Letzte Deutsche in Paris

In den vergangenen Jahren stand Julia Görges meist im Schatten von Andrea Petkovic und Co. Nicht wenige glaubten, dass die 26-Jährige ihre beste Zeit bereits hinter sich hätte. Doch in Paris trumpft Görges groß auf und ist dort nun die letzte Deutsche.

Ohne Taschentuch geht für Julia Görges in diesen Tagen von Paris gar nichts. "Ich glaube, ich verbrauche geschätzt 400 Stück am Tag", sagte die 26-Jährige. Doch zum Tränen trocknen benötigt sie die Tempos nicht, dafür spielt sie trotz ihrer Allergieprobleme zu erfolgreich. Zum ersten Mal in ihrer Karriere steht Görges bei den French Open im Achtelfinale, als einzige der insgesamt 16 bei den Damen und Herren gestarteten deutschen Tennisprofis hat sie die dritte Runde überstanden.

"Ich freue mich natürlich, dass ich es endlich auch einmal außerhalb von Melbourne ins Achtelfinale geschafft hat", sagte Görges. Bislang stand sie lediglich bei den Australian Open in der Runde der letzten 16 - das aber schon dreimal.

Wer Görges derzeit in der französischen Hauptstadt beobachtet, der erlebt eine Spielerin, die mit sich im Reinen und voll fokussiert ist. "Außerhalb des Hotels habe ich noch nicht viel gesehen", antwortete die Norddeutsche auf die Frage, was ihr an Paris bislang am besten gefallen habe. Der regnerische Sonntag lud eh nicht zum Stadtbummel ein, auch das für 14.00 Uhr geplante Training von Görges musste verschoben werden.

Schon zu Saisonbeginn formulierte sie erstaunlich konkret und forsch ihre Ziele. "Ich will wieder in die Top 20", gab sie als Zielvorgabe für 2015 aus. Durchaus mutig, wenn man bedenkt, dass sie als Nummer 75 der Welt ins neue Jahr gestartet ist und ihr letzter Turniersieg bereits mehr als vier Jahre zurückliegt. Doch im März 2012 war sie schon einmal die Nummer 15 der Welt. "Ich weiß also, dass ich es schaffen kann."

Dass sie derzeit immer noch auf Rang 72 herumkrebst, hat auch damit zu tun, dass sie zwei nicht einfache Jahre mit einer komplizierten Verletzung am Handgelenk und vielen Erstrunden-Niederlagen hinter sich hat. "Ich war in dieser Zeit nicht die Person auf dem Platz, die ich sein wollte", sagte die Fed-Cup-Spielerin.

Doch schon bei den Australian Open in Januar stand sie als einzige Deutsche im Achtelfinale. Und auch wenn es danach wieder einige Rückschläge gab: "Vom spielerischen her bin ich schon länger auf dem richtigen Weg." Es sei nun einmal schwieriger als noch vor drei Jahren, in die Top 20 zu kommen, "weil die Dichte im Damen-Tennis ungeheuer zugenommen hat." Auch Bundestrainerin Barbara Rittner sieht Görges "auf einem guten Weg. Nur die Konstanz fehlt noch etwas, was oft mit körperlichen Problemen zusammenhängt."

Durch ihre Erfolge in Paris wird sie wieder einige Plätze gutmachen, wie viele, das hängt vom weiteren Verlauf im Bois de Boulogne ab. Im Achtelfinale wartet nun die italienische Petkovic-Bezwingerin Sara Errani. "Sie ist unangenehm zu spielen, doch ich werde wieder alles rausholen, was mein Körper hergibt." Als Belohnung könnte danach im Viertelfinale ein Duell mit Branchenprimus Serena Williams winken. Und wer weiß, vielleicht benötigt dann die Nummer eins der Welt ein Taschentuch - und zwar gegen die Enttäuschung.
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