Wehranlage am Lech zu schleifen. Beim Gegner richtet sich die Aufmerksamkeit zunächst auf Tayfun Arkadas, der vergangene Saison noch für die U23 der Gäste auflief.

Das Mittel, mit dem Brand die Abwehr der Roten zu knacken hofft: Ein Diagonalball von Lais auf Hesse, der allen davonläuft, aber dem auch kein Mitspieler folgen kann – die Hereingabe landet bei der Innenverteidigung (5.). Zu Beginn lassen die Auswärts-Nachtblauen den Ball in den eigenen Reihen laufen. Rain wartet ab, zieht sich weit zurück. TSV-Kapitän Dennis Liebsch wirkt gegen Dani Schöpf, der heute von Anfang an sein Sturmtalent unter Beweis stellen kann, bislang sehr souverän (11.).

„Super super verteidigt“

Es dauert 20 Minuten, ehe sich der favorisierte Gast eine erste nennenswerte Chance erspielt: Hoher Pass auf Pusch, der TSV-Keeper Dominik Jozinovic umkurvt und die Kugel reinlegt – Pustekuchen, die Fahne ist oben (21.). „Die Mannschaft des Kollegen war sehr sehr gut eingestellt“, wird Brand später seine Jungs in Schutz nehmen, „die hat das super super verteidigt, hat uns das Leben extrem schwer gemacht.“ Die offensichtliche Folge: „Wir hatten nicht besonders viele Torchancen im Spiel.“

Beim Jahn dagegen passt die stilistische Adverbverdoppelung nur in einem Zusammenhang: Da sind vor allem sehr sehr viele Fehlpässe zu registrieren. Daran ändert sich auch nach einer knappen halben Stunde wenig, im Gegenteil: Freistoßflanke der Gastgeber aus dem Mittelfeld, Verwirrung im Strafraum, der Ball klatscht an den Querbalken, Andreas Schuster reagiert am Schnellsten und schiebt links unten viel zu unbedrängt zum 1:0 ein (28.). Die Konsequenz laut Trainer-Analyse: „Und es war dann auch so, dass das 1:0 nicht spurlos an der Mannschaft vorbeigegangen ist.“

Doppelstrafe für Pusch

Am mangelnden Einsatz der Regensburger Schlachtenbummler dürfte der blutleere Auftritt des Tabellenführers nicht gelegen haben: Im Gegensatz zu den paralysierten Spielern verstärken die Fans ihre Anfeuerungen. Und auch Brand reagiert noch vor der Pause, bringt Martin Tiefenbrunner für Odabas (37.). Wie schwer sich der Jahn tut, sieht man auch an der bereits dritten Gelben für die Gäste: Nach Knoll und Palionis erwischt es jetzt auch Schöpf (38.).

Wie sagte einmal ein Großer der Amateurfußballgeschichte so schön, nachdem er einen Elfer gegen den Jahn verschossen hatte? „Wenn’s ned mog, mog’s ned“, O-Ton Bayernliga-Torschützenkönig Franz Schick vom TSV Ampfing. So was Ähnliches wird auf Standarddeutsch auch Kolja Pusch gedacht haben: Seine gefühlvolle Freistoßflanke von halblinks wuchtet Lais mit Köpfchen ins Tor, doch statt Jubel, Trubel, Heiterkeit sieht die Regensburger 20 nur Gelb – Schiedsrichter, Matthias Zacher (SV Nußdorf/Inn) bestraft die voreilige Ausführung, und der Mittelfeldregisseur fehlt nun ausgerechnet gegen Burghausen (43.). Kein gutes Omen für die zweite Hälfte!

Brands Einweisung für George

Jetzt pressiert’s den Gästen aber. Während sich der Heimtrainer mit den Seinen noch über den gelungenen Auftakt freut – „Wir haben in der ersten Halbzeit alles reingehauen, was wir imstande sind zu leisten“, fasst Steib die ersten 45 Minuten zusammen, „des hama ganz gut hingekriegt.“ –redet Christian Brand bereits wie Pep auf den einwechselbereiten Jann George ein, der für Schöpf kommen wird. Auch der Rest der etwas umformierten Elf – Hein wechselt auf die rechte Abwehrseite, Tiefenbrunner auf die linke – scharrt schon mit den Hufen.

Es bleibt Stückwerk, was der Jahn nach vorne auch versucht: Hein mit engagiertem Auftritt gegen drei, aber der angespielte Ziereis verliert sein Duell gegen zwei (49.). Freistoß 35 Meter von halblinks – das war nichts, Herr Knoll (50.). Immerhin zeigt George eifrigen Einsatz und bedrängt Arkadas, der den Fehlpass auf Hein spielt.

„Es brennt da Huat“

Mehr Platz und folgerichtig mehr Gefahr auf der anderen Seite: Konter der Rainer, nachdem Kurz den Ball verplempert – 3:2-Überzahl, aber zum Glück geht Palionis dazwischen. Lais immer wieder mal mit leisen Ansätzen, Ziereis steckt auf Tiefenbrunner durch, etwas zu weit (52.). Zur Ungenauigkeit in den Köpfen kommt ein Rasen, auf dem die Bälle verspringen.

Dann kommt Lais gegen Konstantin Flassak zu spät, Freistoß – der Jahn hat die Kugel schon unter Kontrolle, erneuter Ballverlust, Goia legt quer zu Johannes Müller, der am Fünfer keine Mühe hat, ins linke Eck einzunetzen – 2:0 (55.), „Es brennt da Huat“ wabert Hubert von Goiserns passender Gesang durchs Stadion.

„Wir haben unseren Pfad verlassen“

Was ist nur los mit den Jahnsinnigen, die doch heute den „Tank des Selbstvertrauens einfach immer weiter füllen“ sollten? „Sie waren eigentlich gut aufgelegt, nicht besonders nervös, auch nicht schläfrig“, sinniert Brand. „Wir haben schon versucht, unser gewohntes Spiel aufzuziehen mit einer hohen Frequenz – aber wir haben halt schnell gemerkt, dass es auf dem Platz für uns nicht so einfach ist.“ Tja, das 2:0 macht die Sache nicht gerade leichter.

Dazu kommt, „dass wir nicht immer die richtigen Mittel gewählt haben“, ergänzt Brand. „Wir haben unseren Pfad verlassen, haben nicht mehr über die Außen gespielt, haben das Spieltempo nicht mehr so aufrechterhalten können.“ Immerhin, es wäre ja noch genug Zeit: „Wir sind dann noch einmal herangekommen …“ – richtig: Nach der vierten Ecke endlich der Treffer für die Gäste: Pusch bringt den Eckball von links, Palionis verlängert und Lais findet die Lücke, nur noch 2:1 und gute 20 Minuten Zeit, um den Ausgleich zu schaffen (67.).

Schöne Bescherung

Nun auch noch Tag der offenen Tür bei den Regenwolken – Bonjour Tristesse im Georg-Weber-Stadion. Fußnote am Rande: Die Schwaben ehren damit den Augsburger Gründer der Dehner-Gartencenter-Kette und in Rain gestorbenen Stifter eines Parks. So viel Zeit hat man bei dieser zerfahrenen Partie … Jetzt muss man auf den Schiri und ein wenig Glück hoffen – da: Tiefenbrunner im Laufduell mit Goia im Strafraum, beide gehen zu Boden, ist das der nächste Elfer? Von wegen, der Schiri entscheidet auf Stürmerfoul (76.).

Ja doch, klar kann man jetzt von einer Drangphase des Tabellenführer schreiben – aber meist fehlt die Genauigkeit: Hein ist rechts durch, doch ein Roter fischt die Flanke vor George weg (81.). Ein Freistoß vom rechten Strafraumeck wird zur Ecke geklärt (82.). Der SSV setzt sich fest, Einwurf von rechts: Der noch frische Trettenbach zu schlampig: Fehlpass auf der rechten Seite – Konterchance, Doll auf Goia, der aus fünf Metern an Pentke scheitert (85.).

Das bittere Ende

Das bittere Ende ist schnell erzählt: „Wir hatten dann ganz zum Schluss noch einmal so eine dreifach Chance, die wir nicht genutzt haben“, endet Brands Bericht lakonisch. Und das kam so: Trettenbach schießt nach Doppelpass Jozinovic an, der boxt die Kugel Ziereis vor die Füße, der sich für so viel Gastfreundschaft bedankt, indem er seinerseits den Torwart anschießt – zu schlechter Letzt nagelt Kurz dem Sportsfreund Johannes Nießner auf der Torlinie den Ball an die Beine (88.). Aber auch der TSV hätte den Ballon zuknoten können, wie dessen Trainer bemerkt: „Wir haben noch die ein oder andere Konterchance gehabt, die hätten wir besser zu Ende spielen können – ham wir aber ned.“

Etwa als Pentke als letzter Mann raus muss, den Ball aber nach außen auf Friedl abgibt, der knapp vorbei zielt (89.). „Im Normalfall spielst du noch unentschieden oder verlierst es vielleicht sogar“, schlägt da Steib die Hände rhetorisch überm Kopf zusammen. „Das kann dir passieren hinten raus bei so jungen Leuten – da ist es nicht ganz so einfach über 90 Minuten konzentriert zu bleiben.“ Reicht aber heute, um dem Jahn die erste Niederlage beizubringen. „Ja aber letztendlich war der Sieg verdient“, bekräftigt Brand, „und Glückwunsch.“

Ein schöner Tag für Rain

„Letztendlich ist es für die Jungen unheimlich schön, auch mal so einen Überraschungssieg zu landen“, schwelgt Steib ein wenig im ungewohnten Gefühl. „Kompliment an die jungen Spieler, die kaum Spielpraxis hatten. Das ist bestimmt ein schöner Tag für Rain und für uns alle und das gibt uns auch wieder Auftrieb und Motivation für die nächsten Wochen.“

Und Christian Brand darf sich jetzt endlich erlauben, an das Spiel gegen Burghausen am kommenden Samstag, 14 Uhr, zu denken – denn schließlich ist das nächste Spiel das wichtigste: „Wir werden gegen Wacker wieder voll angreifen. Die Mannschaft wird sich erholt haben von dem Spiel heute. Und dann hoffen wir, dass wir im nächsten Spiel wieder erfolgreicher sind.“ Und nach der 1:2-Heimniederlage der kleinen Bayern und dem 0:0 der Burghausener gegen die noch kleineren Ingolstädter ist ja auch nichts wirklich Schlimmes passiert.