Tennis
"Ich gehöre da jetzt wirklich hin"

Steffi Graf gratuliert, der Bundespräsident übermittelt Glückwünsche, und die Sportwelt zollt Respekt: Angelique Kerber ist nicht nur die neue Nummer eins, sondern gewinnt auch noch ihren zweiten Grand-Slam-Titel. Für ihren Trainer wird es nun hart.

New York. Vier Stunden nach ihrem überwältigenden US-Open-Triumph gönnte sich Angelique Kerber endlich ein halbes Glas Champagner. Als sie ihre Auftritte im Fernsehstudio überstanden und den Interview-Marathon absolviert hatte, kam die neue Nummer eins im Damen-Tennis zu ihrem Trainer und ihrer Mutter in den ansonsten menschenleeren Spielergarten. "Angie, Angie", intonierte ihr Coach Torben Beltz, fiel der ersten deutschen US-Open-Siegerin seit Steffi Graf um den Hals und drückte ihr das halbe Glas Schampus in die Hand. Tennis-Ikone Graf gratulierte aus der Ferne begeistert zu einem phänomenalen Jahr und einem Riesenerfolg für das deutsche Tennis.

"Ich wollte immer Grand Slams holen, jetzt habe ich zwei in einem Jahr geholt. Das kann mir keiner mehr nehmen. Das ist auch eine Erleichterung: Ich weiß, ich gehöre da jetzt wirklich hin", sagte Kerber. Nach einem 1:3-Rückstand im dritten Satz hatte sie zuvor noch das Endspiel gedreht und die Tschechin Karolina Pliskova nach mehr als zwei Stunden nervenstark und abgezockt 6:3, 4:6, 6:4 bezwungen.

Bundespräsident gratuliert


Nachdem sich Kerber schon zwei Tage vorher zur ersten deutschen Nummer eins seit Steffi Graf vor 19 Jahren gekrönt hatte, ließen die Glückwünsche aus Las Vegas nicht lange auf sich warten. "Klasse erarbeitet, gekämpft und Nervenstärke bewiesen!", gratulierte Graf am Sonntag. Selbst der Bundespräsident gratulierte noch in der Nacht. "Spiel, Satz und Sieg: Mit Ihnen freuen sich heute viele Menschen in Deutschland über Ihren großen Erfolg", übermittelte Joachim Gauck.

Kerber wirkte stolz und erleichtert, als sie sich gegen halb elf am Abend endlich bei ihrem Team ein klein wenig entspannen und zur Ruhe kommen konnte. Ein bisschen Rotwein stand herum, in Alufolie eingepackte belegte Brote lagen auf dem Tisch. Aber Kerber hatte keine Zeit, weil noch ein Sponsorentermin anstand und sie "unbedingt etwas Richtiges essen wollte", bevor sie bei einem Bar-Besuch in Downtown Manhattan den Triumph angemessen feiern wollte.

Abgezockteste Spielerin


Ihr wundersames Jahr 2016 mit dem Australian-Open-Triumph, dem Endspiel in Wimbledon und der Silbermedaille in Rio krönte Angelique Kerber am 10. September mit ihrem ersten Titel bei den US Open. "Dieses Grand-Slam-Turnier hatte für mich immer eine andere Bedeutung als alle anderen Turniere", sagte die 28-Jährige.

Mit ihrem damals sensationellen Halbfinal-Einzug 2011 begann ihre Wandlung über eine konstante Top-Ten-Spielerin mit dem Hang zur Nervenschwäche und Niederlagen in engen Situationen hin zur körperlich fittesten und mental abgezocktesten Spielerin auf der Tour.

Als neue Nummer eins ging sie in das Finale gegen die zuletzt überragend aufspielende Pliskova - und wollte auf keinen Fall verlieren. "Der Sieg war wichtig für mich, aber ich habe mich überhaupt nicht stressen lassen", sagte Kerber. "Die Nummer eins konnte mir niemand mehr nehmen. Aber für mich war es wichtig, nach dem Finale in Wimbledon, das ich verloren habe, jetzt die Partie für mich zu entscheiden. Daher habe ich am Ende alles gegeben und alle meine Kräfte rausgeholt", sagte Kerber nach der gelungenen Revanche. Auf dem Platz wurde sie von ihren Emotionen überwältigt, schlug immer wieder ungläubig die Hände vor das Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augen. "All meine Träume sind in diesem Jahr wahr geworden", sagte Kerber, als sie um 18.41 Uhr Ortszeit die silberne Henkeltrophäe in die Höhe reckte.

Dieses Grand-Slam-Turnier hatte für mich immer eine andere Bedeutung als alle anderen Turniere.Angelique Kerber
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