Zen oder die Kunst des Abstiegskampfes: Der nächste Schritt zählt
Jahn mit Plan nach Cottbus

Der Jubel nach Andi Güntners Linksschuss zum 1:0 (64.) währte nur kurz. 5 Minuten später köpfte Energie den Ausgleich zum 1:1-Endstand. Bilder: Herda
 
Der Jubel nach Andi Güntners Linksschuss zum 1:0 (64.) währte nur kurz. 5 Minuten später köpfte Energie den Ausgleich zum 1:1-Endstand. Bilder: Herda
 
Energie spielt mit großer Wucht: Sven Michel musste in der 87. Minute reichlich spät mit Gelbrot vom Platz.

„Egal wie Regensburg zuletzt gespielt hat“, sagt Stefan Krämer, „wir wollen den Auswärtssieg von Wiesbaden jetzt vergolden.“ Der Trainer des FC Energie Cottbus (7./40 Punkte) hat durchaus registriert, dass das Schlusslicht aus Regensburg nach der Winterpause mit einem kleinen Lauf gestartet ist. „Für uns ist das kein Spiel gegen ein normales Schlusslicht“, warnt der Mainzer vor dem Match am Samstag, 14 Uhr, im Stadion der Freundschaft. „Das wird richtig eng. Zumal wir ja auch beim 1:1 im Hinspiel gesehen haben, dass wir uns gegen Regensburg schwer tun.

Der Start in die Restsaison war für die Lausitzer bisher holprig. Jeweils 0:2 hieß es nach den Partien in Erfurt und gegen Kiel. Und auch in Wiesbaden lag der FCE bereits mit 0:1 zurück, rang dann aber, o weh, den SVWW noch mit 2:1 nieder. „Das ist eine sehr kampfstarke Mannschaft, die auch eine ganz gute Moral hat“, lobt deshalb Gäste-Trainer Christian Brand. Ein Grund, warum die Postkutsche der Brandenburger etwas an Fahrt verloren hat: Krämer musste in den letzten Wochen oft verletzungsbedingt improvisieren. Jetzt steht dem Diplom-Sportlehrer wieder fast der komplette Kader zur Verfügung.

Nur sechs Punkte Rückstand auf den Aufstiegsplatz

Sven Michel, Zbynek Pospech und Ronny Garbuschewski kehrten ins Mannschaftstraining zurück. Dennoch lässt Krämer offen, ob er sein Siegerteam vom Wochenende verändert. „Warum sollte ich etwas verändern, wenn wir erfolgreich waren?“ Seinem Regensburger Pendant Brand wäre es ohnehin lieber gewesen, die Cottbusser hätten sich weiter in einer Siegesserie sonnen können: „Sie haben den Rückrundenstart etwas vermasselt mit zwei Niederlagen, das macht sie natürlich auch gefährlich.“ Denn: „Letztendlich haben sie nur sechs Punkte Rückstand auf den Aufstiegsplatz und werden sicher gegen uns versuchen, den Abstand zu verkürzen.“

Nomen est omen, dementsprechend beurteilt der Jahn-Coach Energie als eine „Mannschaft, die mit sehr viel Wucht agiert, die körperlich sehr viel reinhaut gerade bei Heimspielen. Aber dennoch glaube ich auch da zu wissen, wie man die schlagen kann.“ Darüber, wie Brand das nun bewerkstelligen will, was noch keinem Jahn-Trainer in der Zweiten oder Dritten Liga gegen Cottbus gelang, macht der Niedersachse freilich nur Schmidteske Andeutungen: „Wenn ihr Zeit hättet, zum Training zu kommen, dann hättet ihr vielleicht gesehen, wie der Plan ist“, grinst er ausgefuchst.

Jahn braucht einen Punkteschnitt von 1,6

Überhaupt, der Trainer der Regensburger: Christian Brand entwickelt sich immer mehr zum Meisterpsychologen. Zwar ist es nichts Neues, dass Journalisten die kuriosesten Statistiken ins Feld führen – „noch nie hat eine Mannschaft die Meisterschaft gewonnen, deren Spieler lediglich Fußballschuhe mit sechs Stollen tragen“. Und Trainer oder Spieler darauf antworten, dass sie das a) nicht interessiere und b) schon gar nicht, wenn es gegen den eigenen Erfolg spreche. Aber dass der noch relativ neue Mann an der Seitenlinie bei der PK gleich eine Debatte mit Reporter Legende Heinz Reichenwallner anzettelt, lässt doch tief blicken. Brand MÖCHTE einfach kein Spiel weiter blicken als bis zum nächsten. Und das ist jetzt wieder interessant.

Denn: So abgedroschen die Phrase auch ist, dass das nächste Spiel das wichtigste sei. In der Situation, in der sich der SSV befindet, könnte tatsächlich jeder Blick in die Zukunft nur Schwindel verursachen: In 13 Spielen muss das Schlusslicht noch mindestens 21 Punkte zaubern – ein Schnitt von 1,6 Punkten pro Spiel. In 22 Spielen bis zur Winterpause schaffte das Team lediglich 12 Pünktchen – ein Mittel von gut 0,5. Platt gerechnet bedeutet das, die Mannschaft müsste ihr Potenzial verdreifachen.

„Alle sind besser – wir sind ja Letzter“

Dass dabei noch die ersten Drei der Tabelle auf den Jahn warten, ist fast geschenkt, denn: „Wir spielen noch gegen 13 Mannschaften, die sind alle besser als wir – weil wir sind ja Letzter“, analysiert Brand messerscharf. Und wie Recht er damit hat: Wer im Basislager des Mount Everest nur noch den Kopf in den Nacken legt, um den Gipfel zu erspähen, bekommt nicht nur Nackenstarre – er erstarrt vor der Größe der Aufgabe. Deshalb MUSS Brand darauf bestehen, jeden nächsten Schritt so konzentriert anzugehen, als wäre es der letzte. Arbeitstitel: Pokal-Endspiel oder Zen, die Kunst des Abstiegskampfes.

Weil, 7 Punkte aus drei Spielen hin oder her – Brand hat ja ganz Recht, wenn er daran erinnert, dass noch nichts erreicht wurde: „Klar“, frotzelt der Mann mit der Rapper-Wollmütze tief in der Stirn, „wir stellen jetzt sozusagen die Arbeit ein, als Tabellenletzter ...“ Quatsch, die Lage sei immer noch sehr bedrohlich, nur der Blick auf die Tabelle nicht mehr ganz so trostlos wie noch vor einigen Wochen. „Aber es besteht überhaupt kein Anlass zu glauben, dass jetzt der größte Teil des Weges schon hinter uns liegt, sondern ich glaube eher, der größte Teil liegt noch vor uns.“ Die Lage sei nach wie vor sehr, sehr schwierig, der „Ausgang ist immer noch offen“. JahnExit, sozusagen.

Alle Gegentore aus Standards

Und auch bei den glorreichen Siegen findet er mit Schweizer Gründlichkeit durchaus noch Optimierungspotenzial: „Womit ich überhaupt nicht einverstanden war, sind die Standardsituationen“, klagt Brand über ein Phänomen, das den SSV nicht erst seit dieser Saison verfolgt. „Wir haben zwar neun Tore erzielt, aber wir haben alle drei Gegentore aus Standards kassiert. Das ist was, wo wir uns sehr sehr schnell verbessern müssen.“ Immer wieder gebe es solche Phasen im Spiel, „wo wir kurz weggetreten sind, und das dürfen wir uns einfach nicht erlauben“, Gerade die Dritte Liga definiere sich oft über Standards.

„Das hätte gegen Stuttgart auch in die Hosen gehen können“, erinnert der Trainer. „Wenn der Ginczek den Ball nicht von unserer Torlinie übers Tor gebracht hätte, dann hätte es in der 44. Minute 2:1 für Stuttgart gestanden.“ Beim 1:1 sei der Ball verlängert worden, da habe die Zuordnung nicht gestimmt. Und bei der genannten Ecke sei der Ball einfach so durchgerutscht. „Die Spieler sind alle bemüht, aber sie müssen auch lernen, dass sie nur ihren Job machen müssen, und nicht an Orten helfen, wo sie nicht eingeteilt sind – beim ersten Tor stand ein Spieler dort, wo er nichts zu suchen hatte.“

Verschanzen ist das falsche Rezept

Jetzt also Cottbus. Das sei – bei aller Erfahrung – kein Gegner, vor dem man sich verstecken müsse. „Ich glaube, wenn wir so auftreten wie in den letzten Spielen, wenn wir mutig nach vorne spielen und auch was riskieren, haben wir da eine Chance, Punkte zu holen.“
Und er sagt auch, was er nicht sehen möchte im Stadion der Freundschaft: „Dass man sich hinten verschanzt und versucht, auf gut Glück ein Tor zu schießen.“ Man sei gut beraten, die eigenen Stärken zu nutzen – die Schnelligkeit, die Kraft, die Power und auch „die Fortschritte im fußballerischen Bereich. Wenn wir die weiter verbessern können, dann haben wir sicher eine Chance, dort zu bestehen“.

Kleinere Änderungen an der Anfangsformation muss der Fußball-Wunderheiler in spe auf alle Fälle einkalkulieren: „Fabian Trettenbach wird über einen längeren Zeitraum fehlen, er hat wieder Probleme mit dem Knie.“ Für seine Position hinten rechts kämen vor allem zwei Sportsfreunde in Frage: „Uwe Hesse hat das schon gespielt und der Stani Herzel ist sicherlich auch eine Alternative, der sehr gut trainiert hat – da muss ich mir nochmal Gedanken machen.“ Ansonsten dürfte es schwer fallen, Wackelkandidaten in der siegreichen Formation von Stuttgart auszumachen.

Selbst der verschossene Elfer hatte sein Gutes

Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Gast nach dem Triple gegen den VFB gleich noch einmal einen Elfmeter zugesprochen bekommt, steht auch der Schütze bereits fest: „Aias ist Schütze Nummer eins – und es war ein guter Zug von ihm, dass er, weil er sich vielleicht in dem Moment nicht so gut gefühlt hat, den zweiten einem anderen Spieler überlassen hat.“ Den dritten habe er ja dann wieder souverän rein gemacht. „Das zeigt auch die Klasse von Aias.“

Und selbst der verschossene Elfer war nicht vergebens: „Es war vielleicht die schönste Erkenntnis, dass wir nach dem Ausgleichstreffer und auch nach dem verschossenen Elfmeter so gespielt haben, als sei nichts gewesen.“ Das mache ihm Mut, weil jedes kleine Erfolgserlebnis für das Selbstvertrauen so wichtig ist.“