Underdog Jahn und Gipfelstürmer Kiel begegnen sich mit Respekt
„Keiner hat die Hosen voll“

Kiels Erfolgstrainer Karsten Neitzel: Seit dem Hinspiel in Regensburg, das Holstein mit 2:0 gewann, verloren die Störche nur noch ein Spiel. Bilder: Herda/Baumann
 
Kiels Erfolgstrainer Karsten Neitzel: Seit dem Hinspiel in Regensburg, das Holstein mit 2:0 gewann, verloren die Störche nur noch ein Spiel. Bilder: Herda/Baumann
 
„Ich glaub‘ nicht, dass sie sich von Regensburg da irgendwie in die Suppe spucken lassen möchten“, vermutet Christian Brand Siegesabsichten beim Tabellenzweiten.

„Die Mannschaft ist eine, die wirklich auf den Platz möchte“, beobachtet Holstein Kiels Trainer Karsten Neitzel mit Argusaugen den Auflauf von Jahn Regensburg. Es gibt scheinbar auch andere. „Besonders in den letzten Spielen hat sie gezeigt, dass sie sehr schnelle und starke Konter fahren kann.“ So viel Respekt vorm Tabellenletzten muss sein, nachdem Uwe Hesse nach gefühlt 95 Spurts in der 90. Minute die Vorlage zum 1:0 gegen Erfurt vollbrachte.

Natürlich hat man auch bei der Mannschaft der Stunde (2./52 Punkte) den Wandel in Regensburg (20./22) registriert: „Bei Regensburg fand im Laufe der Saison eine komplette Umgestaltung der Mannschaft statt“, doziert der Dresdener, „was sich vor allem im sehr spielstarken Mittelfeld zeigt, in dem mehrere ehemalige Zweitliga-Akteure vorzufinden sind.“

Da müsse das Team des Tabellenzweiten am Samstag, 14 Uhr, konzentriert auf den Platz gehen und versuchen, mit einer klugen Raumaufteilung und schneller Spielweise das Match unter Kontrolle zu bringen. „Ganz wichtig dabei ist, dass wir fokussiert auf dem Platz stehen und ein starkes Gegenpressing bringen.“ Tja, Fokus, Spiegel und Stern sei Dank.

Auswärtsbilanz: ohne Worte

Aber natürlich weiß man auch in Regensburg, dass solche frommen Worte nicht unbedingt immer auf die Goldwaage zu legen sind: „Bei den bisher gezeigten Auswärtsspielen kann man auch in Kiel nicht davon ausgehen, dass die sich vor Angst in die Hosen machen“,
vermutet Jahn-Trainer Christian Brand, dass den Gastgebern, die die letzten sechs Spiele in Folge gewannen und seit dem Hinspiel in Regensburg (0:2) nur ein Spiel verloren, nicht gerade die Knie schlottern. „Sollten sie aber trotzdem, weil wir sicher anders auftreten werden als in den anderen Auswärtsspielen“, warnt Brand kühn und schweigt zur Auswärtsbilanz.

An der Waterkant hat man die Zurückhaltung aufgegeben und bekennt sich offen zum neu formulierten Saisonziel Aufstieg. Mitten drin im Kampf um Liga 2, aus der sich die, dann schreiben wir‘s halt auch einmal, „Störche“ zuletzt vor 34 Jahren verabschiedeten. Gelänge der Sprung, wäre das „die Sahne oben drauf und die Kirsche noch dazu“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Schwenke in interessanter Obstmetaphorik. Kiel hat also „einen totalen Lauf und die Chance aufzusteigen“, klatscht auch Jahn-Trainer Brand rhetorisch Applaus. „und ich glaub‘ nicht, dass sie sich von Regensburg da irgendwie in die Suppe spucken lassen möchten.“

Kein Team, das das Fußballspielen erfunden hat

Aber Reinicke Fuchs wäre kein listiges Tier und Christian Brand kein Trainerfuchs in Lauerstellung, wenn er es dabei beließe, den scheinbar übermächtigen Gegner stark zu reden. Schließlich will er ja auch nicht, dass seine Mannschaft das Auswärtstrikot besudelt. Also tritt der Niedersachse die Kehrtwende an: „Die wissen auch, dass wir ein paar Stärken haben, die ihnen weh tun können – und wir versuchen natürlich, diese Stärken auszuspielen.“ Und Hand aufs Herz, stänkert der freundliche Herr Brand lächelnd, „das ist kein Team, das das Fußballspielen erfunden hat“.

Der Erfolg der einfach strukturierten Nordlichter läge auch ein Stück weit daran, „dass die Plätze um diese Jahreszeit sehr schwierig zu bespielen waren – und die spielen meistens sehr einfach auf ihre beiden Stürmer nach vorne.“ Kiel habe 80 Prozenz aller Tore aus Standardsituationen gemacht: „Das wird ein ganz, ganz wichtiger Punkt sein“, lässt er die beliebte rhetorische Figur der Adverbialverdoppelung aus dem Sack, „dass wir da sehr sehr wach sind und sehr, sehr aufmerksam verteidigen.“ Fußballerisch bekämen die Ex-Süddänen reichlich Probleme, wenn man ihre Abwehr unter Druck setze. „Es ist nicht so, dass ich da vor Ehrfurcht erstarre.“

Bei Hein alles möglich

Während bei Kiel außer Fabian Wetter, Saliou Sané und Marcel Gebers der gesamte Kader zur Verfügung steht, muss Brand den gelb-gesperrten Kapitän Markus Palionis ersetzen und weiter auf die verletzten und angeschlagenen Fabian Trettenbach, Andi Geipel, Aykut Öztürz und Lukas Sinkiewicz verzichten: „Er hat eine Einheit mit der defensiven Gruppe absolviert und sich schon mal nicht wieder verletzt – bei ihm schon positiv festzuhalten.“ Trainiert haben Basti Nachreiner, Hannes Sigurdsson und Matthias Dürmayer – ohne Gewähr auf Einsatz. Und Oli Hein wird definitiv nicht rechts hinten auflaufen, wo Brand Gefallen an Andi Güntner gefunden hat, sondern … „mal schau‘n, bei ihm ist alles möglich“.

Die Innenverteidigung vertraut Brand weiter Adli Lachheb und Grégory Lorenzi an. Es sind die Grundtugenden des ehrbaren Sportsfreunds, mit denen Brand das Rätsel knacken will, wie man nach nur einem Auswärtssieg in Stuttgart einen zweiten Dreier ausgerechnet bei dem Team einfahren will, „gegen die man kaum ein Tor schießen kann“. Einsatzwillen, Laufbereitschaft und Leidensfähigkeit, seien gefragt. Und dann sollen die weit gereisten Gäste mit der „Überzeugung in die Zweikämpfe gehen, dass wir, wenn wir den Ball gewinnen, nach vorne spielen – das wird ganz, ganz wichtig sein.“ Wichtig hoch 2.

Uwe Hesse, personifizierter Wille

Entscheidend sei in Kiel nicht der Tabellenplatz, sprich der etwas entmutigende Abstand von 18 Plätzchen und 30 Pünktchen, sondern, man höre, die Tagesform: „Und ich glaube, unsere Tagesform ist gut“, sprach der Herr. Schließlich hätten die Jungs wieder Selbstvertrauen: „Sie haben sich aus einer sehr schwierigen Lage selbst befreit mit dem Sieg gegen Erfurt.“ Mit dem unbändigen Willen, den die Mannschaft 90 Minuten gegen die Thüringer gezeigt habe, sei auch in der Hauptstadt Schleswig-Holsteins was drin. Und der Wille hat für Brand vor allem einen Namen: „Uwe Hesse ist ein Spieler, der hat so einen eingebauten Motor, der ist immer auf 100 Prozent und auf Vollgas eingestellt. Das ist für mich die totale Verkörperung von Willen.“

Lob hat der Coach auch für Richard Strebinger parat: „Richard macht so eine Entwicklung durch, wie ich sie auch erhofft hatte.“ In Bremen die Nummer zwei, einige Einsätze in der U23: „Es war klar, dass er sich auch erst mal an die Dritte Liga gewöhnen muss.“ Es habe zu Beginn ein paar Wackler gegeben, aber das habe den Trainer nicht beunruhigt. „Ich erlebe ihn einfach als sehr fokussierten, als sehr konzentrierten Spieler, der ganz genau weiß, was er will.“ Klar im Kopf sei der einfach und so trainiere er auch. „Die Leistung, die er zeigt, spricht für sich.“

Wenn sie das hier überstehen ...

Auch Allzweck-Joker Gino Windmüller stärkt Brand demonstrativ den Rücken: „Wenn er reinkommt, ist er sofort da – mit seinem gewonnen Kopfballduell am 16er hat er den Konter zum 1:0 eingeleitet“ Daniel Steininger sei ein guter Spieler, der immer eine Option ist: „Er macht eine gute Entwicklung durch, so wie die ganze Mannschaft in dieser Situation extrem wachsen kann – wenn sie das hier alles übersteht und auch noch erfolgreich, dann gibt‘s ja kaum noch ein Ereignis, das die Spieler aus der Bahn werfen kann.“

Nicht aus der Bahn werfen wird die Mannschaft jedenfalls weder ein Stau auf der Autobahn noch der Streik bei der Lufthansa: Das Team fliegt mit der Fluglinie von Pressesprecher Till Müllers Vertrauen um 8.30 Uhr Richtung Kiel – „Air Peking ist das, glaube ich“, scherzt Brand. Und wenn alles gut geht, wünscht sich der Trainer seinen Sprecher wieder wie am vergangenen Samstag im Siegesrausch: „Dann liegst du plötzlich wieder neben mir auf der grünen Tartanbahn – sah gut aus.“

Das Spiel wird vom NDR online per Livestream übertragen. Eine Zusammenfassung ist am Abend in der Sportschau zu sehen.