Tatort Münster: Den Jahn-Fehlern auf der Spur
Krimi oder Slapstick bei den Preußen?

Alles andere als einbruchssicher: das Jahn-Tor gegen Dresden. Bilder: Herda
 
Alles andere als einbruchssicher: das Jahn-Tor gegen Dresden. Bilder: Herda
 
"Sachdienliche Hinweise gibt's nur von Eduard Zimmermann", verweist Jahn-Coach Christian Brand auf Aktenzeichen-XY-Ede.

„Wir gewinnen gegen Regensburg, da mache ich mir keine Sorgen“, verspricht Münsters Fanliebling Mehmet Kara für das Heimspiel am Samstag, 14 Uhr, im Preußen-Stadion. „Zumal wir auch in den letzten Wochen stets gut gespielt und uns genug Chancen erarbeitet haben.“ Immerhin, einen Lichtblick gibt‘s für den Tabellenletzten aus der Oberpfalz. Auch die Preußen (4./46 Punkte) holten nur einen Punkt aus den vergangenen drei Partien.

„Wenn wir robust und zuverlässig agieren, die Stärken des Gegners ausschalten und die Initiative übernehmen, sind die drei Punkte möglich“, äußert sich Trainer Ralf Loose schon etwas vorsichtiger. Klar, Trainer-Latein, den Gegner stark reden, nur ja keine Überheblichkeit aufkommen lassen. Deshalb ist der SSV Jahn natürlich „nur auf dem Papier Letzter“: „Auch im Hinspiel dauerte es lange, bis der entscheidende Treffer fiel“, schmeichelt der Dortmunder.

Ex-Jahn-Stürmer Marcel Reichwein natürlich traf in Minute 73 mit links. Der SSV rutschte unter den Strich. „Wir müssen auftreten wie gegen den Spitzenreiter“, stachelt Loose seine Mannschaft an. Jetzt zählt‘s, noch ist Münster punktgleich mit dem Tabellenzweiten Kiel. Nach oben alle Optionen offen.

Bei 0:3 ist die Spannung raus

Und auch personell sieht‘s für das Team aus der Tatort-Stadt mit Deutschlands skurillstem Ermittlerteam Thiel und Börne ganz passabel aus: Leistungsträger Amaury Bischoff kehrt nach auskurierter Erkältung zurück, Fabian Hergesell soll in Bälde wieder einsatzfähig sein. Mit einem Krimi im Stadion an der Hammerstraße könnten sich die Gäste sicher arrangieren, wenn sie sich nur nicht wieder solche Slapstickeinlagen wie gegen Dresden leisten – denn bei 0:3 nach 30 Minuten ist nicht nur für St.-Pauli-Fan Axel Prahl die Spannung raus.

Apropos skuriller Krimi: „Es wäre gemein, nach einen Favoriten zu fragen“, lässt Christian Brand in der Pressekonferenz keinen Zweifel daran, wo der Hammer tabellarisch hängt. Wie er die Aufgabe dennoch mit seinen Jungs lösen möchte? „Sachdienliche Hinweise gibt‘s nur bei Eduard Zimmermann“, erinnert der Jahn-Coach an den großen toten Mann der TV-Blockwart-Kultur. „Lebt der nicht mehr?“, ist Brand freilich nicht ganz am Laufenden. „Ich weiß nur, Konrad Tönz ist jetzt auch gestorben. Das wäre dann der für die Hinweise in der Schweiz gewesen.“

Taktik Schleierfahndung

So charmant kann der Niedersachse die eigene Taktik verschleiern – Alex Schmidt hatte dazu immer nur geäußert: „Mehr sag I ned.“ Das Ergebnis aber ist ähnlich. Über den Gegner weiß Brand zu berichten: „Sie haben mit Mehmet Kara sicher einen sehr, sehr guten Spieler für das Drittliganiveau.“ Auch Marcus Piossek und Marcel Reichwein seien gute Jungs. „Das ist eine Mannschaft, die eigentlich gar keine richtigen Schwächen hat.“

Tja, was nun? Einpacken? Mitnichten: „Ich glaube, dass wir Möglichkeiten haben, das Spiel positiv zu gestalten.“ Nicht auf den scheinbar übermächtigen Gegner schielen, lieber auf die eigenen Stärken: „Es kommt wie immer nur auf uns an“, habe gerade auch die letzte Woche gezeigt. „Wenn wir es schaffen, unsere Fehlerquellen zu minimieren oder ganz runter zu fahren, dann haben wir auch in Münster eine Chance zu gewinnen.“

Stürmer mit Gold und Seide

Da kann niemand widersprechen: Eine Mannschaft, die keine Fehler macht, hat gute Chancen. Nur: Grau ist alle Theorie, pechschwarz die Serie praktischer Pleiten, Pech und Pannen im Regensburger Defensivverhalten. Oder mit Brands Worten Richtung Amachaibou und Reichwein: „Es muss ja auch mal möglich sein, dass man einen Stürmer so in Griff kriegt, dass der nicht immer durch die Stadt läuft und die behängen ihn mit Gold und Seide.“

So geschehen in der Lausitz und in Dresden: „Ich habe keine Lust, dass irgendwelche Jungs immer wieder gegen uns drei Tore schießen. Kleindienst hat drei gemacht – den bauen sie in Cottbus jetzt da ein Denkmal. Der Eilers hat sechs Wochen vorher auch keinen Möbelwagen getroffen, dann kommt der zu uns und schießt da auch wieder drei Tore.“

Für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar

Woran liegt‘s aber nun, dass Rot-Weiß immer wieder in diese vertrackte Hattrick-Falle läuft. Denn der Jahn-Trainer fördert nach zweimaligem Video-Studium des Dynamo-Spiels Überraschendes zu Tage: „Es mag für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar sein, aber ich stand da neben dem Feld und dachte, ja, es gibt eigentlich gar nicht so viel zu kritisieren.“ Im Vergleich zum Spiel in Cottbus habe man sich sogar verbessert. „Aber das sieht natürlich bescheuert aus, wenn wir solche großen Schnitzer im Spiel haben.“

Grobe individuelle Fehler hätten eine ordentliche Leistung zunichte gemacht. Jetzt deswegen die betreffenden Spieler runterzumachen, sei seine Sache nicht. „Für mich geht‘s immer darum, dass es konstruktive Kritik ist.“ Freilich, auf Nachfrage bleibt ihm nichts übrig, als Stani Herzel zu konstatieren: „Klar, der Stani hatte letzte Woche nicht seinen besten Tag.“ Für seine Position auf der rechten Verteidigerseite kämen nach derzeitigem Stand wohl am ehesten Andi Güntner oder sogar Oli Hein in Frage.

Befreiung von der Last der Fehler

Wichtiger als Personalfragen sei jedoch, „wie sich die Jungs in den kommenden Wochen mental befreien von solchen Ereignissen.“ Neben den technisch-taktischen Aufgaben sei das der große Schwerpunkt: „Dass wir die Jungs befreien von der Last von Fehlern und dass wir sie wieder positiv zurückführen in den Alltag.“ Die Spieler seien selbst so selbstkritisch, dass sie ihre haarsträubenden Patzer im Video sähen, ohne dass er etwas dazu sagen müsse. „Und dann versucht man das im Training umzusetzen, versucht man an den Stellschrauben zu drehen.“

Was der Trainer sagt, ist weitgehend Schulmeinung: Den Kopf frei bekommen, die positiven Aspekte herausarbeiten, auch wenn es nach den realexistierenden Ergebnissen schwerfällt, ein Glühwürmchen am Ende des schwarzen Loches zu erkennen. Aber trotz allem hat man den Eindruck, dass Brand auch denkt, was er sagt: „Ich glaube nach wie vor an unsere Stärken, an die Qualität des Teams, aber … dieses Aber ist eben auch die große Einschränkung.“ Die Mannschaft müsse „einfach“ 100-prozentig ihre Leistung abrufen und dürfe sich keine Aussetzer erlauben wie gegen Dresden. Doch was einfach gesagt ist, ist seit 27 Spieltagen schwer getan.

Lieber Brandrat als Defensiv-Brandstifter auf Jobsuche

Und doch: Sich aufgeben gilt nicht, Brands Stellenbeschreibung ist Brandrat, nicht Konkursverwalter. „Weil ich diese Dritte Liga für so ausgeglichen halte, gerade jetzt mit unserem Kader, bin ich überzeugt, dass wir jeden Gegner schlagen können.“ Aus einer vernünftigen Ordnung heraus solle das gelingen. Für den Gelb-gesperrten Lorenzi könnten Gino Windmüller oder auch Adli Lacheb in die Innenverteidigung rücken. Und im Angriff könnten sich Hannes Sigurdsson und Marco Königs auf ein Jobsharing verständigen – beide einsatzbereit, aber eben noch nicht ganz fit.

Zurück zum Krimi: Leser, die bereits zu wissen glauben, wie dieses Kriminalstück endet, sollten Brands Truppe eine Chance geben, solange es rechnerisch möglich ist. Einem Überzeugungstäter wie Christian Brand ist Vieles zuzutrauen. Jedenfalls mehr als einem Defensiv-Brandstifter auf Jobsuche wie Jürgen Kohler, der bei der SpVgg Wirges in der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar experimentiert.