Zwergenphobie: Jahn mit Nullnummer in Schalding-Heining
„Keine abgezockte Spitzenmannschaft“

Kann zufrieden sein mit dem 0:0: Mario Tanzer, ehemaliger Jahn-Jugendtrainer und heutiger Chefcoach bei Schalding-Heining. Bilder: Göpel/Janne
 
Kann zufrieden sein mit dem 0:0: Mario Tanzer, ehemaliger Jahn-Jugendtrainer und heutiger Chefcoach bei Schalding-Heining. Bilder: Göpel/Janne
 
Beschwörung: Vor dem Spiel schwören sich die Jahn-Spieler ein.

Wenn Bayern patzt, patzt auch der Jahn: Fokussiert wollte der SSV die richtigen Lösungen in Schalding-Heining finden – und fand doch nur die gleichen Probleme wie in Rain: Eine massierte gegnerische Defensive, gegen die den Regensburgern trotz optischer Überlegenheit zu wenig einfiel. Und Konter der Gastgeber, die den Spitzenreiter in arge Nöte brachte.

„Wir hatten vor der Halbzeit ein paar ganz gute Möglichkeiten – heute hat so ein Tick gefehlt, die letzte Entschlossenheit, die Aggressivität vorm gegnerischen Tor“, hat Jahn-Coach Christian Brand erst einmal nur Plattitüden parat. Möglicherweise richtet sich die verschlüsselte Kritik aber auch an Markus Ziereis, den Brand überraschend noch vor der Pause vom Platz nimmt – das große Thema unter den Fans. Zumal der beste Torschütze der Liga nicht verletzt sein und den Unmut nach der Auswechslung deutlich zum Ausdruck gebracht haben soll.

„Weh tut’s ja nicht“

„Ja, wir sind einfach noch keine so abgezockte Spitzenmannschaft“, mag sich Brand nicht mit Einzelkritiken aufhalten, sondern das große Ganze im Auge behalten. Und von ganz weit oben sieht das Gekicke auf dem kleinen Dorfplatz schon gar nicht mehr so schlimm aus: „Weh tut’s ja nicht“, findet der Trainer, „wir haben ja einen Punkt geholt – man muss das auch mal realistisch sehen, wir werden nicht jedes Auswärtsspiel gewinnen.“ Eine kleine Einschränkung: Allen Fans, die den Jahn bis ins Stadion am Reuthinger Weg begleiteten, tat das hilf- und ideenlose Anrennen durch die Mitte schon weh.

Das Motto bleibt, Erwartungen dämpfen, wo immer möglich: „Natürlich haben wir durch die vielen Siege eine gewisse Euphorie entfacht, aber das ist alles vorbei – die Spiele sind alle brutal schwierig für uns und wir müssen immer gegen zehn Mann Lösungen finden offensiv.“ Das soll es geben beim Fußball, wo man es ja öfter mit zehn gegnerischen Feldspielern zu tun bekommt. „Wir hatten heute die Chancen und wenn man’s dann wirklich so rausspielt, dann muss man die Dinger machen. Und das haben wir heute nicht geschafft.“ Punktum. Übrigens erst recht nicht ohne Ziereis in einer qualitativ sehr überschaubaren zweiten Hälfte.

„Schalding hat das clever gemacht“

Am besten auf den Punkt bringt Thomas Kurz den Spielverlauf: „Schalding hat das clever gemacht, stand defensiv gut drin – und trotzdem hatten wir die Chancen.“ Aufgrund der Konter, die der SVS gefahren habe, gehe das 0:0 in Ordnung. Der Mann, der das vermeintliche Tor des Tages schoss, über seinen Abseitstreffer: „Muss ich mir nochmal anschauen – wenn der Ball von unserem Spieler abgefälscht wurde, ist es natürlich abseits.“

„Ich würde nicht sagen, dass es an der Unkonzentriertheit lag“, versucht Kolja Pusch den vergeblichen Sturmlauf zu beschreiben. „Wir haben halt viel Ballbesitz gehabt und da passieren Fehler, das ist ganz normal.“ Ein ungeschriebenes Fußballgesetz? Klar, wer den Ball nicht hat, kann keinen Fehlpass spielen. „Dennoch sind wir heute natürlich nicht zufrieden mit unserer Leistung.“ Die ganze Woche hart trainieren, sei das richtige Rezept um nächsten Freitag, 19 Uhr, topfit gegen den direkten Rivalen FC Bayern München II „gut dabei zu sein“.

Magnet verliert an Anziehungskraft

Vor den Toren Passaus scheint der Magnet, der aus der Dritten Liga kam, an Anziehungskraft zu verlieren. Von wegen „man kommt da in die Höhle des Löwen“, wie Brand vor dem Spiel unkte, „da werden sicher zweieinhalb-, dreitausend, vielleicht auch ein paar mehr Zuschauer sein – die machen da Stimmung, die werden ihre Jungs nach vorne peitschen.“ Lediglich 1865 Zuschauer wollen den Ligafavoriten sehen und für die beste Stimmung sorgen die Gäste, etwa mit einem konzertierten Wechselgesang. „Kämpft und siegt für uns“ betteln die Jahn-Fans.

Der Jahn in gewohnter Stammelf-Formation – vor Keeper Philipp Pentke bilden Oli Hein, Thomas Paulus, Thomas Kurz und Fabian Trettenbach die Viererkette. Kolja Pusch, Marc Lais und Marvin Knoll sollen im Mittelfeld die Fäden für die Offensive ziehen, wo Uwe Hesse, Marcel Hofrath und Markus Ziereis die Lücken finden wollen.

Ziereis Kopfball von der Linie gekratzt

Der Gastgeber im Deutschland-Grün der 1980er Jahre beginnt couragiert: Pentke kann nach einem Pass in die Spitze gerade noch vor Michael Pillmeier klären (8). Auf Seiten von Rot-Weiß ist Knoll die Ouvertüre vorbehalten. SVS-Keeper Werner Resch hat mit dem Flatterschuss aus 25 Metern seine liebe Not (11.). Hofrath von links, Ziereis mit dem Kopf zur Stelle – das muss es sein, Resch am Boden, aber dann klärt noch ein Verteidiger auf der Linie (15.) – war das eine Situation, in der der Goalgetter nach Brands Auffassung die letzte Entschlossenheit vermissen ließ?

Auch Lais macht beim Kopfball zuerst alles richtig, erspringt die Lufthoheit im Schaldinger Strafraum, aber die Kugel verliert schnell an Fahrt – kein Problem für Resch (17.). Auf der Gegenseite bekommt die Regensburger Abwehr Pillmeier kaum unter Kontrolle – haarscharf vorm Strafraum bringt ihn Kurz zum Straucheln. Schiedsrichter Florian Kornblum lässt weiterlaufen (23.). Trettenbach macht, was man von ihm kennt – erst ein unwiderstehliches Solo gegen drei, dann bleibt er im Strafraum am Vierten hängen (25.).

Keine Lösung im Sturm

Vielleicht mal ein Treffer nach einem Standard: Eckball Pusch, Kurz köpft vom rechten Fünfereck, Resch als Katze von Schalding mit der Hand an Ball und Linie (30.). Hüben üben sich die Regensburger weiter in Torschüssen – wir erinnern uns an die Trainingseinblicke, die Christian Brand gewährte: „Und ja, wir schießen natürlich immer aufs Tor, damit wir da weiter auch ein paar Treffer erzielen können.“ Drüben macht Pillmeier der Abwehr zu schaffen: Kurz kommt dem Schaldinger Stürmer zuvor (33.).

Und dann herrscht erst mal Ratlosigkeit unter den mitgereisten Fans in Rot-Weiß: Brand bringt Daniel Schöpf für Ziereis (36.) – eine Lösung, die heute keine ist. Dafür vertendelt das gesamte Kollektiv zu oft die Kugel im Mittelfeld – viel Ballbesitz hin oder her, leichte Fehlpässe sind kein Naturgesetz. Immerhin mal eine gelungene Aktion: Doppelpass zwischen Pusch und Schöpf – der Abschluss der 20 bleibt hängen. (40.). Und dann auch noch das: Paulus hinkt vom Platz – mulmige Gedanken an Lukas Sinkiewicz werden wach. Ali Odabas soll’s für ihn nach der Pause richten (44.).

Luftloch und vergessener Ball

Endlich mal wieder eine gelungene Offensivaktion von Marcel Hofrath, auch wenn sein 20-Metern-Kracher drüber geht (48.). Pusch, der nun faktisch als Spitze agiert, verheddert sich mit seinen Kollegen immer stärker im engmaschigen Abwehrnetz der Gastgeber. Und wenn sich dann doch mal eine Chance auftut, scheitert’s an der Konzentration: Schöpf bedankt sich mit einem Luftloch für ein Geschenk im Strafraum – und der etwas ausgebrannt wirkende Uwe Hesse vergisst im Spurt den Ball (62.).

Eine Freistoßstafette (66./ 67./70.) scheint den ersehnten Treffer zu bringen: Pusch von der rechten Strafraumkante, Kurzens abgefälschter Schuss – die Kugel zappelt im Netz, die Jahn-Fans jubeln – aber Schiri Kornblum entscheidet auf Abseits (70.). Während viele noch von der Regensburger Führung träumen, verpasst ein Grüner nach Ecke nur um Zentimeter den Jahn-Kasten (72.).

Pillmeier fast mit Sudden Death

Und nochmal könnte Thomas Kurz zum Mann des Tages avancieren: Knolls Freistoßflanke setzt er knapp vorbei (78.). Jetzt soll’s Michael Faber richten, der bei seinem Kurzeinsatz mit Technik und Ballsicherheit überzeugt (82.). Der Jahn sucht die Entscheidung und ist anfällig für Konter: Wieder ist Pillmeier nicht zu halten, hat Pentke bereits passiert – schafft Schalding-Heing die Umkehrung zum Bayern-Spiel, das sie in letzter Minute verloren?

Nein, da ist er doch etwas abgedriftet, es reicht nur noch für den Schuss ans Außennetz (85.). Auch Pusch kennt keine Gnade, als er nach der Ecke volldraufhält – doch Resch macht’s wie Münchhausen und hält sich an der Kanonenkugel einfach fest (87.). Letzter Konter: Kurz muss das grüne Männchen taktisch stoppen und sieht Gelb (89.). So, der SVS scheint zufrieden mit dem Ergebnis, der Tabellen-15. lässt sich viel Zeit und freut sich zum Schluss über den verdienten Punktgewinn gegen den strauchelnden Liga-Primus (93.).