Passive Jahn-Truppe holt schmeichelhaftes 2:2 in Rostock
Das Beste am Norden: das Ergebnis

Rund 10.000 Rostocker - minus 40 Regensburger - gaben ihr Bestes, um ihr Team nach vorne zu peitschen. Bilder: Herda/Jahn
 
Rund 10.000 Rostocker - minus 40 Regensburger - gaben ihr Bestes, um ihr Team nach vorne zu peitschen. Bilder: Herda/Jahn
 
Aleksandar Stevanovic - hier im Zweikampf mit Daniel Steininger - musste schon nach 20 Minuten verletzt mit der Trage abtransportiert werden.
 
Aias Aosman gab nach verbüßter Gelbsperre wieder neue Impulse.

Das mit dem ruhigen Puls haben die Jahn-Spieler etwas zu wörtlich genommen: Beim glücklichen 2:2 in Rostock ließen sich die Regensburger in der Zweiten Hälfte zu sehr in die eigene Hälfte drängen. Dass es für die aktiveren Rostocker dennoch nur zum Ausgleich durch einen überflüssigen Elfer reichte, sagt mehr über die Hilflosigkeit der Gastgeber, denn über die Defensivkünste des Schlusslichts.

Für den Vorstandsvorsitzenden des SSV Jahn scheint alles nach Plan zu laufen: In der Winterpause hoffte Hans Rothammer auf einen Auftaktsieg gegen Dortmund und wollte „in Rostock nicht verlieren“. Das ging am Samstag bei grauslichem Ostseewetter und holprigem Rasen in Erfüllung – und die zwei Regensburger Führungen durch Thomas Kurz (32.) und Marco Königs (46.) nach zwischenzeitlichem Ausgleich, natürlich durch Marcel Ziemer (38.), ließ sogar noch mehr möglich scheinen. Wäre aber auch zu viel des Guten gewesen.

10.000 schmettern die Hymne

Es wurden nicht ganz 15.000 Zuschauer, die sich die chronisch klammen Hanseaten erhofft hatten. Aber die knapp 10.000 machten noch immer riesig Stimmung in der DKB-Arena – zumindest in den ersten Minuten. Die Hansa-Fans legten lautstark mit ihrer Hymne los und die Jahn-Elf – vor Keeper Richard Strebinger Uwe Hesse, Markus Palionis, Gregory Lorenzi und Marcel Hofrath in der Viererkette, davor Thomas Kurz, Aias Aosman und Andi Güntner und vorne Daniel Steininger, Marco Königs und Stani Herzel – musste erst einmal gegen die eigene Nervosität anspielen. Strebinger mit der ersten Unsicherheit, er läuft dem Freistoß entgegen, kommt nicht ran und ein unbeachteter Rostocker schlenzt knapp rechts vorbei (3.).

Langsam akklimatisieren sich die Roten hier an der Küste. Thomas Kurz spielt mit engagierten Balleroberungen im Mittelfeld seine Rolle als Störfaktor schon recht passabel. Dennoch, nach vorne geht bisher denkbar wenig und die spärlichen Chancen verzeichnen die Gastgeber: Sabrin Sburlea darf nach Flanke von rechts seinen Kopf ungehindert hinhalten – Strebinger sieht den Ball sich schon in den Winkel senken und kann das gerade noch verhindern (14.).

Die neue Jahn-Effizienz

Schüchterne Entlastungsversuche durch Aosman, Hesse und Herzel, die gegen drei Abwehrspieler anlaufen – der Ball kommt etwas zu steil für Herzel, ein Bein ist im Weg, nur Ecke (17.). Kurz später muss Hansa wechseln: Aleksandar Stevanovic hat sich beim Zweikampf verletzt und muss mit der Trage abtransportiert werden (22.). Freistoß Rostock kurz hinter der Mittellinie, wieder macht Strebinger keine souveräne Figur – wenn er rauskommt, muss er die Kugel haben, kann sie aber nur halbgar wegklatschen. Zum Glück verhungert der folgende Fallrückzieher und der junge Bremer ist zurück auf der Linie (29.).

Das nennt man dann wohl Effizienz: Erste richtige Chance für den Jahn durch einen Standard: Aosman nach Handspiel eines Rostockers mit scharf geschlagenem Freistoß, Kurz hält den Kopf hin und der Ball rauscht ins Netz – 0:1 aus zwei halben Möglichkeiten, was will man mehr (32.)?

Wer war noch mal dieser Ziemer?

Jetzt wissen wir, was wir mehr wollen können – mehr Cleverness nach der Führung: Erst drischt Christian Bickel das Leder von der rechten Strafraumgrenze Richtung Ziemer, aber Königs klärt per Kopf (37.). Aber nur eine Minute später ist es dann doch passiert: Freistoßflanke wieder von rechts, ach was, da steht der Ziemer am Elfmeterpunkt frei, und köpft unhaltbar ins rechte obere Eck – 1:1, das fünfte Tor des Stürmers gegen den Jahn, für den sich Christian Brand ein besonderes Rezept ausdenken wollte.

Aber immerhin, die SSVler lassen jetzt die Köpfe nicht hängen. Andi Güntner spielt Königs am Fünfmetereck in Position, Hansa-Keeper Marcel Schuhen streckt sich und fast wäre Daniel Steininger noch an den Abpraller gekommen (45.). Aber dann, aber dann, das Unwahrscheinliche: Thomas Kurz serviert für Marco Königs und der drischt mit dem Außenrist in Wuttke-Manier das Ding zum 2:1 ins Gehäuse (46.) – einen besseren Zeitpunkt hätte der Neuzugang für sein erstes Jahn-Tor nicht wählen können, als unmittelbar vor dem Pausenpfiff.

Als wollten sie Brand Lügen strafen

Wie viel Auftrieb bringt dieses Psycho-Doping nach Wiederanpfiff den führenden Gästen? Wie groß ist die Verunsicherung bei den Hausherren, die sich gegen den Tabellenletzten ja nur blamieren können? Pustekuchen. Die zweite Hälfte beginnen die Roten, als ob sie die klugen Worte ihres Trainers vom Vortag Lügen strafen wollen: Nicht so passiv wie zu Beginn der zweiten Halbzeit gegen 10 Dortmunder sollten die Regensburger ans Werk gehen. Ziel sei, über 90 Minuten konzentriert zu arbeiten. Stattdessen sehen wir einen übervorsichtigen Gast, der die Blauen kommen lässt – und Spieler, die beim Aufbau den Ball möglichst schnell wieder loshaben wollen. Die Folge: Ballverluste im Eishockey-Rhythmus.

Scharfe Hereingabe in den Jahn-Strafraum, Kopfballverlängerung – der Ball zischt knapp rechts vorbei (47.). Hesse hat in seiner ungewohnten Verteidigerrolle große Probleme mit dem unermüdlichen Wühler Ziemer. Er lässt ihn passieren, die Flanke kommt auf den alten Bekannten Denis-Danso Weidlich, der schießt aus sechs Metern seinen rumänischen Kameraden Sburlea an (56.). Dann klärt der bisher souveräne Lorenzi zu kurz, der Finne Mikko Sumusalo haut das Ding aus 11 Metern drüber (57.).

Das Betteln um den Ausgleich wird belohnt

Noch verharren die rund 40 mitgereisten Regensburger in ihrer rot-weißen Enklave im tiefblauen Meer im Jubelmodus – auch wenn sich der Rest des Stadions schon fast am Torschrei verschluckt. Es wird eng und enger für die Gäste. Hesse beklagt ein angebliches Foul Ziemers, der spielt weiter auf Weidlich, dem freistehend am Fünfer die Nerven versagen – das kennen wir noch, von seinen Regensburger Zeiten (57.).

Ecke Rostock, schwach ausgeführt, aber der Regensburger Konterversuch über Hesse führt direkt zum nächsten Schussversuch der Rostocker, der zur Ecke abgefälscht wird. So stark Hesse gegen Dortmund die Offensive ankurbelte, so überfordert wirkt er heute. Die Kugel eiert durch den Strafraum, Strebinger unentschlossen, versucht denn Ball am Boden zu greifen und tatscht dabei etwas unbeholfen an Steven Ruprecht rum, der gerne kippt – Elfmeter für Hansa. Rupprecht verlädt Strebinger, flach links 2:2 (62.).

Jeder Chance geht ein Fehler voran

Dieser Wechsel ist überfällig –Christian Brand hatte Kolja Pusch auch bereits vor dem Ausgleich für Herzel ins Rennen schicken wollen. Kann er ähnliche Wunder bewirken, wie bei seinem Blitztor nach Einwechslung gegen Dortmund? Oder bricht der Jahn wie in Unterhaching völlig ein? Erst einmal drängt Rostock jetzt auf den Dreier: Ausgerechnet Mr. „zuverlässig“ Palionis verschätzt sich, will den Ball zu Strebinger weiterkullern lassen, aber Ziemer schmeißt sich ohne Rücksicht aufs eigene Wohlergehen in den Ball – knapp vorbei (70.).

Es folgt ein katastrophaler Ballverlust im Mittelfeld, Bickl versucht’s mit einem Distanzschuss, aber Strebinger wäre unten gewesen (73.). Es ist nicht so, dass sich die Hanseaten hier dank eigener Brillanz Chancen im Minutentakt erspielen – jeder brenzligen Situation geht vielmehr eine Oberpfälzer Unkonzentriertheit voraus. Riskanter Rückpass auf Strebinger, der mit viel Optimismus einen Mann umkurvt und dann erst wegdrischt. Das ist jetzt nur noch schwer auszuhalten.

Brand geht auf Nummer sicher

Dann mal ein Zufallsangriff der Gäste über Güntner und Kurz, Hofrath, heute leider viel unauffälliger als bei seiner Premiere, mit der Hereingabe, aber Aosman bekommt den Ball nicht unter Kontrolle (78.). Schwacher Freistoß von Aias, der in der neu formierten Mannschaft noch seine Rolle sucht, Hesse mit dem zweiten Versuch deutlich vorbei (79.).

Christian Brand will jetzt wohl auf Nummer sicher gehen. Für Kurz, der eine ordentliche Partie abgeliefert hat, kommt der lange Windmüller als probates Gegenmittel gegen das zu erwartende finale Kick and Rush der Rostocker (83.). Lorenzi stochert an der rechten Grundlinie an Ball und Bein, sein Gegenspieler bekommt den Freistoß aus denkbar heikler Position – schlampig ausgeführt, aber der zweite Pass kommt brandgefährlich auf Savran, der aus fünf Metern am linken Pfosten vorbei köpft (87.).

Pulver verschossen

Hat Rostock jetzt endlich sein Pulver verschossen? Gelingt dem Jahn wie in Hälfte eins das last-minute-Tor? Kaum denkt man’s, dann läuft auch schon Andi Güntner alleine auf den Hansa-Keeper zu, schießt ihm aber bedrängt in die offenen Arme – den Abpraller versucht Königs per Fallrückzieher zu verwerten, das Ding geht aber nicht mehr aufs Tor (88.).

Schließlich bleibt dem Stürmer nur noch das Abklatschen mit dem Weidener Sven Kopp, der die letzten Minuten hier den Punkt verteidigen soll. Der letzte Pass auf Aias Aosman kommt etwas zu lang für die ganz große Überraschung.

Brand entdeckt mutige Details

Mit dem Punkt kann Jahn-Coach Christian Brand nach dem Spielverlauf sicher gut leben, auch wenn er teils überraschende Erkenntnisse zu Tage förderte: Dass seine Mannschaft zwei Tore nach Standards hinnehmen musste, gehöre zu den negativen Seiten des Spiels. „Aber andere Details waren schon besser, etwa, dass wir mutig versucht haben, Fußball zu spielen, gerade in der ersten Halbzeit.“
Auch das angekündigte Ziel, Marco Ziemer in Schach zu halten, sieht er trotz dessen Treffers „mehrheitlich ganz gut erfüllt. Aber den kann man nicht 90 Minuten aus dem Spiel nehmen.“ Das Remis bringt beide Mannschaften natürlich keinen Schritt vorwärts – für den SSV (20./16 Punkte) bleibt der Abstand zu Rostock (18./21) stabil bei fünf Punkten – ebenso wie zu Großaspach (19./21, zwei Spiele weniger) und Mainz (17./21, ein Spiel weniger).

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, kann der SSV gegen den VFB Stuttgart II (14./27, ein Spiel weniger) Boden gut machen – bei den Schwaben holten die Oberpfälzer in der Hinrunde den einzigen Auswärtssieg.