Regensburger präsentieren sich beim 1:4 wie ängstliche Zöllner
Chemnitz reißt Jahn-Mauer nieder

Man of the Match: Doppelpacker Anton Fink. Bilder: dpa
 
Man of the Match: Doppelpacker Anton Fink. Bilder: dpa
 
Unglaublich: Da kam der Jahn genau zur rechten Zeit, nach wochenlanger Flaute trifft Fink gleich zweimal.

Wenn man denkt, schlimmer geht‘s nicht mehr, kommt der Chemnitzer FC daher: 5070 Zuschauer sahen die Sachsen am Mauerfallwochenende Jahn-Torgrenzen einreißen – nach wochenlanger Flaute beteiligen sich Anton Fink und Philip Türpitz mit je einem Doppelpack am 4:1, das Daniel Steininger nach seiner Einwechslung mit seinem ersten Tor nur unwesentlich korrigiert.

Da war Alex Schmidt gestern auf der Pressekonferenz noch so froh, dass er die Tricks des gebürtigen Dachauers Anton Fink kennt – und dann hätte der Ex-Löwe den Jahn allein zerlegen können. Denn das 4:1 spiegelt noch nicht einmal die Kräfteverhältnisse wieder: Die Gastgeber spielten heute wirklich so, als wollten sie die Mauer ein zweites Mal einreißen – und die Regensburger stellten sich dabei an, wie die verunsicherten Zöllner, die auf Anweisungen von Oben warteten.

Ratloses Achselzucken auch bei Sportchef Christian Keller: Nach dem ermutigenden Aufbäumen in der zweiten Hälfte gegen Halle, hatte nicht nur er mit der Fortsetzung dieser Kampfbereitschaft gerechnet. Die Voraussetzungen waren günstig, die Oberpfälzer durften anders als in der vergangenen Saison am Tag zuvor anreisen. Aber dennoch bekamen die Regensburger Fans – die trotz des Lokstreiks des Dresdener GDL-Chefs Claus Weselsky den Weg in die frühere Karl-Marx-Stadt antraten – heute wieder das Auswärtsgesicht einer Mannschaft zu sehen, die wie zuletzt in Mainz mut- und ideenlos auftrat.

Die Dynamik des Misserfolgs

Es ist die Dynamik des Misserfolgs: Da nützt keine Pfeifen im Walde, kein Tschaka, kein „man muss das aus den Köpfen bringen“ – Niederlagen machen Beine und Herzen schwer, das lässt sich nicht einfach weg reden, da hilft nur ein Erfolgserlebnis. Und das hätte für den Jahn, bei dem Andi Güntner Fabian Trettenbach vertritt und Stani Herzel anstelle von Daniel Franziskus in die Offensive rückt, in den ersten Minuten tatsächlich eintreten können. Besonders Uwe Hesse, von dem Schmidt hofft, dass er bald seinen Rhythmus findet, beginnt forsch: Linksverteidiger Dan-Patrick Poggenberg hat seine liebe Mühe im 1:1 gegen den Hessen (6./8.).

Dominiert der Gast aus der Oberpfalz die ersten Minuten, so kommt Chemnitz anschließend aber gewaltig: Fabian Stenzel scheitert noch an Dominik Bergdorf (9.), der quirlige Reagy Ofosu zielt knapp vorbei (11.) und dann beginnt die große Fink-Show: Erst legt der Oberbayer für Sportsfreund Türpitz auf, der keine Mühe hat, das 1:0 klar zu machen (12.). Noch hätte der Jahn zurückschlagen können, als Aias Aosman vom Mittelkreis weg auf Keeper Maximilian Reule zuläuft – doch der Rotschopf bleibt Sieger (16.).

Die große Fink-Show

Und Chemnitz ist jetzt auch eindeutig Herr im Haus: Einwurf auf Höhe der linken Eckfahne, im Luftkampf kann sich keiner richtig durchsetzen, der Ball kugelt zu Fink, der von der Strafraumkante abzieht, die Kugel unterwandert Bergdorf zum 2: 0 (19.). Immer stärker gerät die Jahn-Defensive in einen Belagerungszustand – die Bornholmer Straße von 1989 lässt grüßen. Bergdorf weiß sich nicht anders zu helfen, als einen Rückpass mit der Hand aufzunehmen – indirekter Freistoß im Strafraum, Oli Hein rettet zur Ecke (23.).

Alex Schmidt wird zu Recht unruhig auf seiner Bank. Er lässt Daniel Steininger und Zlatko Muhovic warmlaufen (29.). Doch ehe der Trainer reagiert, ist die Partie faktisch gelaufen: eine Ecke wie maßgeschneidert für den Anton aus Dachau, der den Ball erneut völlig unbedrängt an der Strafraumkante direkt nimmt, Steininger schaut zu, same procedure wie zuvor, 3:0 (35.). Wir wissen ja nicht, welche Geheimnisse der Coach seinen Spielern über Fink verraten hat, aber dass man den Gewaltschützen nicht unbedrängt aus 16 Metern schießen lassen sollte, dafür hätte man keine Biographie lesen müssen. Aber vielleicht zeigt das auch nur die Grenzen der Theorie: Wissen ist das eine, das richtige tun etwas völlig anderes.

Womit vertreibt man ein Gespenst?

Ob der Doppelwechsel jetzt noch was bewegen kann? Zlatko Muhovic und Daniel Steininger ersetzen Herzel und Güntner. Doch während sich die Wechselanten abklatschen, läuft Fink schon wieder bedrohlich auf Bergdorf zu – diesmal bleibt der Jahn-Keeper Sieger (38.).Auch das gibt es in der ersten Halbzeit: Nach einer Ecke von Aosman, versucht sich Gregory Lorenzi als Kopfballungeheuer –ein Chemnitzer hat aufgepasst, und auch Sinkiewicz schafft es nicht, die Kugel aufs Tor zu bringen (40.).

Unterm Strich leider eine vogelwilde Vorstellung des Tabellenschlusslichts und mit dem 3:0 zur Pause sind die Regensburger noch gut bedient (45.). Natürlich muss man anerkennen, dass die Sachsen um ihre überragende 9 hier eine starke Partie abliefern, aber wenn man bis zur Winterpause nicht den Anschluss verlieren möchte, muss das Abstiegsgespenst mit anderen Mitteln vertrieben werden.

Muhovic bemüht sich redlich

Die ersten Minuten der zweiten Hälfte darf der neue Jahn-Sturm etwas in der Hälfte der Gastgeber üben: Muhovic zieht bei seinem ersten Torschuss in Richtung Chemnitzer Plattenbauten ab (49.). Dann die richtig große Chance: Nach einem präzisen Pass von Hesse dreht sich Muhovic allein vor Keeper Reule, sein Schüsschen ist aber bei dem in guten Händen (52.). Und Muho zum Dritten: Nach einer Hereingabe von Lorenzi vertändelt der Bosnier den Ball im Strafraum (53.).

Und dann entblößt ein Chemnitzer die gesamte Regensburger Hintermannschaft: Ofosu marschiert durch sechs Jahn-Statisten, erst bei Sinkie und Lorenzi ist dann Endstation (54.) – das geht einfach viel zu leicht. Muhovic ist sicher bemüht, aber auch etwas glücklos: 30 Meter vorm eignen Tor verliert er den Ball und muss seinen Gegenüber taktisch stoppen (55.).

Schützenhilfe für Fink

Da springt Alex Schmidt nervös auf: Geipl mit der Notbremse riskiert Gelbrot – es wird „nur“ eine gefährliche Freistoßsituation: Anton Fink zum dritten? Bergdorf reagiert Klasse – und auch den Eckball pflückt er runter (59.). Der Jahn-Trainer reagiert und schickt Thomas Kurz für Geipl aufs Feld. Und während der Jahn noch „Bäumchen wechsle dich“ spielt, kann Lorenzi in letzter Not Finks unechten Hattrick verhindern – und nach Ballverlust Aosman darf Fink weiter an seiner Torbilanz feilen. Das macht nicht gerade Mut, wie die Regensburger den bayerischen Legionär da ins Spiel bringen (61.).

Chemnitz beherrscht Ball und Spiel, was Wunder, dass das nächste Tor die logische Konsequenz ist – Stenzel bringt die Kugel mit der Grätsche noch von der Grundlinie nach innen, die SSV-Verteidigung hat schon abgeschlossen, und Türpitz kann in Seelenruhe zum 4:0 einlochen (68.). In die Feierstunde der Sachsen hinein, passt Muhovic beim Konter nach Ecke der Gastgeber auf Steininger, der den Ehrentreffer in die lange Ecke fabriziert (70.).

Oberpfalz-Treffen perfekt

Kennt eigentlich irgendein Regensburger diesen Fink? Der steht schon wieder allein vor Bergdorf, zum Glück ist der Winkel zu spitz, und der Jahn-Keeper bester Mann der Gäste (74.). Gelb jetzt auch für den Fels in der Brandung: Ohne Sinkiewicz hätte es hier für die Oberpfälzer ganz bitter ausgehen können. Im letzten Moment verhindert er mit einem taktischen Foul noch Schlimmeres (77.). Im Gegenzug muss man sich schon freuen, dass der Jahn mal eine Ecke rausholt: Muhovic spielt Thomas Kurz an, der Hesse einsetzt, dessen Flanke zur Ecke geklärt wird (79.).

Da liefern sich zwei Chemnitzer ein internes Duell: Doppeltorschütze Türpitz gleitet durch die Jahn-Abwehr wie ein Messer durch wohltemperierte Butter und verzieht frei vor Bergdorf (84.). Und zur Feier des Tages macht Trainer Karsten Heine das Oberpfälzer-Treffen rund: Comeback für Markus Ziereis aus dem Bayerischen Wald, der für Kapitän Fink kommt – nach sieben torlosen Partien kam der Jahn für dessen Doppelpack genau richtig (88.).

Der verflixte 17. Spieltag

Worauf soll man in Regensburg jetzt noch hoffen? Der Spieltag hätte schlechter nicht laufen können, die Schwächlinge in der direkten Nachbarschaft punkteten mit Vehemenz: Erst legte Dortmund am Freitagabend mit 3:0 gegen Cottbus vor, dann fertigt Rostock den VFB Stuttgart II mit 4:1 ab, Haching stoppt den Abwärtstrend durch ein 3:0 gegen Dresden und dann entführt auch noch Großaspach mit 2:0 die Punkte aus Halle – dem Verein, gegen den der Jahn vergangene Woche mit Mühe ein 1:1 erreichte.

Drei Punkte auf den Vorletzten Dortmund, aber schon fünf Punkte auf den ersten Nichtabstiegsplatz, den der Neuling mit dem putzigen Namen jetzt innehat: die SG Sonnenhof Großaspach (17./17 Punkte nach 17 Spielen). 0,7 Punkte im Schnitt, minus 17 Tore, der verflixte 17. Spieltag hat es wirklich in sich. Am Samstag, 14 Uhr, müssen die jungen Jahn-Sensiblen gegen Arminia Bielefeld (3./28) schon über sich hinaus wachsen, um noch irgendwie dran zu bleiben. – und zur Winterpause auf den letzten Joker für den Sturm zu hoffen.