Klitschkos Totalschaden

Alkohol und große Parties - diesen Quatsch brauche ich nicht mehr. Das habe ich alles hinter mir. Gott hat mir den Sieg geschenkt.

Der entthronte Weltmeister Klitschko saß mit zerbeultem Gesicht neben dem neuen Champ Tyson Fury. Der unorthodoxe Brite hatte dem Ukrainer nach über elf Jahren Regentschaft alle Titel abgenommen. Ein Rückkampf soll die Hierarchie wieder herstellen.

Tyson Fury zählte in den Katakomben der Esprit-Arena weit nach Mitternacht immer wieder die vor ihm aufgebauten Weltmeistergürtel der großen Box-Verbände WBA, IBF und WBO. Neben ihm saß nach der Box-Sensation des Jahres fast apathisch der entthronte Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko. Sein Gesicht sah aus wie nach einem mittelschweren Verkehrsunfall.

Tatsächlich hatte der 39 Jahre alte Titelverteidiger kurz zuvor einen sportlichen Totalschaden erlitten. Der Ukrainer zeigte nach seinem persönlichen Debakel immerhin Boxerherz und versprach: "Fortsetzung folgt." Sein Bruder Vitali, der wie immer - auch als gerade wiedergewählter Bürgermeister von Kiew - als Betreuer in seiner Ecke stand, machte ihm Mut: "Die Show geht weiter. Wladimir wird stärker denn je zurückkommen."

Fury schaffte etwas, was ihm kaum jemand zugetraut hatte und ließ seinen Sprüchen Taten folgen. Fury entthronte den als schier unbezwingbar geltenden Klitschko, der sich in der fünften Runde die erste blutende Wunde eingehandelt hatte, durch einen einstimmigen Punktsieg.

Zuschauer fassungslos

Rund 45 000 Zuschauer waren weitgehend fassungslos. Der 1,98 Meter große Modellathlet Klitschko, der die Schwergewichtsszene über elf Jahre beherrschte und erst in der 19. Titelverteidigung scheiterte, wirkte wie ein Häufchen Elend. Das war nicht seine Nacht. "Er hat den Sieg verdient - Gratulation", meinte er fair.

Der hünenhafte Klitschko scheiterte nicht so sehr an einem etwa außerordentlich starken Herausforderer. Der Kampf hatte für Boxliebhaber wenig zu bieten. Klare Treffer mit Wirkung waren auf beiden Seiten Mangelware. Aber Fury war agiler, machte Eindruck als fast nie zu treffendes Ziel. Seinem Druck hielt Klitschko, der in seinen Schlägen nie die richtige Distanz fand, nicht stand. Der Herausforderer ließ einen ratlosen Titelverteidiger zurück, der sich wohl auch durch die ständigen Provokationen im Ring von Fury aus dem Rhythmus bringen ließ.

Die Punktrichter errechneten einen vielleicht etwas zu hoch gerateten 115:112, 115:112, 116:111-Vorsprung für das "Box-Tier" von der Insel, in dessen Familie - wie er sagte - der Kampfsport seit 200 Jahre die Hauptrolle spielt. Die Gattin des neuen Weltmeisters, der der Blondine noch im Ring ein Ständchen gebracht hatte, um hinterher mit seiner Entourage eine Polonaise durch den Innenraum zu tanzen, war den Tränen nahe. Im kommenden Jahr erwartet sie ihr drittes Kind und Tyson versprach ein ganz braver Ehemann zu sein: "Alkohol und große Parties - diesen Quatsch brauche ich nicht mehr. Das habe ich alles hinter mir. Gott hat mir den Sieg geschenkt."

Auch Klitschko dachte erst einmal an seine Familie. Die sportliche Planung scheint vorerst zweitrangig. Er könne noch nicht sagen, "wie, wo und wann" der Rückkampf stattfinden werde. "Das sehen wir alles im nächsten Jahr", ließ er wissen.
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