Pokern und pinkeln

Hinter den Profis der Bayern-Rundfahrt sind mehr Menschen in den Begleitautos unterwegs, als im Fahrerfeld selbst. Eine Hauptrolle im Rennen spielen die sportlichen Leiter im Teamfahrzeug. Aber was tun die dort den ganzen Tag?

Leuchtend gelbe Rapsfelder, saftig grüne Wiesen, sanfte Hügel und mittendrin pinkelnde Männer in knallbunten Sportklamotten. Andreas Klier ist begeistert von der Oberpfälzer Landschaft. "Wirklich schön hier", sagt der 39-Jährige immer wieder. Die Radsportler, die am linken und rechten Fahrbahnrand stehen, scheinen ihm nicht aufzufallen, sie gehören zum Arbeitsalltag.

Klier ist Sportlicher Leiter des Profi-Radteams Garmin-Cannondale. Der gebürtige Münchner kümmert sich um die sieben Radsportler, die für das Team seit Mittwoch die Bayern-Rundfahrt bestreiten. Bis vor zwei Jahren war er selbst Radprofi. Seine größten Erfolge feierte er bei den klassischen Eintagesrennen in Belgien und Nordfrankreich. Gegen Ende seiner Karriere sorgte er nicht mehr selbst für Topergebnisse, war aber als "Capitaine de Route" wichtig. Er war bekannt, Rennsituation zu erkennen und taktisch richtig zu reagieren. Deshalb stieg er direkt vom Rad ins Begleitauto.

Rundum glücklich ist er mit seinem Arbeitsplatz bei der BayernRundfahrt aber nicht. "Man lässt mich meine Arbeit gar nicht machen." Seine Arbeit, damit meint er, seinen Rennfahrern die Taktik vorzugeben, ihnen zu erklären, wann sie angreifen und wann abwarten sollen. Bei kleineren Rennen wie die Bayernrundfahrt gibt es seit einem Jahr keine Funkverbindung mehr zu den Fahrern. Klier selbst bekommt über das so genannte Radio Tour alle Informationen zu Zeitabständen, Pannen oder Unfällen. Seinen Fahrern kann er die Infos aber nicht mehr direkt weitergeben. Der Radsportweltverband hofft, so die Rennen unberechenbarer zu machen, Ausreißergruppen bessere Chancen zu geben. "Aber darauf hat der Funk überhaupt keine Auswirkung", sagt Klier. "Ohne Funk spielt nur der Zufall eine größere Rolle."

Etappe auf Google-Earth

Und der Zufall ist dem Perfektionisten Klier ein Graus. Obwohl die Bayern-Rundfahrt eher als Vorbereitungsrennen gilt, hat sich Klier eingearbeitet. Vorab hat er Straßenverläufe studiert, weiß, wo die Wege eng werden und seine Fahrer vorne im Feld fahren sollen, um bei Unfällen oder Pannen nicht aufgehalten werden. Nein, in der Oberpfalz sei er noch nie gewesen. "Für so was gibt es Google-Earth." In den Tagen vor dem Rennen ist er die Etappen am Computer abgefahren und hat sich markante Stellen notiert. "Je mehr ich über die Etappen weiß, desto besser."

Weil er nicht funken darf, muss er andere Möglichkeiten finden, seine Infos weiterzugeben. Hier kommen die Sportler am Straßenrand ins Spiel. Immer wieder lassen sich Fahrer zurückfallen und fahren zwischen den Begleitautos. Als Garmin-Fahrer Dylan van Baarle zufällig neben dem Auto auftaucht, weißt ihn Klier auf den nahenden Anstieg nach Tännesberg hin. Klier warnt von der steilen Rampe und der engen Straße. Spätestens zwei Kilometer vor dem Stück sollen alle Garmin-Fahrer vorne im Feld fahren. Je weniger Fahrer vor den eigenen Sportlern, desto geringer ist die Gefahr, aufgehalten zu werden. Neben den Infos bekommt der Niederländer Verpflegung für alle Teamkollegen mit. Nach und nach verstaut er sieben Wasserflaschen in seinen Trikottaschen.

Dicker Buckel

Mit einem dicken Kamelbuckel macht sich van Baarle auf dem Weg nach vorne - begleitet von Anfeuerungsrufen - auf holländisch. Klier spricht fünf Sprachen. Für einen Teamleiter ist das beinahe Standard. Garmin ist ein US-Team, in Bayern stehen Fahrer aus Neuseeland, Italien, Slowenien den Niederlanden und Litauen am Start. Dazu kommen Masseure und Mechaniker aus den USA und Spanien. Neben den sieben Fahrern zählen zwei Mechaniker, drei Masseure und ein Busfahrer zu Kliers Team in Bayern.

Was für Garmin-Cannondale gilt, betrifft den ganzen Radsport - er wird immer internationaler. Die Garmin-Mannschaft bestreitet zeitgleich auch den Giro d'Italia und die Kalifornien-Rundfahrt. Wenn Material, Fahrer und Betreuer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind, ist das meiste schon erledigt. "Die Logistik ist schon ein wenig aufwendig", sagt Klier, und schaut vielsagend.

Neben Klier gibt es einen weiteren Deutschen im Team. Mechaniker Jörg Wohlleben sitzt neben einen Berg Ersatzlaufrädern auf der Rückbank und wirkt etwas gelangweilt. Die Etappe nach Waldsassen ist 220 Kilometer lang und für einen, der wie der Bremer seit Jahrzehnten im Radsport arbeitet, passiert nicht viel Aufregendes. Rennen starten beinahe immer hektisch und schnell, bis sich eine Ausreißergruppe gebildet hat, mit deren Zusammensetzung alle Teams einverstanden sind, dann beruhigt sich das Rennen im Feld. Mannschaften, die in der Spitze nicht vertreten sind, kontrollieren, achten darauf, dass der Abstand nicht zu groß wird. Je länger das Rennen dauert, desto schneller fährt das Feld wieder. Dank des Windschattens kann eine Gruppe mit beinahe 130 Fahrern viel schneller fahren als eine mit sechs Profis. Fünf Minuten Vorsprung kann das Feld problemlos auf 50 Kilometer aufholen.

Rennfahrer auch im Auto

Das weiß Wohlleben. Das Rennen scheint ihn gar nicht zu interessieren. Das ändert sich, als aus dem Rennfunk der Hinweis knarzt, dass ein Fahrer des Teams mit einem technischen Problem am Straßenrand steht. Klier gibt Gas, auf einem asphaltierten Feldweg überholt er andere Begleitfahrzeuge Außenspiegel an Außenspiegel. Als der Fahrer am Straßenrand auftaucht, hechtet der Mechaniker mit zwei Laufrädern in den Händen aus dem Auto. In Sekunden ist das Hinterrad ausgetauscht, der Fahrer auf dem Weg zurück ins Feld und Wohlleben wieder lethargisch wie zuvor. Richtig aktiv wird Wohlleben ohnehin erst, wenn die Fahrer im Ziel sind. "Wenn alles gut geht zwei bis drei Stunden" sei er dann mit den Rädern beschäftigt. Verschleißteile austauschen, Schaltungen nachstellen und alle Räder waschen. Die Fahrer repräsentieren ihren Sponsoren, ein schmutziges Rad passt nicht ins Bild.

Als Wohlleben gerade ins Auto steigt, kommt die nächste Abstandmeldung über den Funk. Die Spitzengruppe hält ihren Vorsprung unerwartet tapfer und Klier beginnt zu rechnen. "Die Sprinterteams haben die Aufgabe, die Ausreißer einzuholen", sagt er. Wenn das Feld geschlossen ankommt, gibt es nur drei oder vier Fahrer, die für den Sieg in Frage kommen. Auf der anderen Seite möchte das Team Garmin in der Gesamtwertung ein Wort mitsprechen. Wenn die Ausreißer mit einem zu großen Abstand ins Ziel kommen, kann der Plan schon nach der ersten Etappe gescheitert sein.

Ausreißer hoffen

Der Sportliche Leiter des deutschen Teams Alpecin lässt nebenan die Seitenscheibe herunter. Er fragt Klier nach seinen Plänen. Das Team hat mit John Degenkolb einen Topsprinter und hofft auf Unterstützung. "Wir machen auf den letzten 30 Kilometern Tempo, zuvor müsst ihr aber mit mindestens drei Leuten vorne fahren", sagt Klier. Wer zu früh Verantwortung übernimmt vergeudet Kraft und bereitet vielleicht am Ende dem Gegner den Sieg vor. Es ist ein Pokerspiel, die Ausreißer hoffen, dass sich die anderen Teams dabei verzocken, niemand rechtzeitig reagiert und sie durchkommen. Das passiert tatsächlich manchmal, aber nicht in Waldsassen. Die Sprinter machen den Sieg unter sich aus und Garmin behält seine Chance auf den Rundfahrtsieg. Beim Zeitfahren am Samstag fällt die Entscheidung.
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7908)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.