Mut-Reden des Jahn-Trainers verklingen ungehört
Brands Pfeifen an der Kieler Förde

Aus Regensburger Sicht ein Spiel für den Arsch: Auch wenn hier Ex-Löwe Manuel Schäffler Andreas Güntner fast sexuell belästigt. Bilder: Herda/Kette
 
Aus Regensburger Sicht ein Spiel für den Arsch: Auch wenn hier Ex-Löwe Manuel Schäffler Andreas Güntner fast sexuell belästigt. Bilder: Herda/Kette
 
Vermummter Christian Brand: Das Wetter passend zum Spiel und umgekehrt.
 
Dürfen schon nach 9 Minuten jubeln: Ein Standard reicht zum Dreier für Holstein Kiel.
 
Andi Güntner wie immer bemüht.

Schlimm. Gut 6000 Zuschauer lassen sich bei Schietewetter an der Waterkant von einem Spiel die Laune nicht verderben, das zum Wetter passt. Aufstiegsaspirant Holstein Kiel bestraft die katastrophalen Fehler von Schlusslichts Jahn Regensburg nur einmal. Und muss zum Schluss sogar noch etwas zittern.

Was hat Christian Brand nicht alles ins Feld geführt, um einen Erfolg beim Tabellenzweiten plausibel erscheinen zu lassen? Spielerisch äußerst limitiert seien die Holsteiner, könnten nur lange Bälle spielen und nur bei Standards für Gefahr sorgen. So weit war der Trainer des Tabellenletzten gar nicht weg von der spielarmen Wirklichkeit auf allerdings auch regennassen Geläuft.

Doch diese bescheidenen Fähigkeiten reichten nicht nur zu einem völlig verdienten 1:0 Sieg – sondern zu einem halben Dutzend 1:1-Situationen gegen Richard Strebinger, die der Jahn-Keeper bravourös entschärfte.

Solides Fischerhandwerk

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, behaupten Jack Wolfskin und der Volksmund. Holstein-Trainer Karsten Neitzel lässt den Schnürlregen auch ohne Cape und Käppi über sich ergehen und scheint es nicht mal zu merken – die Spieler zeigen bei mancher Rutschpartie, dass Wolfskin noch nicht in die Stollenproduktion eingestiegen ist. Der Stimmung im Norden tut das keinen Abbruch.

Keiner erwartet von den staksigen Störchen eine künstlerisch herausragende Performance. Die nüchternen Nordlichter, mehrheitlich eher dem Segeln oder dem Indoor-Handball zugetan, hat das Aufstiegsfieber gepackt. „Schleswig-Holstein, meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht“, tönt das Landeslied. Den „Meerumschlungenen“ reicht solides Fischerhandwerk hinten und ein Harpunentreffer vorne.

„Mach einen Strich durch Vorurteile!“

Vielleicht die schönste Szene am heutigen Nachmittag: Kiel und Regensburg laufen einträchtig mit T-Shirts gegen jegliche Art von Diskriminierung auf – „Mach einen Strich durch Vorurteile!“. Der Trostpreis für potenzielle Absteiger: Es gibt immer Schlimmeres als sportlichen Misserfolg. Verlieren tut trotzdem weh – wie will der Gast das verhindern?

Bestes Pfund: der im Tor immer stärkere Richard Strebinger. Die Außenverteidigerpositionen besetzen Andi Güntner und Marcel Hofrath. Adli Lachheb und Grégory Lorenzi bilden den Inner Circle. Oli Hein, Marvin Knoll und Aias Aosman sollen im Mittelfeld die Fäden ziehen und Uwe Hesse, Marco Königs und Daniel Steininger in Szene setzen.

Vor Standards vergeblich gewarnt

Zu Beginn demonstriert Holstein Kiel, dass Gästetrainer Brand deren Spielanlage gut beobachtet hat: Lange hohe Bälle suchen potenzielle Abnehmer – mehr als ein erster Eckball (6.) springt zunächst nicht heraus. Aber dann: Adli Lachheb will einen Ballverlust ausmerzen und wird mit Gelb und Freistoß in aussichtsreicher Position bestraft: Hoher Ball aus 25 Metern halblinks, Königs mit Kopfabwehr genau in die Mitte und dann zieht der Däne Mikkel Vendelbo von der Strafraumgrenze volley ab – keine Chance für Strebinger, der Ball zappelt in der rechten Torwartecke (9.).

Es ist schon fast eine schöne Tradition: Wenn Brand vor eine Stärke des Gegners warnt, wie hier Standards, dann will man es auch wissen – und bekommt dafür die Quittung. Die Lernfähigkeit der Defensive liegt bei plus/minus Null.

Nach vorne weniger als nichts

Dafür geht nach vorne weniger als nichts. In der Wirtschaft nennt man so was Minuswachstum. Ein Paradox: Da schwingt Brand in der Pressekonferenz die große rhetorische Keule, schwelgt in sagenhaften Heldentaten, die es zu besingen gäbe – dabei scheint es nun doch ein Problem mir den vollen Hosen zu geben. Beine schwer, Kopf leer. Keine Ideen, keine Zuspiele, nur Stückwerk. Klar, das Kieler Dammwerk ist ein massives Gebäude. Aber anstatt ständig mit dem Kopf gegen die Mauer zu rennen, könnte man auch mal kreativ zur Ziehharmonika greifen.

Nach einer Viertelstunde hat sich der Gastgeber mit den harmlosen Roten arrangiert, lässt sie freundlich gewähren, weil man sieht: Die richten hier keinen großen Schaden an. „Von der Woge, die sich bäumet, längs dem Belt am Ostseestrand“, bleibt nur ein leichtes Kräuseln an der festen Abwehrwand.

Oli Hein als Deichbeauftragter

Dann versucht sich Oli Hein mal als vorderster Deichbeauftragter, grätscht halbrechts im Strafraum in den Ball – Holstein-Keeper Kenneth Kronholm fängt die Flanke sicher ab (26.). Wo er nun schon mal so weit gelaufen ist: Nach gelungener Kombination zwischen Hesse und Güntner darf erneut der Niederbayer im 16er das Spielgerät bedienen – und kullert es aus sieben Metern zu Kronholm zurück (30.).

Nach einem Luftduell zwischen Königs und Hauke Wahl zückt Schiri Tobias Welz (Wiesbaden) Gelb für den Regensburger (33.). Immerhin ein gutes Zeichen, dass der Jahn den Kampf annimmt. Aosman schickt jenen Königs, der die Kugel scharf von halbrechts hereinjagt – die Kieler klären zum Einwurf. Mangels echter Torraumszenen gehören solche Aktionen schon zu den Höhepunkten (34.).

Vor der Pause: Dreimal Strebinger allein zu Hause

Man muss das Positive in den Details suchen: Kiels Torhüter hütet sein erst 19-mal getroffenes 7,32 x 2,44 sehr offensiv – Gelegenheit für Scharfschützen wie Aosman, hier mal die Lücke zu finden. Doch solch optimistische Überlegungen werden jäh unterbrochen durch die Kieler Kraft des Faktischen: Nichts ist leichter, als diese Jahn-Abwehr (57 Gegentreffer) auszuhebeln – ein läppischer Heber und Ex-Löwe Manuel Schäffler ist alleine vor Strebinger – der Keeper wartet lange und wehrt ab.

Noch einmal versucht es Kiel mit einer Hereingabe links von der Grundlinie, Schäffler schon wieder völlig unbeachtet am langen Pfosten – aber dem Mann mit dem Bonsaizöpfchen springt der Ball vom Fuß (41.). Es mag ja sein, dass Brand keine großen Stücke auf Kiels Sturm hält (40 Treffer), aber man muss die Gegentore auch nicht erzwingen: Marc Heider bedankt sich für den nächsten weiten Ball und scheitert allein vor Strebinger an dessen blitzschnellem rechten Fuß (44.).

Nach der Pause: Große Strebinger-Sause

Das geht schon wieder gut los: Andi Güntner und Geburtstagskind Marcel Hofrath – hat der schon eine Flasche Schampus geleert? – stolpern gegenseitig über ihre Beine. Schäffler ist schon wieder auf dem einsamen Weg Richtung „Katze aus Wiener Neustadt“ und könnte sich vor Wut in seinen Chinesenzopf beißen: Wieder reagiert das geliehene Werder-Juwel blendend (46.).

Ob die Variante mit Güntner auf der Sechs und Hein als Rechtsverteidiger mehr Stabilität verheißt? Immerhin ist jetzt auch mal der SSV unterwegs Richtung Kieler Boje. Aosman versucht sich nach kurzem Solo an einem Linksschuss aus etwa 20 Metern – zu unplatziert (51.). Heute fast schon eine Nachricht: Bei einer Ecke verpasst Lorenzi nur knapp (59.) ...

Durchaus redlich bemüht

Jetzt soll’s also Patrick Lienhard für Steininger richten, der in der Tat abgemeldet war (60.). Aber wie soll der schmächtige Außenläufer helfen? Wie hilflos der SSV agiert zeigt auch diese Szene: Güntner versucht’s aus 30 Metern – klar, der Rasen nass, der Ball glitschig, aber halt auch gut einen Meter links unten vorbei (62.). Freilich, man darf die „durchaus redlichen“ Bemühungen der Regensburger auch nicht klein reden.

Sogar die Kieler Fans merken, dass die Heimmannschaft jetzt auch mal Zuspruch nötig hat und streicheln die Seele der Blauen mit „Holstein Kiel“-Shantys. In diese schöne Chorstunde hinein platzt Aosmans nächster Linksschuss – jedoch nicht wie eine Bombe, sondern wie ein Rohrkrepierer, der deutlich rechts unten vorbeistreicht (64.). Nächste Option von der Bank: Kolja Pusch, durchaus eine Gefahr bei Standards, darf für Marvin Knoll aufs Feld – auch von dem vielversprechenden Mann mit dem Hotzenplotzbart sieht man von Spieltag zu Spieltag weniger.

Ein Lupfer reicht

Nach einer guten Stunde meldet auch Holsteins Neitzel erstmals Handlungsbedarf an und schickt Patrick Breitkreuz für Kapitän Rafael Kazior ins Rennen (66.). Vor seinem Abgang lässt Hofrath an diesem gebrauchten Tag erstmals Ansätze von den Tugenden aufblitzen, die uns bei seinen ersten zwei Einsätzen so gut gefielen: Den frischen Breitkreuz lässt er stehen, aber sein Schuss aus 25 Metern halblinks muss niemand Herzrasen bereiten (70.).

Ganz anders auf der anderen Seite: Als ob noch kein Jahn-Verteidiger jemals von der Möglichkeit eines Lupfers gehört hätte, gucken wieder alle ratlos zu, als ein solcher erneut Schäffler am Fünfer vor die Füße fällt – der hat es satt, hier ständig den Looser zu geben, legt ab auf Marc Heider, der’s nicht besser macht und sich ebenfalls um Strebigers Spitzennote verdient macht (77.).

Wenig Lob für Rot

Es ist nicht leicht, heute einen Roten vorbehaltslos zu loben – zumal Strebinger gelb gekleidet ist. Aber immerhin zeigt Andi Güntner wie immer ein großes Kämpferherz und ist sich nicht zu schade, für ein eminent wichtiges taktisches Foul nach Ballverlust im Mittelfeld ein Kärtchen zu riskieren: Welz zieht Gelb (79.). Last orders: Allzweckwaffe Gino Windmüller bekommt zehn Minuten, um das Steuer der wackeligen Jahn-Schaluppe nochmal rumzureißen (81.).

Und siehe da: Kaum sind 80 Minuten um, schon sehen wir den ersten schilderungswürdigen Spielzug der Regensburger. Lienhard schickt Königs ganz weit weg, der bezieht den neuen Kollegen Windmüller mit ein – mit Übersicht wird Aosman halblinks bedient, seinen Linksschuss von knapp vorm 16er begräbt Kronholm mühelos unter sich (87.).

Kiel fast noch gestrandet

„Ob auch wild die Brandung tose“, wäre zu viel hinein gedichtet in diese Schlussphase. Dennoch, eine gewisse Nervosität ist der Kieler Ersatzbank anzusehen. Durcheinander im Kieler Hoheitsgebiet, Hein schlägt das Ding irgendwie hinein, Uwe Hesse schnappt sich die Kugel, dreht sich selbst schwindlig, schießt einen Gegner an, torkelt, der Ball trudelt herrenlos zwischen allen Beinen – und dann trifft der Befreiungsschlag auch noch die Schulter des blonden Regensburgers und der Ball eiert über das Lattenkreuz – Keeper Kronholm nimmt den Flatterball immerhin so ernst, dass er einen verfrühten Osterhasenhopser zum Pfosten unternimmt (90.).

Hesse möchte sich spät das dicke Lob seines Trainers als personifiziertes Kampfschwein verdienen –nach atemlosen Dribbling legt er nochmal auf Pusch ab, aber sein unbedrängtes Schüsschen aus 25 Metern versetzt hier niemanden mehr in Aufregung (92.) – und zu unguter Letzt zielt auch noch Güntner übers Ziel hinaus (93.) und Aus.

„Auch mal ein paar Stationen“

Manchmal überlagert im Abstiegskampf der Wunsch die Wirklichkeit: „Wir haben die erste Halbzeit verpennt“, gibt Christian Brand zwar zu, „hatten zu viel Respekt. Aber in der zweiten Halbzeit waren wir besser, haben gedrückt.“ Gut, für die letzten zwei Minuten mag die Analyse des Jahn-Trainers zutreffen. Ansonsten stehen auch hier vier Alleingänge der Kieler allenfalls drei Zufallskuller der Regensburger gegenüber.

Insofern kann man Karsten Neiztels Bilanz noch eher unterschreiben: „Ich gehe genau so zufrieden nach Hause wie die Zuschauer“, beginnt er mit einer gewagten These, um zu realistischen Mitteln zurückzukehren. „Jeder Sieg muss hart erarbeitet werden. Wir hatten in der ersten Halbzeit vier 100- prozentige Chancen, in der zweiten wieder drei oder vier.“ Man müsse sich aber auch nicht wundern, dass ein Gegner, „der bei uns in der Liga spielt auch einmal ein paar Stationen hinbekommt“.

Potenzial gnadenlos abrufen

Der Mann des Tages verhehlt zwar nicht, dass er mit seiner Leistung zufrieden ist. Das Lachen in Richard Strebingers Gesicht erstirbt freilich schnell, als er auf das Ergebnis zu sprechen kommt: „Trotzdem ist es bitter, dass wir nicht noch ein Tor gemacht haben, da nützen dann die ganzen Paraden nichts.“ In der zweiten Hälfte habe man gesehen, welches Potenzial in der Mannschaft stecke. „Das müssen wir nächste Woche gnadenlos abrufen.“

O weh, o weh, der Jahn (20./22) steht jetzt vor den Doppelheimpieltagen gegen Wehen-Wiesbaden (8./45) und Osnabrück (12./39) schon wieder mit neun Punkten Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz vor einer Mission impossible – die Konkurrenz enteilt. Großaspach (16./33) gewinnt in Erfurt 1:0, Mainz (18./29) punktet in Münster. Wenigstens das: Dortmund (19./26) verliert gegen Duisburg 1:4 und Unterhaching (17./31) leistet den Oberpfälzern nach einem 1:2 gegen die Stuttgarter Kickers Gesellschaft im Abstiegskampf.