Tennis
Steffi ist stolz auf mich

19 Jahre nach Steffi Graf ist wieder eine deutsche Tennisspielerin Nummer eins der Welt. Angelique Kerber profitiert von Serena Williams' Halbfinal-Aus bei den US Open und erreicht ihr drittes Grand-Slam-Finale des Jahres. Dort hat sie die Chance zur Revanche.

New York. Im historischen Moment der Wachablösung dachte Angelique Kerber auch an ihr großes Idol Steffi Graf. "Die nächste deutsche Nummer eins nach Steffi zu sein, ist eine Ehre für mich. Es ist einfach unglaublich", sagte die US-Open-Finalistin nach dem wohl aufregendsten Tag ihres Tennis-Lebens. "Ich denke, Steffi ist stolz auf mich." 19 Jahre nach der unerreichten Sport-Ikone Graf hat es wieder eine Deutsche auf den Tennis-Thron geschafft.

Weil die langjährige Ausnahmespielerin Serena Williams im Halbfinale scheiterte, krönte sich die 28-Jährige aus Kiel vor dem Fernseher zur Königin von New York. Den magischen Augenblick erlebte Kerber mit ihrem Trainer Torben Beltz und der Physiotherapeutin Cathrin Junker im Fitnessraum vor dem Bildschirm. Ungläubig schaute sie sich die letzten Ballwechsel des Halbfinals zwischen Serena Williams und Karolina Pliskova im zweiten Obergeschoss des Arthur-Ashe-Stadiums an. Als Williams beim Matchball einen Doppelfehler servierte, verabschiedete sich die Amerikanerin nicht nur aus dem Turnier, sondern verlor mit ihrem Scheitern auch den Spitzenplatz.

"Jetzt ist es passiert"


"Die Superfrau ist auch nur ein menschliches Wesen", schrieb die "New York Post" am Freitag über die 22-malige Grand-Slam-Turniersiegerin, die es erneut versäumte, mit ihrem 23. Titel Graf hinter sich zu lassen. "Ich glaube, ich habe in dem Moment gar nichts gedacht. Wir waren da zu dritt und haben ein paar Sekunden geschwiegen und dann habe ich gesagt: Okay, jetzt ist es passiert", erzählte Kerber kurz vor Mitternacht im größten Tennisstadion der Welt.

Und es war so viel passiert an diesem 8. September 2016 im New Yorker Stadtteil Queens. Kerbers Mama Beata war nach dem Final-Einzug ihrer Tochter und der Übernahme von Platz eins in der Weltrangliste völlig nassgeschwitzt vor Anspannung und musste sich erst einmal einen Becher Whiskey-Cola auf der South Plaza in Flushing Meadows gönnen.

"Ich bin sprachlos. Unglaublich, dass beides an einem Tag passiert. Ich bin so stolz auf sie", sagte die Mutter der jetzt offiziell und schwarz auf weiß dokumentierten besten Tennisspielerin der Welt. Dazu gratulierten spontan Boris Becker und Basketball-Superstar Dirk Nowitzki.

Vor fünf Jahren noch stand die Linkshänderin aus Kiel kurz davor, alles hinzuschmeißen und ihre Karriere wegen Erfolglosigkeit zu beenden. Doch dann erreichte sie 2011 bei den US Open als Weltranglisten-92. das Halbfinale - und begann einen Triumphmarsch, der sie im New Yorker Spätsommer auf den Tennis-Gipfel führte.

"Kerber, bekannt für ihre exzellenten Konterschläge, hat sich im Lauf dieser Saison zu einer aggressiveren Spielerin entwickelt. Dafür wurde sie jetzt belohnt", schrieb die "New York Times". "Der Tag ist heute gekommen, ich bin die Nummer eins der Welt, was immer ein Traum von mir war", sagte Kerber nach ihrem 6:4, 6:3 im Halbfinale gegen die Dänin Caroline Wozniacki und vor dem Endspiel gegen die doppelte Williams-Bezwingerin Pliskova am Samstag (22.00 Uhr MESZ) .

Chance zur Revanche


Gegen die Tschechin hatte Kerber eine Woche vor den US Open im Finale von Cincinnati verloren und die erste Chance auf Platz eins der Weltrangliste verpasst. Nun bietet sich der mit 28 Jahren ältesten Nummer-eins-Debütantin die Chance zur Revanche.

Pliskova allerdings spielt derzeit in der Form ihres Lebens und beförderte vor Serena auch schon deren ältere Schwester Venus aus dem Turnier. Allzu sehr wollte sich Kerber dann aber doch noch nicht mit ihrem dritten Grand-Slam-Finale in diesem Jahr befassen.

Nach dem Triumph bei den Australian Open und dem Endspiel-Einzug in Wimbledon wollte Kerber die Krönung ihrer Wahnsinns-Saison zumindest für ein paar Stunden genießen. Selbst die ausschweifenden Frage-Monologe eines italienischen Reporters ertrug sie mit Langmut und Lächeln und antwortete auf besonderen Wunsch auch auf polnisch. Dass sie nun tatsächlich von Montag an die beste Tennisspielerin sein wird, muss sie erst einmal sacken lassen. "Ich brauche ein bisschen Zeit, um das alles zu verarbeiten", sagte Kerber.

Die nächste deutsche Nummer eins nach Steffi zu sein, ist eine Ehre für mich. Es ist einfach unglaublich.Angelique Kerber
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