Olympia
Russland droht Olympia-Aus

Ein Schild weist bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi auf Dopingkontrollen hin. Der Wada-Bericht listet auf, dass staatliche Stellen bei mehreren sportlichen Großereignissen in Russland in den vergangenen Jahren positive Dopingbefunde manipuliert haben. Bild: dpa

Die Erkenntnisse der Wada-Ermittler über jahrelanges Staatsdoping sind schockierend, das IOC will hart reagieren. Kurz vor den Olympischen Spielen in Rio ist aber unklar, wie die Strafen ausfallen könnten.

Toronto. Droht Russlands Sportlern nach dem Doping-Beben das Olympia-Aus? Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will nach dem Bericht der Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA über staatlich gesteuertes Doping im russischen Leistungssport schnell entscheiden - und kündigt bereits die "härtest möglichen Sanktionen" an. Auch Fußball spielt in dem Dossier eine Rolle.

"Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen schockierenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und die Olympischen Spiele", sagte IOC-Präsident Thomas Bach am Montag. "Daher wird das IOC nicht zögern, die härtest möglichen Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu ergreifen." Wie die genau aussehen ist unklar. Bei den Leichtathleten verhängten die Sportverbände bereits die Höchststrafe: die russischen Sportler dürfen nicht nach Rio. Bereits am Dienstag wird die IOC-Exekutive zu einer Telefonkonferenz einberufen und vorläufige Maßnahmen im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio besprechen.

Doping-Proben weg


Die Vorwürfe sind erdrückend: Manipulierte Dopingproben, erschwindelte Medaillen und konspirative Hilfe durch den Geheimdienst. Russland hat nach Ansicht der Wada-Ermittler jahrelang Doping im Spitzensport staatlich geschützt und gefördert. Zwischen 2012 und 2015 seien 643 positive Doping-Proben russischer Athleten in rund 30 Sportarten, darunter auch elf aus dem Fußball, verschwunden - und sind damit negativ geworden.

Die Ermittlungen hätten zudem gravierende Beweise für die Verwicklung staatlicher Stellen in den Sportbetrug erbracht, sagte Wada-Chefermittler Richard McLaren am Montag in Toronto. Betroffen seien neben den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 auch die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau und die Schwimm-WM 2015 in Kasan.

Das russische Sportministerium habe die Manipulationen "geleitet, kontrolliert und überwacht", sagte McLaren. Auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB und das Trainingszentrum der russischen Top-Athleten, CSP, seien an den Betrügereien aktiv beteiligt gewesen. Das Doping-Beben bringt das IOC drei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele arg in Bedrängnis. Wladimir Putin kündigte bereits Maßnahmen an. "Funktionäre, die in dem Bericht als direkt Beteiligte genannt werden, sollen bis zum Ende der Untersuchungen suspendiert werden", teilte der Kremlchef mit. Allerdings kritisierte der Präsident, dass der Bericht auf den Aussagen eines Mannes mit "skandalösem Ruf" basiere - er meinte den Whistleblower Grigori Rodschenkow. Zudem forderte Putin von der Wada mehr Fakten.

Empfehlungen der Wada-Ermittler für Sanktionen gegen russische Sportler und Verbände gab McLaren nicht. Sein Job sei gewesen, Fakten zu sammeln und zusammenzustellen, nicht aber Empfehlungen zu geben. Das tat die Wada: Sie empfiehlt dem IOC, den Komplettausschluss zu prüfen. Zudem sollte russischen Regierungsvertretern der Zugang zu Wettkämpfen untersagt werden. Und auch den Fußball-Weltverband Fifa bringt die Wada ins Spiel: Dieser solle den russischen Sportminister und Verbandschef Witali Mutko überprüfen, der Mitglied im Fifa-Council ist. Im McLaren-Report wird eine Mitwisserschaft Mutkos an Doping-Vertuschungen angedeutet.

Klare Forderung


Die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur Nada fordert weiter den Komplettausschluss russischer Athleten. "Der McLaren-Report lässt nur einen Schluss zu: Die Nada fordert das Internationale Olympische Komitee auf, dafür zu sorgen, dass russische Sportlerinnen und Sportler nicht zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zugelassen werden", sagte Nada-Chefin Andrea Gotzmann. Der Deutsche Olympische Sportbund schließt eine komplette Sperre für Russland nicht aus. "Das Ausmaß der nun bestätigten Vorwürfe ist schockierend", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Die sieben Empfehlungen der Wada(dpa) Nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports zu Doping in Russland hat die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sieben Empfehlungen für den Umgang mit den Ergebnissen formuliert:

1. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) sollen in Erwägung ziehen, gemäß ihren Regularien allen Athleten des Russischen Olympischen Komitees (ROC) und des Russischen Paralympischen Komitees die Teilnahme an Rio 2016 zu verweigern.

2. Die internationalen Fachverbände, deren Sportarten im McLaren-Report erwähnt werden, sollen sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Welt-Anti-Doping-Code bewusst werden, wenn ihre jeweiligen russischen Fachverbände betroffen sind.

3. Russischen Regierungsbeamten soll der Zugang zu internationalen Wettkämpfen verboten werden, einschließlich Rio 2016.

4. Die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) soll weiter als nicht-konform mit dem Anti-Doping-Code gelten. Ihre Mitglieder und ihre Unabhängigkeit sollen weiter von der Wada überprüft werden.

5. Dem von der Wada akkreditierten Labor in Moskau soll die Akkreditierung entzogen werden.

6. Die Ethikkommission des Fußball-Weltverbands Fifa soll die Vorwürfe untersuchen, die den Fußball betreffen und auch die Rolle, die ein Mitglied des Exekutivkomitees, Minister Witali Mutko, spielt.

7. Professor McLaren und sein Team sollen ihren Auftrag abschließen, wenn die Wada die nötige Finanzierung sicherstellen kann.


Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen schockierenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und die Olympischen Spiele.IOC-Präsident Thomas Bach
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