Jahn steuert auf Blamage zu

Gefragter Interviewpartner: Jahn-Sportchef Christian Keller (links) hat nach dem Absturz auf den letzten Platz in der dritten Liga viel zu erklären. Bild: Herda

Der SSV Jahn ist mittlerweile auf den letzten Platz der dritten Liga abgestürzt. Gut möglich, dass im neuen Regensburger Stadion in der kommenden Saison ein Regionalligist spielt. Sportchef Christian Keller, der alle Fäden in der Hand hält, kann aber weiterhin schalten und walten, wie er will.

Regensburg. Sportchef Christian Kellers neue Jahn-Kleider faszinierten vor knapp zwei Jahren Aufsichtsrat und Kommunalpolitik des Fußball-Drittligisten. Zunehmend stellt sich aber heraus: Seine Powerpoint-Präsentationen sind dünn gewebt. Im sportlichen Alltag vermisst man Führung, Offenheit und Stil. Am heutigen Dienstag wird der Aufsichtsrat den Hoffnungsträger wohl dennoch nicht in Frage stellen. Aber es dürfte sehr wohl um die Zukunft von Trainer Alexander Schmidt gehen.

Die drei Floskeln

Als Christian Keller in Regensburg ankam, wurde er mit Vorschusslorbeeren empfangen - als Fußball-Professor aus Heidelberg. Alle hatten sich gewünscht, dass der promovierte Sportökonom die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen könnte. Keiner hatte in den ersten 100 Tagen Wunderdinge erwartet. Alle akzeptierten lange, dass außer den drei Floskeln "Kontinuität, Glaubwürdigkeit und Erfolgswille" wenig zu hören war, was erfrischend neu gewesen wäre. Eineinviertel Jahre sind seitdem vergangen. Und wenn das Vertrauen, das man dem Sportchef entgegengebracht hat, heute erschöpft ist, dann liegt das nicht daran, dass sich die Erfolge nicht schnell genug eingestellt hätten. Ganz im Gegenteil. Die meisten Fans hätten gut damit leben können, wenn man auf dem Mittelfeldplatz der vergangenen Saison aufgebaut hätte. Das Vertrauen hat Christian Keller verspielt, weil er sich an seine eigenen Maximen selbst nicht hält.

Was bedeutet der Begriff Kontinuität, wenn Keller nach einer Saison einen ordentlichen Trainer entlässt, der die Zielvorgaben erfüllt hat? Was bedeutet Glaubwürdigkeit, wenn er behauptet, Spieler seien nicht zu halten gewesen, die nach eigener Aussage gar kein Angebot bekamen? Was hat es mit dem ominösen Erfolgswillen auf sich, wenn man nicht mal versucht, Leistungsträger zu halten? Es gibt eine Methode Keller, die unter dem Vorwand, Mitarbeiter zu schützen, in Wahrheit ein Diffamierungsinstrument darstellt. Er äußert sich nicht über entlassene Trainer oder "gegangene" Spieler. Er deutet nur an, dass es dramatische Dinge zu enthüllen gäbe. Ein Totschlag-Argument, gegen das sich keiner wehren kann.

Und diese Strategie findet eine Fortsetzung: Nach wochenlangen Beteuerungen, wie gut Alex Schmidt das Training, die Spielvor- und -nachbereitung leiten würde und dass man an so einem Taktikfuchs nicht rütteln werde, soll Sportchef Christian Keller Kapitän Sebastian Nachreiner beauftragt haben, einen Telefon-Rundruf zu starten. Einziges Thema: "Wollt ihr den Trainer noch?" Der Sportchef ließ derweil seine Presseabteilung die Telefon-Umfrage dementieren.

Die Verteidiger des Heidelberger Theoretikers Keller führen an, er habe hinter den Kulissen wahre Wunder bewirkt. Das Feedback der Wirtschaft sei positiv. Wenn dem so ist, dann sollte man endlich die Fakten auf den Tisch legen. Wo sind die neuen Sponsorenverträge? Wo sind die neuen Unterstützer, die sagen: "Wir müssen jetzt reagieren, bevor der Jahn in die Viertklassigkeit abrutscht und womöglich Jahre braucht, um wieder hoch zu kommen." Kann es sein, dass es Kellers neue Kunden gar nicht gibt?

Die Rückkehr Gerbers

Aus dem Aufsichtsrat hört man dazu wenig Ermutigendes, auch wenn sich die handelnden Personen bisher zurückhalten - aus ihrer Sicht mangels Alternativen. Schon beim ersten Anlauf des Duos Keller und Rothammer gab es keine Sponsoren, die bereit gewesen wären, die Träume der selbst ernannten Experten zu finanzieren - in nur einem halben Jahr sackte der Jahn damals von einem einstelligen Tabellenrang auf einen Abstiegsplatz. Zähneknirschend akzeptierte damals die Politik die Rückkehr Franz Gerbers, der Abstieg und Insolvenz vermied. Der Entschuldungs- und Konsolidierungsprozess setzte damals ein, nicht unter Keller. Gerber füllte für viel weniger Geld auch deutlich mehr Funktionen aus.

Bald Chefsache?

Mittlerweile ist Tristesse im Regensburger Fußball eingekehrt. Nach sechs sieglosen Spielen ist der SSV Jahn auf den letzten Platz der dritten Liga abgestürzt. Für die Politik geht es jetzt auch darum, eine Blamage abzuwenden, die bundesweit Schlagzeilen machen könnte: Die Stadt baut an der A 3 in Nähe der Universität ein neues Stadion. Nicht auszudenken, wenn ab dem Sommer 2015 dort nur Regionalliga-Fußball angeboten würde. Um wie viel größer wird die Häme sein, wenn sich herausstellt, dass die Stadt beim Projekt "Arena für die Zweite Liga" den gesamten Einsatz auf einen Mann gesetzt hat, der zuvor noch nicht einmal einen Amateurverein managte? Jahn Regensburg sollte spätestens jetzt Chefsache sein - Chefsache des demokratisch gewählten Oberbürgermeisters der Stadt Regensburg.
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