Jahresrückblick 2015
Die moralische Krise des Weltfußballs

Joseph "Sepp" Blatter: Der Name des 79-Jährigen Schweizers ist zum Synonym für den moralischen Verfall im Weltfußball geworden. Bild: dpa

Fifa, Uefa und DFB stehen alle ohne ordentlich gewählte Präsidenten da. Die moralische Krise des Weltfußballs ist kaum zu toppen. In rund sechs Monaten ist ein System kollabiert, das vor allem mit einem einzigen Namen verbunden ist.

Zürich. Joseph Blatter hat in den vergangenen Monaten praktisch alles verloren. Trotz ramponierter Reputation, komplettem Machtverlust und merklich angeschlagener Gesundheit hat sich der suspendierte Fifa-Präsident aber eines bewahrt: seine Sicht der Dinge. In einem TV-Interview wetterte der Schweizer gegen die einst von ihm installierten Fifa-Ethikhüter, als hätte er die Geschicke der Fußball-Welt weiter fest in seinen Händen. "Als guter Christ muss ich sagen: Was die Ethikkommission mit mir macht, das ist wie eine Inquisition", sagte der 79-Jährige kurz vor der erwarteten langen Sperre, die seine schillernde Funktionärskarriere endgültig beenden wird.

Verrat gewittert


Der Anfang vom Ende der Fifa im System Blatter ereignete sich im Morgengrauen des 27. Mai. Im noblen Hotel Baur au Lac am Zürichsee nahmen Fahnder der Schweizer Polizei als Amtshelfer der US-Justiz sieben hohe Fußball-Funktionäre wegen Korruptionsverdachts fest - darunter den Blatter-Stellvertreter und -Vertrauten Jeffrey Webb. Zwei Tage vor der Wiederwahl des ewigen Präsidenten wurde die Fifa in ihren Grundfesten erschüttert. Blatter witterte schon da Verrat. Der Zeitpunkt der Festnahmen sei von seinen Gegnern in Amerika bewusst gewählt. Er stelle "zumindest die Frage, ob es Zufall war", sagte er. Am Tag seiner Wiederwahl konnte er den Schwarzen Peter noch anderen zuschieben. "Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation."

Umso überraschender kam dann die Rücktrittsankündigung nur vier Tage nach der Wiederwahl. Bis heute ist unklar, was sich im Fifa-Hauptquartier abspielte: Klare Hinweise von der Justiz oder persönlichen Beratern, dass die Liste der Verfehlungen gar bis zum Präsidenten reicht? Blatter schwieg sich zu den Motiven aus, wollte aber plötzlich Reformen auf den Weg bringen, seinem bröckelnden Lebenswerk auf der Zielgeraden eine moralische Note geben.

"Wenn man ein neues positives Image der Fifa aufbauen will, dann ist der Umschwung nur überzeugend zu schaffen, wenn auch ein neues Gesicht an der Spitze steht", sagte der damalige DFB-Chef Wolfgang Niersbach als Frontmann der europäischen Anti-Blatter-Koalition - nicht ahnend, dass wenige Monate später diese Aussage auch auf ihn und den deutschen Verband zutreffen würde.

Kein Leuchtturm mehr


Vor der letzten Sitzung des Exekutivkomitees am 3. Dezember folgt der nächste Keulenschlag für das Image der Fifa. Die Fifa-Vizepräsidenten Juan Angel Napout (Paraguay) und Alfredo Hawit Banegas (Honduras) werden wegen Bestechungsverdachts festgenommen. Anschließend bewilligt das Gremium immerhin ein Reformpaket, wonach das Komitee künftig durch eine Art Aufsichtsrat ersetzt werden soll. Jährlich öffentlich gemacht werden soll die Vergütung der Top-Funktionäre.

Der DFB ist durch den Skandal um die WM-Vergabe 2006 nicht mehr Leuchtturm in einer finsteren Funktionärswelt, sondern mittendrin im Sumpf, der trockenzulegen ist. Ex-DFB-Präsident Niersbach bekam dies durch seinen unausweichlichen Rücktritt knallhart zu spüren. Die kultivierte Rolle des Aufklärers im Welt-Fußball passte nun gar nicht mehr. Zu sehr hatte er in den Anfängen seiner Karriere offenbar gutgläubig den Strippenziehern um Franz Beckenbauer und dessen ins Zwielicht geratenen Beraterfreund Fedor Radmann vertraut.

Die Geschäfte liefen damals halt so, lauten die naiv klingenden Statements der deutschen WM-Beschaffer. Dass auch bei den dubiosen deutschen 6,7 Millionen-Euro-Transfers Spuren zur Fifa und zumindest ins Umfeld von Blatter führen, scheint fast schon logisch.
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