Tatort Münster im Saison-Finish
Leisten Preußen Beihilfe zum Jahn-Mord?

Team-Building: SSV-Trainer Heiko Herrlich formte mit Individualisten wie Kolja Pusch (Mitte) ein Kollektiv mit Teamgeist. Bild: Herda
 
Benno Möhlmann, hier noch als Löwen-Dompteur, möchte auch dem Jahn den Zahn ziehen. Bild: dpa
Münster: Preußenstadion |

Tatort Münster: "Findet das Spiel überhaupt statt", fragt Jahn-Trainer Heiko Herrlich ironisch, "weil im Umfeld mehr über die Relegation diskutiert wird." Sollen die ruhig, so lange seine Spieler nicht abdrehen, findet der Mannheimer Mahner vor dem Spiel am Samstag, 13.30 Uhr, bei den Preußen.

Die Ausgangslage ist klar: Siegt der FC Magdeburg (4./58 Punkte) erwartungsgemäß zu Hause gegen die Sportfreunde aus Lotte – FCM-Trainer Jens Härtel: „Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen" –, dann reicht Regensburg (3./60) ein Punkt in Münster nicht. Der Europapokalsieger von 1974 hat das bessere Torverhältnis. Anders ausgedrückt: Dann hätte der SSV Jahn die Relegation mit den zwei verschossenen Elfern in Wehen verblödelt.

Ansteckender Teamgeist

Die Fußballwelt ist eben ungerecht: Dass der Aufsteiger überhaupt bis zum letzten Spieltag um den Durchmarsch in die Zweite Bundesliga mitmischt, ist eine kleine Sensation. Heiko Herrlich, besonnener Ex-Nationalspieler mit christlichem Fundament, hat aus dem wilden Haufen, der vor zwei Jahren aus der Dritten Liga abstieg, eine Mannschaft geformt, deren Teamgeist ansteckend ist.

Kein Wunder, dass da Fans und Funktionäre ins Träumen kommen. Mögliche Gegner in der Relegation: Fortuna Düsseldorf, Erzgebirge Aus, der 1. FC Kaiserslautern und viel wahrscheinlicher – 1860 München oder die Würzburger Kickers.

Hopplahopp in Liga 2?

Das erklärte Ziel der Oberpfälzer: der Klassenerhalt. Daran hielten der bescheidene Mahner und Sportchef Christian Keller bis zum 45. Punkt eisern fest. Man ist hin und hergerissen: Geht das schon wieder viel zu schnell? Nach einer Relegation müsste wie 2011 eine Last-Minute-Zweitliga-Elf gezimmert werden.

Andererseits: Ein Aufstieg lässt sich kaum planen, und wer will sich schon ein paar Millionen TV-Gelder mehr entgehen lassen? Vom sportlichen Ehrgeiz ganz zu schweigen. Und vielleicht ist das sportlich-kaufmännische Strategie-Duo Herrlich-Keller aller Tretzel-Wirren der Saison zum Trotz ja genau die solide Basis für eine langfristige Zweitliga-Karriere.

Münster: Urlaub auf Malle

In dieser Situation kann der Momo-Fan die Ablenkung durchs Umfeld überhaupt nicht brauchen: „Die Spieler fangen an, den Fokus zu verlieren, finden sich plötzlich toll – aber wenn das schief gehen sollte, ist ab Sonntag Urlaub.“ Und darauf würde sich in Regensburg gerade keiner freuen. Anders als in Münster, wo die Tickets für Mallorca bereits gebucht sind.

Seit Benno Möhlmann in der Vorrunde als Notretter zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist, läuft es bei den Preußen. Der Trainerfuchs, der in den letzten Jahre schon etwas durchgereicht wurde, hatte bei den Westfalen als Mittelfeldspieler seine Profikarriere begonnen, schoss in 150 Spielen 27 Tore, ehe er 1978 nach Bremen wechselte. Die Bilanz des Heimkehrers: „Münster ist die zweitstärkste Heimmannschaft, die drittbeste Rückrundenmannschaft“, macht Jahn-Trainer Heiko Herrlich deutlich, was für ein Brocken da noch vor einer möglichen Relegation im Weg liegt.

Preußen: 8 Heimpiele, 7 Siege

Beim 3:1-Hinspielsieg der Regensburger musste Möhlmann noch konstatieren: „Wir haben gesehen, Sie haben’s auch gesehen, dass der SSV etwas weiter ist als wir – das Spiel nach vorne ist bei uns einfach nicht so durchdacht, so zwingend und nicht so erfolgreich, wie’s der SSV zumindest heute gezeigt hat.“ Seitdem greifen die Maßnahmen des 62-Jährigen: Von acht Heimspielen in der Rückrunde gewannen die Preußen sieben, eines endete unentschieden.

„Wir wissen, dass wir beobachtet werden“, freut sich der Coach über die wohlwollende Betriebsspionage aus Magdeburg. Klar, die Hauptstädter aus Sachsen-Anhalt hoffen auf Schützenhilfe aus Deutschlands beliebtester Tatort-Stadt. Gewissermaßen: Beihilfe zum Jahn-Mord. Die Konstellation sei jedenfalls ideal, um die Motivation bei seiner Mannschaft hochzuhalten. Auch wenn die junge Mannschaft zuletzt etwas müde wirkte, einmal noch, muss sich sein Team am Riemen reißen. „Ich glaube, der gemeinsame Wille dazu ist da.“

Abschied von neun Preußen

Für einige wird es der letzte Auftritt im Preußenstadion: Münster verabschiedet sich am Samstag von neun Akteuren, bei denen sich Sportdirektor Malte Metzelder bedankt. Eine Wundertüte also, die da auf das Team von Heiko Herrlich wartet: Wie groß ist der Ehrgeiz der Abgänge und Mallorca-Urlauber am letzten Spieltag? Mit welchen Prämien lockt Magdeburg?

Eine taktisch heikle Mission kommt da auf den Regensburger Übungsleiter zu: Klar ist der Wunsch, mit einem Dreier alles klarzumachen, groß. Andererseits: Bei einem engen Spiel auf beiden Plätzen, spukt womöglich im Hinterkopf: Vielleicht reicht ja doch ein Punkt. „Man muss sich erst einmal frei machen von anderen Spielsituationen“, erklärt Herrlich, „das bringt dich ja völlig durcheinander.“ Man wolle das Beste abrufen, dann habe man es selbst in der Hand.

Saisonfinish Live im BR

Große Veränderungen in der Jahn-Startelf, die bereits am Donnerstag mit dem Bus Richtung holländische Grenze aufbrach (596 Kilometer), sind nicht zu erwarten. Wastl Nachreiner ist nach seiner Gelbsperre wieder zurück in der Innenverteidigung, Markus Palionis sitzt als Backup auf der Bank. Ali Odabas‘ Einsatz ist nach einem Schlag aufs Knie fraglich. Kleinere Blessuren haben die Physiotherapeuten in den Griff bekommen: Marvin Knoll und Erik Thommy sind wieder im Training.

Das brisante Saisonfinish leitet Sascha Stegemann (32): Der Unparteiische aus Niederkassel bei Bonn ist seit 2014 Bundesliga-Schiedsrichter , hat dort bereits 41 Partien geleitet. Die beiden entscheidenden Spiele werden in Konferenzschaltung vom BR übertragen.
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