Jahn Regensburg muss Weichen für die Regionalliga stellen
Nach 1:2 gegen Halle abgestiegen

Jahn Abstieg

Eigentlich war es seit Wochen klar, und doch ist die Meldung - selbst für hartgesottene Fans - ein Schock, ein Trauma, der größte anzunehmende Unfall.

Regensburg. Eigentlich war es seit Wochen klar, und doch ist die Meldung - nicht nur für hartgesottene Fans – ein Schock, ein Trauma, der größte anzunehmende Unfall. Einfach unbegreiflich eben. Der SSV Jahn Regensburg ist abgestiegen! Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. Durchgereicht von Liga 2 mit so wunderbaren Partien wie gegen 1860 München oder den 1. FC Köln, in die Regionalliga Süd, wo Teams wie der FV Illertissen oder der SV Schalding-Heining auf den Jahn warten. „Schuld“ daran war die sechzehnte Auswärtspleite des SSV in der Saison beim Halleschen FC (1:2) und der gleichzeitige 3:1-Sieg des FSV Mainz 05 II gegen Sonnenhof Großaspach. Damit hat die Bundesligareserve aus der Karnevalshochburg zehn Zähler (37) mehr auf dem Konto als der traditionsreiche Jahn, der diesen Rückstand in den drei noch ausstehenden Partien auch rechnerisch nicht mehr gutmachen kann.

Natürlich muss nach dieser Saison der Pleiten, des Pechs und der Pannen die Frage nach den Schuldigen erlaubt sein. Wie im richtigen Leben ist das sportliche Desaster des SSV nicht einer einzigen Person anzulasten. Und doch kann und wird die sportliche Leitung ihre Verantwortung nicht wegleugnen. Die Fehlerkette begann schon Ende der vergangenen Spielzeit, als man den Vertrag mit dem Trainer Thomas Stratos nicht verlängerte – obwohl der nachweislich gute Arbeit geleistet und die Truppe recht souverän in ruhige Fahrwasser geführt hatte. Danach ging der Club auf Einkaufstour, kaufte Spieler um Spieler – leider ganz nach dem Motto „Masse vor Klasse“. Dennoch überzeugt von der Qualität der Neuzugänge ging der Verein frohen Mutes in die neue Saison, verstieg sich sogar in der waghalsigen Annahme, eine stärkere Mannschaft als in der Vorsaison ins Rennen schicken zu können.

Fehlgriffe


Fehlgriff Nummer 2: Trainer Alexander Schmidt. Der Ex-Übungsleiter der Münchener Löwen kam eigentlich nie richtig an in der Prüfeninger Straße, erreichte weder Spieler noch Fans. So kam es, wie es (beim Jahn) wohl kommen musste. Nach 17 Runden musste der Trainer gehen, angesichts von jeweils nur drei Siegen und Unentschieden bei elf Niederlagen kein richtiges Wunder. Es wäre aber auch hier durchaus ein bisschen unfair, Schmidt allein die Misserfolge ankreiden zu wollen. Er hatte das ausgesprochene Pech, dass mehrere als wichtige Stützen eingeplante Akteure einfach nie die Erwartungen erfüllten, die Verantwortlicher und Fans an sie gestellt hatten. Das begann bei Torwart Stephan Lobouè, setzte sich fort bei Sebastian Nachreiner (Abwehr) und Oliver Hein (Mittelfeld) und endete bei Romas Dressler (Angriff).

Ob aus Verletzungs-, Form- oder anderen Gründen: Sie konnten nie die Rolle spielen ließen, die Sportchef Christian Keller für sie vorgesehen hatte und die für die Mannschaft so (über)lebenswichtig gewesen wäre. Da half auch die kräftige Blutauffrischung im Herbst mit vier Neuen (Palionis, Hesse, Sinkiewitz, Lorenzi) nicht mehr viel. Während vor allem Palionis und Hesse durchaus zu überzeugen wussten und als Verstärkungen durchgehen können, erinnerte das Kapitel Lukas Sinkiewicz eher an ein Trauerspiel. Die Verletzungen des Ex-Nationalspielers in den sechs Monaten seines Hierseins hätten einer halben Mannschaft zur Ehre gereicht.

Etat-Erhöhung ohne Folgen

Letztlich blieb selbst der Gewaltakt der Vereinsführung mit acht Neuzugängen im Winter ohne Erfolg. Dafür wurde sogar der Etat noch einmal kräftig erhöht – auf zwei Millionen Euro. Und das schien sich zunächst auch auszuzahlen. Man holte sieben Punkte aus den ersten drei Spielen nach der Winterpause. Doch die Euphorie war schnell dahin – auch weil man wie festzementiert auf dem letzten Platz hängen blieb. Sicherlich mit entscheidend für die sportliche Misere des SSV Jahn war die katastrophale Auswärtsbilanz. 16 Niederlagen in 18 Spielen, schlechter geht’s fast nimmer.

Zurück zum Abstiegsspiel im Sachsen-Anhaltinischen Halle. Der Jahn begann mit leicht veränderter Aufstellung im Vergleich zur Vorwoche. Kapitän Palionis musste passen, dafür gab Sebastian Nachreiner sein Comeback. Außerdem rückten Patrick Lienhard und Marvin Knoll in die Startelf. Die leicht lädierten Öztürk und Aosman nahmen auf der Bank Platz. Genau wie Trainer Christian Brand versprochen hatte (hört, hört), ging seine Truppe die entscheidende Partie forsch an, übernahm sofort das Kommando und schien damit die abwartenden Gastgeber fast ein bisschen überraschen zu können. Was sich in einem mutigen Weitschuss von Kolja Pusch niederschlug, der zu dieser Zeit die Führung des SSV zumindest in der Torschusswertung einbrachte.

Gäste ließen sich nicht schocken

Den Anfang vom Ende leitete ausgerechnet ein Akteur ein, der bislang als einer der zuverlässigsten und stärksten bei den Rot-Weißen galt: Richard Strebinger. Der österreichische Keeper bestätigte eigentlich längst vergessen geglaubte Vorurteile gegen die Torhüterzunft und ließ einen eigentlich gut getimten Rückpass zu weit vom Fuß springen. Das erahnte FC-Angreifer Osayamen Osawe, spritzte dazwischen und lief mit dem Leder ins verlassene Jahn-Gehäuse. Wer geglaubt hatte, die Gäste ließen sich von diesem frühen Rückstand schocken, musste sich eines Besseren belehren lassen. Bereits drei Minuten nach dem 1:0 hatte Marco Königs nach der ersten SSV-Ecke den Ausgleich auf dem Fuß, scheiterte aber an Halle-Keeper Lomb.

Wenig später die nächste Aufregung im FC-Strafraum: Lienhard stand nach einer Flanke von Uwe Hesse völlig frei, traf aber den Ball nicht richtig und so pflückte Lomb den harmlosen Dropkick von der Linie. Spielstand nach Chancen: 0:3, nach Toren 1:0 für die "Chemiker". Tja, wie heißt es so treffend: Wenn man hinten drin steht...

Ideenloses Spiel

Eigentlich enttäuschend der Auftritt des gastgebenden Teams bis dahin. Der FC agiert fast wie eine Auswärtsmannschaft, steht sehr tief und beobachtet, was der Gegner so treibt. So recht viel damit anzufangen weiß aber der Jahn auch nicht. Zu druck- und ideenlos ist das Spiel nach vorne, ein rechtes Mittelfeldgeplänkel ist‘s nach einer knappen halben Stunde. Dass Feigheit auch belohnt werden kann, zeigte sich in der 29. Minute: Nach einem langen Pass in die Spitze mogelte sich Bertram in den Sechzehner und ließ sich – wie es leider gang und gäbe ist im Fußball – recht theatralisch fallen, als er den Atem von Thomas Kurz spürte, der ihn am Trikot gezupft haben soll. Foulelfmeter für Halle.

Meine zugegeben durch die Vereinsbrille gesehene Theorie: Gegen die Heimmannschaft hätte Schiri Thorben Siewer den Elfer nicht gepfiffen. Akaki Gogia wars völlig egal, guckte sich Keeper Strebinger aus und versenkte das Leder ins linke untere Eck zum 2:0. Das war er auch, der zwar verdiente, aber insgesamt gesehen zu deutliche Halbzeitstand. Dass die Moral in der Regensburger Mannschaft trotz der schier aussichtlosen Situation nicht ganz –Achtung Wortspiel – im Keller ist, bewies sie zu Beginn des zweiten Abschnitts. Die Truppe von Trainer Christian Brand hatte sich noch längst nicht aufgegeben und ging die Sache offensiv an.

Weckruf für Halle

Mit Erfolg: Über Hesse kam der Ball zum am rechten Pfosten stehenden Marco Königs, der den freistehenden Patrick Lienhard bediente, der die Kugel nur noch über die Linie drücken musste. Anschlusstreffer in der 48. Minute. Noch 42 Minuten Zeit, vielleicht doch noch die Wende im Spiel zu schaffen und sich das Fünkchen Hoffnung zu bewahren. So blieb der SSV dran: Leider konnte Königs Hesses scharfe Hereingabe nicht verwerten (53.). Das schien wie ein Weckruf – aber nicht für die Gäste, sondern für den Halleschen FC. Die Hausherren zogen jetzt das Tempo deutlich an und scheiterten fast im Minutentakt am Jahn-Keeper, der seinen Lapsus zum 1:0 längst wieder gutgemacht hatte. Halle gab jetzt richtig Gas. Bertram ließ sich das Leder nach einem Konter im letzten Moment von Strebinger von den Füßen klauen (76.). Die Gäste gerieten jetzt zunehmend ins Hintertreffen, schafften es kaum mehr, konkrete Angriffsaktion zu starten, sieht man einmal von Königs‘ Schuss von der Strafraumkante ab, der das HFC-Tor (82.) aber verfehlte. Auf der anderen Seite konnte Richard Strebinger wiederholt gegen Furuholm (85.) und gegen Pfeffer (90.) glänzen.

Entscheidung am grünen Tisch?

Samstag, 15.55 Uhr: Das Spiel ist aus, Mainz hat gewonnen, der Jahn ist sportlich abgestiegen. Obs noch eine theoretische Chance am grünen Tisch gibt, werden die kommenden Wochen zeigen, scheinen doch drei Vereine in der finanziellen Klemme zu stecken und sollen deshalb das Damoklesschwert des Zwangsabstiegs im Nacken zu spüren. Allein, darauf verlassen wird sich beim SSV Jahn garantiert niemand. Jetzt gilt es verstärkt, die Weichen zu stellen für die nächste Saison in der Regionalliga. Eines dürfte dort sicher sein: Der Jahn wird dort als Aushängeschild viele Zuschauer auf des Gegners Plätze locken. Hoffentlich finden auch noch viele Fans zu den Heimspielen des SSV den Weg. Und hoffentlich kommen sie nicht nur wegen des schönen neuen Stadions…