Regensburg zerbricht nach 1:2 den vorletzten Strohhalm
GroßAUSpech für SSV Jahn

Ein Fan pro Kilometer: Rund 300 Oberpfälzer schrien sich für die Hoffnung auf den Klassenerhalt die Lunge aus dem Leib. Vergeblich. Bilder: Herda/Baumann
 
Ein Fan pro Kilometer: Rund 300 Oberpfälzer schrien sich für die Hoffnung auf den Klassenerhalt die Lunge aus dem Leib. Vergeblich. Bilder: Herda/Baumann
 
Schönredner Christian Brand mit seinem Latein fast am Ende.
 
Oli Hein mit Fleiß aber wenig Fortüne.

Aus ist‘s, wenn‘s vorbei ist. Wenn rechnerisch die Maus aus ist. So weit ist es noch nicht. Pech war dabei, aber nicht nur. Um im Bild zu bleiben: Der Jahn sitzt wie die Maus in der Falle, davor ein fetter Kater – wenn der nicht noch einem Herzschlag erliegt … Das 1:2 in der 88. Minute war noch nicht der Todesstoß, aber dass der schwankende SSV nochmal aufsteht, scheint ausgeschlossen.

Ach, wenn die Rot-Weißen nur einmal so spielen würden, wie ihr Trainer plaudert. Auch vor diesem Spiel hatte Christian Brand Fantasien entwickelt von Männern ohne Nerven, die bei der ehemaligen Kneipenmannschaft des SG Sonnenhof Großaspach beherzt ihre große Chance auf das Endspiel am Schopf packen würden. Von einem Team, dass trotz 14 Auswärtsniederlagen keine Furcht auf fremden Plätzen kennt.

Raues Feld der Wirklichkeit

Auf dem holprigen Platz der Wirklichkeit aber kann man dem SSV – bei biederer schwäbischer Hausmannskost – eine ordentliche erste Halbzeit konstatieren, in der der Gast das Spiel mehr oder minder kontrolliert. Es folgen ängstliche 30 Minuten ohne Esprit und Struktur. Und als es darauf ankommt, als es höchste Eisenbahn wird, dass der Jahn zum letzten Gefecht bläst – da gelingt gerade mal eine Zufallschance nach einem Standard und Kolja Puschs Duellpech.

Der Fußballmacht aus der 8000-Einwohner-Großgemeinde reichen dagegen zwei Rizzi-Freistöße zum insgesamt nicht unverdienten Sieg: Vor dem Kopfball zum 0:1 greift Richard Strebinger daneben, beim 1:2 verwandelt der Deutschitaliener direkt.

Sonne auf bleicher Haut

An der Unterstützung aus der Oberpfalz hat es nicht gefehlt. Gut 300 Fans haben die 300 Kilometer an den Südrand der Löwensteiner Berge angetreten – Lohn der Mühen: Sonne auf die nackte bleiche Haut. Jahn-Coach Christian Brand lässt seiner Kritik am passiven Mittelfeld nach dem Spiel gegen den VfL Osnabrück Taten folgen und schickt ausgerechnet jenen Aykut Öztürk für Pusch ins Rennen, an dem er noch in der Pressekonferenz am Donnerstag laut zweifelte: „Das ist ein Leistungssport, da muss man auch etwas anbieten, das kam mir in der Vergangenheit doch etwas zu kurz.“

Und anstelle von Andi Güntner darf Thomas Kurz versuchen, ob er wie im Hinspiel mit einem Treffer die Seinen auf die Siegesstraße bringen kann – ansonsten bleibt’s bei den festen Größen vor Keeper Strebinger mit Oli Hein, Markus Palionis, Grégory Lorenzi und Marcel Hofrath in der Viererkette sowie Marvin Knoll, Aias Aosman, Uwe Hesse und Marco Königs in der kreativen Offensivabteilung.

Strebingers erster Patzer

Es dauert eine Viertelstunde, ehe das leichte Übergewicht der Regensburger in die erste Chance mündet: Königs nimmt Heins Flanke von rechts direkt aus spitzem Winkel, und SG-Torwart Christopher Gäng fischt das Ding aus der linken Ecke. Erster Nerventest für die Regensburger Fans: Strebinger greift im Mittelfeld ein, um einen Konter zu verhindern – ein Großaspacher ergattert die Kugel und versucht’s aus der Ferne, aber der Österreicher ist rechtzeitig zurück und der Flatterball eiert deutlich vorbei (21.).

Wenn du glaubst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Standard her: Michele Rizzi schlägt mit viel Gefühl den Pass aus dem Halbfeld an den Fünfer, Strebinger kommt raus aber nicht hin, Blondie Gehring springt höher als Palionis und die Kugel macht einen Bogen ins linke Eck – klarer Fehler des Regensburger Shootingstars. Allerdings hätte er wohl auch keine Chance gehabt, wäre er auf der Linie geblieben (28.). Das 1:0 zu diesem Zeitpunkt ein schmeichelhafter Zufall.

Lieber Ausgleich als schön dumm

Das lobt der Jahn-Coach zurecht: Ganz kurz sieht’s so aus, als ob die Rot-Weißen unter Schock stehen. Ganz kurz nur. Denn Öztürk setzt sich kurz vorm 16er energisch durch und macht sich schon deshalb bezahlt, weil er das Auge für Königs neben ihm hat – der große Bärtige verschafft sich kurz einen Überblick über das gegnerische Stellungsspiel, sieht die Lücke, krümmt sich zum Drehschuss und säbelt das Kunstleder ins linke untere Ecke zum hie umjubelten, da verfluchten 1:1 (30.).

Aufregung im Großaspacher Lager, weil während dieser Aktion Simon Skarlatidis liegen geblieben war. Nicht böse sein, liebe Sportgemeinschaft vom Sonnenhof, aber erstens lässt Schiri Lasse Koslowski (Berlin) weiterlaufen, zweitens konzentrieren sich die Jahn-Stürmer zu Recht aufs Spiel und drittens hätte sie der Regensburger Anhang geteert und gefedert, wenn sie diesen Ausgleich aus Höflichkeit liegen hätten lassen.

Senesies Sense

Was die sympathische ehemalige Thekenmannschaft jetzt aber reitet, ist nicht so ganz nachvollziehbar – hier geht’s für die Gastgeber nicht ums Überleben, also kein Grund hysterisch zu werden: Sahr Senesie aber kickboxt Hofrath jenseits aller Ballchancen von den Beinen, als ob es ums Ausscheiden in der Champions League ginge – mit Gelb ist der Stürmer noch gut bedient (33.).

Vielleicht können die Oberpfälzer aus dieser unschwäbischen Unordnung ja Kapital schlagen, wenn sie kühlen Kopf bewahren. Hofrath nutzt heute wieder öfter als zuletzt Freiheiten auf der linken Außenlinie, lässt auf dem Weg vom eigenen zum fremden 16er drei Großaspacher stehen und holt eine Ecke – die kurze zieht er selbst in die Mitte, Lorenzi steigt hoch, den Kopfball bändigt Gäng (41.). In dieser Halbzeit wäre mehr als ein Remis drin gewesen – schon wegen der unerträglichen Überflüssigkeit des Gegentreffers.

Nach der Pause im Ruhemodus

Wenn die Regensburger die gute Tradition der letzten Spiele fortsetzen, dürfen wir mit einer Leistungssteigerung rechnen. Was hat sich Christian Brand in den Katakomben der Mechatroniker einfallen lassen? Pustekuchen. Die Pause hat den Gästen wohl nicht gereicht, die spielen immer noch im Ruhemodus. Großaspach jetzt deutlich aktiver. Angriff über rechts, Matthias Morys aus kurzer Distanz, Strebinger mit Panterreflex (57.).

Es dauert fast 20 Minuten, ehe der SSV das erste Mal den Weg zurück in die Offensive findet. Öztürk schickt Königs rechts, von zwei Verteidigern belagert versucht‘s dieser aus ähnlich spitzem Winkel wie beim 1:1 gegen Osnabrück von der rechten Strafraumkante und verzieht (63.). Brand setzt neue Impulse, schickt Pusch für Knoll aufs Feld (65.).

Kuqis Schreck, Lorenzis falsches Eck

Die dicksten Chancen aber haben die, die sie gar nicht nötig haben: Njazi Kuqi, der Neue bei Aspach, erschrickt, so frei steht er im Strafraum, weil Oli Hein die rechte Abwehrseite längst geräumt hat. Der spitze Winkel aber ist der Feind des Schützen, es bleibt beim offenen Rennen (71.). Jetzt erinnert sich Aosman, dass den Gastgebern auch ein Freistoß Recht war, um mit der ersten Chance billig die Führung zu erzielen: Seine Flanke findet zwar keinen Regensburger, aber Kapitän Daniel Hägele erbarmt sich und setzt die Kugel an die Latte – und dann gefriert das Bild: Der Abpraller und Lorenzi fliegen aufeinander zu, die große weite rechte Torecke ist leer wie Sibirien, der Kopf des Korsen aber bugsiert den Ball in die offenen Arme des Keepers im vollbesetzten linken Eck (73.).

Noch 15 Minuten. Mittlerweile haben sich die Kontrahenten auf den anderen Plätzen – Mainz gegen Wiesbaden und Dortmund in Osnabrück – auf ein schiedliches 1:1 verständigt. Vergangene Woche mit Massel gerademal ein Pünktchen gut gemacht, jetzt Stillstand – das ist zu wenig. Brand erhöht scheibchenweise das Risiko. Daniel Steininger soll für den braven Öztürz das Tempo anziehen.

Rizzis Schlenzer in Zeitlupe

Steiniger mit dem ersten Turbo in die Zielgerade vorm 16er – er wird abgefangen, ehe er einen Kollegen in die Gasse schicken kann (79.). Und dann kann sich Kolja Pusch – wie bei seinem Debüt gegen Dortmund – ins Goldene Buch des SSV einschreiben. Hesse findet endlich einmal eine Masche im undurchdringlichen Schwabenzaun, Pusch ist durch, allein und unbedrängt vor Gäng schiebt er dem Keeper, der sich lang macht, die Kugel in die Arme (85.). Letzte Option: Die isländische Brechstange Hannes Sigurdsson ersetzt den angeschlagenen Hesse. Doch der kahle Wikinger kann sich nicht mehr in Szene setzen.

Dafür muss Kurz seinen Gegenspieler kurz vorm Strafraum huckepack nehmen – er lässt ihn auflaufen und riskiert einen Freistoß aus bester Scharfschützendistanz. Rizzi guckt, Strebinger in breiter Hocke, der Deutschitaliener mit Schlenzer um die Mauer, Strebinger wie festgezurrt an der Linie – die Kugel surrt wie in Zeitlupe rechts unten ins Tor, entsetzter Blick zur Seite: Was für ein Tag für den armen Richard, 1:2 (88.)! Was hat eigentlich Jahn-Coach Brand dem Schützen angetan, dass der ihn jetzt mit Triumphgebrüll bescheren muss?

Schlussphase der Emotionen

Der gefoulte Aosman versucht sich den Weg mit schmaler Brust freizuräumen. Zwerge unter sich, da wird sich aufgebläht – dass nur der Regensburger Gelb sieht, ist so unverständlich wie unwichtig. Und auch Palionis brennen die Sicherungen durch – der Abwehrturm, der vorzeitig seinen Vertrag auch für die Regionalliga verlängerte, bläst einen roten Kasper um, der – obgleich der Ball bereits im Aus war – weiter mit dem Spielgerät um ihn tänzelt wie Rudolf Nurejew. Auch er sieht dafür Gelb.

Schwarz sieht dafür ganz Regensburg nach dem Abpfiff: die mitgereisten Fans wie paralysiert. Dennoch Applaus für die Spieler, die’s ja versucht haben. Klar, das war heute keine Offenbarung, das war nicht die Wasserschlacht von 1974, wo man spürt, hier geht keiner vom Platz, der sich nicht alle Knochen gebrochen hat, um das Ding noch umzubiegen. Es war die brave Vorstellung einer Mannschaft, die, wäre sie in dieser Zusammensetzung in die Saison gestartet, irgendwo im hinteren Mittelfeld rangieren würde.

Christians Fiction

Für das Wunder aber bräuchte es eine Mannschaft, die man sich unterm Weihnachtsbaum mit neun Punkten Rückstand nicht mehr schnitzen kann – Helden, Titanen, Giganten. „Natürlich, das ist bitter“, nötigt sich Kapitän Markus Palionis ein blasses Statement ab. „Man hat das am Gesicht der Spieler gesehen, dass sie mehr als enttäuscht sind.“ So wie wir alle. Aus der Bayernliga in die Zweite Bundesliga und zurück.

Nächste Abschiedsvorstellung: am Samstag, 14 Uhr, gegen klein Mainz – jetzt sieben Punkte vor Regensburg. Rechnerisch, das wollen wir als faire Mathematiker betonen, ist noch alles möglich, wie Christian Brand vor dem drittletzten Heimspiel in der Dritten Liga beschwören wird und muss. Rechnerisch ist, Dank Einstein, auch eine Zeitreise möglich. Mit dem Raumschiff neues Stadion in eine bessere Zukunft – Christians Fiction eben.