Olympia
"Schäme mich für Bach"

Das IOC hat die Entscheidung über einen Ausschluss der russischen Sportler von Olympia an die Fachverbände delegiert - diese ziehen nun langsam und nur vereinzelt Athleten aus dem Verkehr. Der deutsche Diskus-Star Harting übt derweil heftige Kritik an IOC-Boss Bach.

Lausanne. Die Empörung nach dem Verzicht auf einen kollektiven Bann Russlands von den Olympischen Spielen wird schärfer - und führt zu einem heftigen Verbalduell zwischen Diskus-Ass Robert Harting und IOC-Chef Thomas Bach. Der Olympiasieger attackierte den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees am Dienstag scharf. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn", schimpfte Harting in Berlin.

Bach: "Nicht hinnehmbar"


Bach wehrte sich in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur: "Es ist eine nicht akzeptable Entgleisung, wenn man jemanden, der nicht der eigenen Meinung ist, in derartiger Art und Weise beleidigt", sagte er und bewertete die Aussage als "nicht hinnehmbar".

Nach der Leichtathletik ziehen inzwischen weitere Fachverbände Konsequenzen aus dem verheerenden Report über Staatsdoping - bislang wird aber nur vereinzelt Athleten der Olympia-Start verwehrt. Mindestens 86 von geplant 387 russischen Sportlern wurden bislang gesperrt. Viele Verbände sind noch mitten in der Prüfungsphase.

Er setze sich für umfangreichste Reformen im Anti-Doping-System Russlands ein, beteuerte der mächtige Sportpolitiker erneut. "Es steht außer jeder Frage, dass das System an sich aufs Härteste bestraft werden muss", urteilte Bach. "Hier haben wir erste Maßnahmen ergriffen, indem zum Beispiel kein Mitglied des russischen Sportministeriums, beim Minister angefangen, eine Akkreditierung für die Olympischen Spiele erhält."

In Sportarten wie Tennis, Judo, Schießen oder Ringen dürfen wohl alle qualifizierten Russen antreten. In der Leichtathletik wurde dagegen die gesamte russische Mannschaft gestrichen. Am Dienstag versagte der Kanu-Weltverband fünf Russen die Sommerspiele-Teilnahme, unter ihnen Olympiasieger Alexander Djatschenko. Auch drei Ruderer wurden für Brasilien gestrichen.

Die Leichtathleten waren vom Weltverband IAAF schon vor der heftig kritisierten IOC-Entscheidung komplett gesperrt worden. Am Montag zog der Schwimm-Verband Fina nach und schloss sieben Sportler aus, darunter Paul Biedermanns 200-Meter-Freistil Rivale Nikita Lobinzew. Auch zwei Moderne Fünfkämpfer wurden von Olympia ausgeschlossen.

Andere Verbände sind noch in den Einzelfallprüfungen, die ihnen das IOC auferlegt hatte. Der Volleyball-Weltverband FIVB etwa studiert derzeit die vom russischen Verband eingereichten überarbeiteten Kaderlisten. Ein Ausschluss der russischen Hallen-Teams sowie der drei Beachvolleyball-Duos gilt aber als unwahrscheinlich. Der Handball-Weltverband IHF will bei der russischen Frauen-Auswahl kurzfristige Dopingkontrollen im Training durchführen. Der Ringer-Weltverband forderte mehr Beweise zu den verdächtigten Sportlern. Alle potenziellen russischen Starter seien bis zu viermal durch WADA-Labors außerhalb Russlands getestet worden, hieß es.

Der wichtigste Sportfunktionär der Welt steht indes weiter im Fokus der Kritik. "Ich habe schon oft meine Enttäuschung über Thomas Bach geäußert. Aber das ist jetzt eine neue Enttäuschungs-Dimension", sagte der meinungsstarke Robert Harting. Den Verdacht, dass bei der IOC-Entscheidung mächtige Strippenzieher eine Rolle gespielt haben, äußerte auch der Berliner und erwähnte etwa Kremlchef Wladimir Putin.

Dass Kronzeugin Stepanowa, die mit ihren Aussagen zur Aufdeckung des Skandals beigetragen hatte, nicht in Rio laufen darf, sei "nicht rechtens", klagte Harting. "Sie hat so viel Schaden für die Leichtathletik-Welt abgewendet. Ihr Start wäre ein Schlag ins Gesicht von Herrn Putin gewesen. Deshalb findet das nicht statt."

Verzicht auf Sportgerichtshof


Die Leichtathletin hat beim IOC Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt, sie nicht unter neutraler Flagge starten zu lassen. Einen möglichen finalen Gang vor den Sportgerichtshof CAS schloss Ehemann Witali Stepanow indes in einem Gespräch der Nachrichtenagentur AP aus. Dafür fehle dem Paar, das einen kleinen Sohn hat, aus Russland flüchten musste und inzwischen in den USA lebt, schlicht das Geld.

Ich habe schon oft meine Enttäuschung über Thomas Bach geäußert. Aber das ist jetzt eine neue Enttäuschungs-Dimension.Diskuswerfer Robert Harting
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.