Wieder Fifa-Drama am Zürichsee

Es hätte ein Tag des Aufbruchs und der demokratischen Mission werden sollen. So die Vorstellung der angeschlagenen Fifa-Führungscrew. Neue Festnahmen erinnern aber an den unverändert kritischen Zustand des Fußball-Weltverbandes. Ein Reformpaket wird als Meilenstein verkauft.

Neue Festnahmen, Reformen mit Schönheitsfehlern und eine überraschende WM-Debatte: An einem weiteren dramatischen Tag hat die Fifa den Aufbruch in eine neue, demokratische Zeit verkündet. Die Realität in Zürich erinnerte aber an die vielen schwarzen Stunden des Fußball-Weltverbandes in einem Jahr voller Korruptionsvorwürfe, Rücktritte und Skandale. Wenige Stunden vor der Entscheidung des Exekutivkomitees für ein bislang einmaliges Reformpaket, das die eigene Führungsstruktur revolutionieren soll, erschütterte die nächste Razzia im Nobelhotel Baur au Lac am Ufer des Zürichsees die aktuelle Fifa-Führungsspitze um Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

"Es war, als wäre jemand gestorben. So war die Atmosphäre im Raum", berichtete Niersbachs brasilianischer Exko-Kollege Fernando Sarney nach den erneuten Festnahmen über das Fifa-Meeting. Alle Versuche von Fifa-Interimspräsident Issa Hayatou oder Francois Carrard, dem Chef der Reformkommission, die strukturellen Entscheidungen des Tages später als "Meilenstein" oder "Kulturwandel" zu verkaufen, mussten dahinter verblassen.

Erneut Vizepräsidenten

Sechs Monate nach der Polizeiaktion mit sieben Festnahmen wurden diesmal zwei Top-Offizielle von Schweizer Beamten in Gewahrsam genommen. Wie das Schweizer Bundesamt für Justiz mitteilte, handelt es sich um die Fifa-Vizepräsidenten Juan Angel Napout aus Paraguay und Alfredo Hawit Banegas aus Honduras. Beiden wird wie ihren im Mai festgenommenen Kollegen Korruption im großen Stil bei TV- und Marketingverträgen für Turniere ihrer Konföderation vorgeworfen. Es droht die Auslieferung in die USA.

Keine WM-Aufstockung

Am Morgen um kurz nach acht Uhr wurden die verbliebenen Exko-Mitglieder, darunter der deutsche Vertreter Niersbach, in Limousinen vom Baur au Lac auf den Zürichberg zur Sitzung in die Verbandszentrale gefahren. Eine zur Abstimmung stehende revolutionäre Aufstockung der WM-Teilnehmerzahl von 32 auf 40 Teams fand dort aber noch keine Mehrheit.

Andere Reformbeschlüsse klingen vielversprechend. Der am 26. Februar zu wählende Nachfolger von Joseph Blatter als Fifa-Präsident und die Mitglieder eines neu geschaffenen Councils dürfen demnach maximal für drei Amtszeiten á vier Jahre im Amt sein. Die Vergütung der Top-Funktionäre wird jährlich öffentlich gemacht. Fifa-Chefaufseher Domenico Scala stellte zufrieden fest: "Die Krise muss tief sein, um einen Wandel herbeizuführen. Diese Krise ist tief und es wird einen Wandel geben."

Alterslimit abgelehnt

Das Council mit dann 36 Mitgliedern tritt an die Stelle des (zu) mächtigen Exekutivkomitees und soll eine Art Aufsichtsrat bilden. Die letzte Entscheidung über die Reform trifft auch der Fifa-Kongress am 26. Februar. Statutenänderungen bedürfen dann einer Dreiviertelmehrheit unter den 209 Mitgliedern. "Diese Reformen bringen der Fifa eine bessere Führung, größere Transparenz und mehr Rechenschaftspflicht", sagte Interimspräsident Hayatou. Abgelehnt wurde ein Alterslimit für Funktionäre. Im ursprünglichen Papier von Carrard war eine Beschränkung auf 74 Jahre vorgesehen gewesen.

Aber: Diese Kontrollen werden erst bei der nächsten Kandidatur berücksichtigt. Niersbach zum Beispiel könnte sein laufendes Mandat bis 2019 ohne weitere Kontrolle auf Moral und Anstand absitzen.

Statt 25 Exko-Mitglieder sitzen im Council künftig 36 Vertreter. Da jede Konföderation mindestens eine Frau entsenden muss, ist die Uefa gezwungen, die Quote erstmals zu erfüllen und als nächstes Council-Mitglied eine Frau zu wählen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2015 (2649)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.