Keller und Schmidt wollen Jahn-Youngstern die Angst austreiben
Mit Rucksack nach Wiesbaden

Jetzt hatte auch der letzte Novize im Kader seine Feuertaufe: Noah Michel bei seiner Einwechslung am Mittwoch gegen Kiel. Bilder: Herda
 
Jetzt hatte auch der letzte Novize im Kader seine Feuertaufe: Noah Michel bei seiner Einwechslung am Mittwoch gegen Kiel. Bilder: Herda
 
Christian Keller schreitet mit langen Schritten zur seelischen Aufbauarbeit.
 
Till Müller (rechts) zu Beginn seiner Bartwette. Jetzt passt der gar nicht mehr aufs Bild.

Alle Jahre wieder: Als der Kicker zu Beginn der Saison die Trainer nach den Aufstiegsfavoriten befragte, nannten die Übungsleiter vor allem zwei Mannschaften: Arminia Bielefeld (4./20 Punkte) und der SV Wehen-Wiesbaden (6./20). Stand jetzt: nicht mal so falsch. Dem Tabellenletzten aus Regensburg wird das momentan am Hosenboden vorbeigehen. Der SSV Jahn hat derzeit ganz andere Sorgen. Und Favorit ist für das Schlusslicht ohnehin immer der Gegner. Am Samstag, 14 Uhr, Marc Kienles Hessen-Truppe.

Nach dem desaströsen Spiel am Mittwoch gegen Kiel herrscht Ausnahmezustand an der Prüfeningerstraße. Die Spieler verließen den Platz durch den Hinterausgang. Noch eine Stunde danach warteten aufgebrachte Fans auf Erklärungen. Vergeblich. Kein Wunder, dass die Stimmung aufgekratzt war. Es kam zu Rangeleien, die „Keller raus“-Rufe dominierten, vereinzelt unterbrochen vom „Schmidt raus“-Background-Chor.

Dass in so einer Situation kein akademisches Gespräch möglich ist, ist klar. Aber einen Versuch wäre es wert gewesen. Schade. Wer an einem kühlen Mittwochabend bis zu 200 Kilometer zum Jahn-Spiel fährt, hätte ein paar Erklärungen verdient gehabt. Schließlich „spuit“ die Mannschaft für alle Fans aus Ostbayern.

„Kritik berechtigterweise gegen mich“

Sportchef Christian Keller übt sich bei ausgesuchten öffentlichen Auftritten noch immer in Durchhalteparolen: „In Bezug auf den Trainer bewerte ich das Training, das bewerte ich mit sehr gut. Ich bewerte die Spielvorbereitung, die bewerte ich mit sehr gut. Und ich bewerte die Spielnachbereitung, die bewerte ich auch mit sehr gut. Und dann kann ich meinem Trainer keine Vorwürfe machen und dann sehe ich auch keinen Anlass, ihn von seiner Aufgabe zu entbinden, auch wenn das Ergebnis weder für meinen Trainer noch für mich spricht.“

Der Rückschluss: Die Verantwortung liegt beim sportlichen Leiter, der in der vergangenen Saison, wie er selbst sagt, kritische Entscheidungen getroffen hat, die ihm jetzt auf die Füße fallen: „Wenn es dann mit einem neuen Trainer sportlich nicht gut läuft, ist es natürlich klar, dass die Rufe nach dem alten Trainer laut werden. Und der einzig Verantwortliche für den Trainer, der bin ich. Demzufolge richtet sich die Kritik berechtigterweise gegen mich.“ Die drei guten Jungs – Abde, Jimi und Joni – aber seien nicht zu halten gewesen, „denen hätte ich einen Vertrag hinlegen können, wie ich hätte wollen“. Nur seltsam, dass das Trio trotzdem so lange auf ein Angebot gewartet hatte.

Der Turnaround kommt

Für Keller steht jedoch unverrückbar fest: Der Kader hat das Potenzial für die Dritte Liga. Und: „Natürlich bekommen wir den Turnaround hin, ansonsten können wir aufhören. Das wäre eine Bankrotterklärung, wenn ich sagen würde, wir bekommen ihn nicht hin.“ Das kurzfristige Rezept: „Den Rucksack wegnehmen, reden, auch mal das eine oder andere Unerwartete ins Spiel bringen.“ Und damit wären wir bei der geheimnisumwitterten Rekreationsfahrt nach Bad Gögging, die vielerorts als Flucht gedeutet wurde: „Es war ein kleiner Mannschaftsausflug angesetzt, um einfach auch einmal aus Regensburg raus zu kommen, um sich einmal nicht auf dem Trainingsplatz den Fragen der Kiebitze stellen zu müssen.“

Ob man nach der Leistung vom Mittwoch nicht besser trainiert hätte? Mitnichten. Zum einen steckt den Spielern die englische Woche in den Knochen, zum anderen lähmt die Angst im Rucksack. Den müsse man ablegen, wenn man in Wiesbaden bestehen wolle. Deshalb ist Pressesprecher Till Müller auch ein wenig frustriert, dass die Motivationhilfen der Geschäftsstelle so schlecht ankommen bei manchen Fans: „Wir haben uns gefragt, wie können wir den Jungs jetzt helfen“, erklärt das A-Klassen-Mittelfeld-Ass auf dem Weg zum Spiel im Bayerischen Wald. „Deshalb haben wir ein kleines Video gedreht, im dem jeder sagt, warum sie es schaffen können.“ Keine Hexerei und natürlich keine große Sache, nur eine gutgemeinte Geste. Geschenkt. Der Absolvent der Kölner Sporthochschule hat nur eine Chance, seinen ZZ-Top-Bart wieder wegzubekommen: „Entweder verlieren wir, aber unser SV Atzenzell-Sattelbogen hat derzeit einen Lauf – oder der Jahn gewinnt, was mir viel lieber wäre.“ Wetten, dass ...

Suche nach der Verstärkung

Es wurde auch gearbeitet in Wiesbaden. „Wir haben ein kleines Rahmenprogramm um die Fahrt drum rum gesetzt“, erklärt der Sportchef, „und haben uns dann konsequent und konzentriert vorbereitet. Das ist jetzt mal das eine, was man ad hoc machen kann.“ Darüberhianus versuche man seit Wochen, die ein oder andere Verstärkung zu bekommen. Keller selbstkritisch: „Weil die Mannschaft in der jetzigen Phase nicht stabil genug ist, weil sie sehr jung ist. In einer solchen kristischen Situation bräuchte es vielleicht noch den einen oder anderen älteren Spieler, der zur Zeit vereinslos sein müsste.“

Vor allem auf der Innenverteidigerposition suche man nach dem Ausfall von Wastl Nachreiner händeringend nach einer Persönlichkeit, die sofort Fuß fassen könne. Wer erinnert sich da nicht an Mario Neunaber, und seine Bereitschaft, sich überall reinzuhängen, wo Not am Mann war? „Mario Neunaber, ist ein erfahrener Spieler gewesen, aber da war ich ganz klar der Meinung, dass er uns dieses Jahr nicht mehr so hätte helfen können, wie er das in der vergangenen Saison noch getan hatte.“ Wenn man einen hole, dann müsse er dem Verein sofort helfen können. „Wir können nicht nur jemanden holen, damit für kurze Zeit alle mal wieder besänftigt sind, weil wir ansonsten nur Geld liegen lassen.“

Alex Schmidt & Co. leiden wie ein Hund

Auch Trainer Alex Schmidt hätte natürlich gerne Verstärkungen, aber die besten Innenverteidiger sind nun mal meist nicht vereinslos: „Ich kann die Liste der vereinslosen Spieler von oben nach unten und unten nach oben lesen. „Wenn wir einen holen, dann muss er uns helfen.“ So lange muss die Mannschaft ohne auskommen. Und auf der möchte er nicht herumhacken: „Soll ich die Jungs in Grund und Boden reden oder die Kaderzusammenstellung kritisieren?“, fragt er in der Pressekonferenz. Klar, die Nerven liegen auch bei ihm blank. Auf dem Rasen sah man ihn mit Präsident Hans Rothammer nach Erklärungen ringen – fast so gestenreich, wie zuvor am Spielfeldrand.

„Fußball ist halt auch ned kalkulierbar“, bedauert Schmidt. „Ich kann ned sagen, so jetzt gewinnen wir heute und dann überholen wir Kiel – das war eigentlich unser Plan.“ Aber die Mannschaft konnte die taktischen Vorgaben nicht umsetzen: „Das sind junge Leute, die sind verunsichert und Kiel hat hervorragend gespielt. Die waren sehr robust, sehr zweikampfstark.“ Was hilft also weiter? Es ist das gleiche Lied: „Ich muss die Jungs aufbauen.“ Dass der Trainer dann noch die Zuschauer für die Pfiffe kritisiert, ist sicher nicht sehr klug. Aber auch ein Ex-Löwe ist nur ein Mensch und „leidet wie alle im Verein wie ein Hund“. Dass in der besten aller Fußballwelten die Fans gerade dann die Mannschaft nach vorne peitschen, wenn sie völlig aus dem Ruder läuft, ist ein verständliches Anliegen. Aber auch der Fan hat Schmerzgrenzen, selbst wenn er sich damit ins eigene Fleisch schneidet.

Skeptischer Beobachter

Beobachter anderer Vereine sehen das Geschehen naturgemäß leidenschaftslos. Und was sie – „bitte ungenannt“ – sagen, muss einem Angst und Bange machen. „Außer Aosman hab ich heute keinen Drittliga-reifen Spieler gesehen“, ist eine Feststellung. „Wenn der ausfällt, sehe ich schwarz.“ Natürlich eine Momentaufnahme. Freilich gab es einige Lichtblicke – wir haben Dresden, Cottbus und Erfurt nicht vergessen. Aber auch gegen diese drei reichte die ordentliche Leistung nur zu einem Punkt. „Und was ich gesehen habe, waren die Gegner ja auch alles andere als eine Macht – Rostock, Münster, Kiel, langsam in der Spielanlage und schlagbar.“

„Ich kann nur raten, schleuningst drei erfahrene Spieler zu holen“, sagt der Gast. „Es gibt welche am Markt, aber die werden täglich weniger – erst kürzlich hat wieder einer in Rostock unterschrieben.“ Und noch eine Beobachtung, die nachdenklich stimmt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das 2600 Zuschauer waren.“ Das Interesse schwindet. Wen wundert‘s? Auch die Ergebnisse der zweitligareifen „guten Leute“ in der Geschäftsstelle, die laut Keller „immer wieder positive Resonanz aus der Wirtschaft“ bekommen, lassen auf sich warten: „Ich sehe keine neuen Banden.“

Chance nutzen, Etat ausbauen

Dass sich dabei der Geschäftsstellenetat „im Drittliga-Rahmen“ bewegt, tröstet wenig, wenn die Vermarkter nicht auch Einnahmen im Drittliga-Rahmen der Konkurrenz generieren. Schließlich kann auf Dauer nicht nur einer immer die Löcher stopfen.

Aber wie sagte Christian Keller so schön: „Was mir auffällt, seit ich vor eineinviertel Jahren hergekommen bin – auf der eine Seite gibt es angesichts des neuen Stadions eine Euphporie, auf der anderen Seite eine Angst, der Jahn kann diese Chance nicht nutzen.“ Gerne lassen wir uns positiv überraschen. Vom Spiel in Wehen und bei den Erfolgen, wenigstens im zweiten Jahr den zweitkleinsten Etat der Liga mit dem neuen Stadion vor der Brust zum – seien wir bescheiden – fünftkleinsten Etat der Liga auszubauen.