Maibaum mit Spanngurten von Scheunendecke abgeseilt
"Stamm-Gäste" in Eisersdorf

Am Lagerfeuer bewachen die Männer die gestohlenen Maibäume.

(spi) Geduckt, im Schatten einer Hecke, schleichen die zwanzig Burschen vom "Wolframshofer Haisl" am Samstag um halb zwei nachts durch das nasse Gras. Wachsam schweifen die Blicke über die Häuser von Eisersdorf bei Kemnath. Nirgends brennt Licht. Langsam schieben sie das schwere Holztor des Schupfens auf und schlüpfen nacheinander durch den Spalt. Es riecht nach Heu. Eine Stirnlampe blitzt auf, der Lichtkegel wandert einen blau-weiß-geringelten Stamm entlang. Da ist er, der Maibaum von Eisersdorf - festgekettet an Holzbalken. In drei Meter Höhe baumelt er über den Traktoren.

Sechs Stunden zuvor: "Wenn der Maibaum wieder am Dorfplatz steht ..." dröhnt aus der Stereoanlage, daneben flackert ein Lagerfeuer. Stefan Stich und Kevin Schraml sitzen mit ihren Kumpels vor einer Holzhütte in der Nähe von Wolframshof bei Kastl, ihrem "Haisl". Über den Flammen zischen Steaks in einer Aluschale, der Duft von gebratenem Fleisch mischt sich mit dem Geruch von Rauch. Bierflaschen fallen scheppernd um, der zottelige Hund namens Herkules schnappt sich ein heruntergefallenes Würstchen. Neben den Bierbänken und Campingstühlen liegen drei blau-weiß bemalte Stämme auf der Wiese. Einer davon ist der rund 22 Meter lange Maibaum von Kemnath. "Für uns ist dieser Baum eine Megatrophäe, ein riesiger Oschi", erzählt der 22-jährige Kevin Schraml stolz.


Die Burschen vom "Wolframshofer Haisl" sind besonders stolz auf den Kemnather Maibaum in Rot-Weiß-Blau, den sie Freitagnacht aus dem Bauhof geholt haben. Bilder: Anne Spitaler

Seit 2009 lassen die Männer den Brauch des Maibaumklauens in der Umgebung wieder aufleben. Den Kemnather Baum zu stehlen, haben sie bislang noch nicht geschafft. "Bei der Auslöse fahren wir ihn hupend durch die Stadt", freut sich Stich jetzt schon und reibt sich die Hände. "Alle drei haben wir am Freitag aus dem Bauhof in Kemnath geholt. Wir wissen nicht genau, ob einer davon der Waldecker ist. Der Dritte gehört vermutlich dem Kemnather Rosenweg. Wir werden bald mit den Verhandlungen starten." Die drei Bäume reichen den Burschen jedoch nicht. Sie wollen ihren Rekord vom letzten Jahr - vier Maibäume - brechen. Geplant sind heuer sechs bis sieben Stück. Am Lagerfeuer schmieden sie die Pläne für einen weiteren nächtlichen Beutezug, diesmal in Lochau (Landkreis Tirschenreuth) und Mockersdorf (Neustadt am Kulm). Dass der Lochauer Baum bereits von anderen geklaut wurde, ahnen sie zu der Zeit noch nicht. "Ein paar sollten mal so um 11 Uhr nach Lochau aufbrechen und auskundschaften, ob der Baum noch dort liegt und die Luft rein ist", gibt Schraml erste Anweisungen. "Der Rest bleibt noch da und bewacht die Bäume." Seit Freitag früh sitzen die Männer an der Hütte, geschlafen haben sie die letzten Tage wenig, bis kaum - das wird sich auch die nächsten Tage nicht ändern. Schließlich müssen die erbeuteten Bäume bewacht werden - vor anderen Maibaum-Dieben, oder vor jenen, denen der Baum gehört.

"Mist, der ist weg"


Um kurz nach 11 Uhr startet ein kleiner Trupp in Richtung Lochau. Das Auto stellen sie auf einem Feldweg vor dem Ortsschild ab und spurten in der Dunkelheit erst über eine Straße, dann einen Acker und über die Wiese zu einer Reihe von Stodln. Plötzlich rattert ein Rollo und schlägt mit einem dumpfen Geräusch auf der Fensterbank auf. Alle drehen sich erschrocken um, eine Gans schreit. Die vier Auskundschafter pirschen sich vorbei an alten Autowracks zu einer Schupfenwand. "Mist, der ist weg", flüstert Schraml und zeigt auf den leeren Platz. "Da war er." Die Männer drehen sich um und suchen die Umgebung ab. Nichts.


Beim Maibaumklau sind nicht nur Muskelkraft, sondern auch Geschick und Technik gefragt. Den Eisersdorfer Baum mussten die Burschen abseilen.

"Die haben uns bestimmt beim ersten Mal gesehen, als wir danach gesucht haben", vermutet er. "Oder jemand hat ihn schon geklaut, oder wir haben wieder einen Maulwurf in der Whatsapp-Gruppe." Das sei keine Seltenheit. Schraml schaut auf die Uhr. "In einer Stunde wollen wir loslegen, und wir haben keinen Baum. Lass uns mal nach Altensteinreuth schauen." Über eine Stunde sind die vier Freunde unterwegs, fahren kilometerweit von Ort zu Ort, auf der Suche nach einem Maibaum, den sie heute Nacht stehlen können. Immer wieder blinkt das Handy auf, die Kumpel, die an der Hütte geblieben sind, wollen wissen, ob es Neuigkeiten gibt. "Das kann man halt nie wissen, ob es gleich klappt", bedauert Stich. "Wir haben aber noch Optionen: Altensteinreuth, Mockersdorf, Ramlesreuth, Trevesen, Eisersdorf. Heute Nacht geht es rund." Schließlich fällt die Wahl auf Eisersdorf bei Kemnath. "Wir wissen, wo er ist. Den haben wir vor drei Jahren schon einmal geholt", erklärt Stich. "Der Baum war relativ schnell zu finden, Eisersdorf hat nur vier oder fünf Schupfen."

Beschädigt wird nichts


Oft sei es Zufall und Glück beim Auskundschaften, manchmal verplappere sich jemand auf einem Fest, wo der Baum liegt, oder ein Tippgeber informiert sie. Viele Kilometer haben sie in den letzten Tagen zurückgelegt, für die Spritkosten legen alle zusammen. "Es wird immer schwerer, die Tradition aufrechtzuerhalten", ärgert sich Schraml. "Manche Orte sperren ihre Bäume mit Stacheldraht weg, das ist eine Frechheit. Oder sie schlagen jedes Jahr einen neuen, vielleicht sogar am Tag des Festes, dann wird es schwierig mit dem Klauen."

Das Einmaleins für Maibaum-StrategenBeim Bayerischen Rundfunk gibt es einen interessanten Beitrag über die Maibaumklau-Regeln und die Planung beziehungsweise Maßnahmen zur Abwehr eines Maibaumklaus: http://www.br.de/themen/bayern/inhalt/kult-und-brauch/maibaum-diebe-waechter100.html

Das Schöne an dem Brauch sei der Adrenalinkick und das gemeinsame Bewachen der Beute. "Es ist einfach ne fetzn Gaudi. Viele nehmen sich dafür extra zwei Wochen frei", meint Schraml. "Das ist unser eigenes Festival." Insgesamt haben die Burschen vom "Wolframshofer Haisl" in den letzten Jahren 15 Maibäume aus verschiedenen Orten gestohlen. Zwei Regeln haben sie sich jedoch selbst aufgestellt: Niemals einen Ort zweimal direkt hintereinander beklauen und nichts dabei beschädigen. "Bevor wir was kaputt machen, lassen wir es lieber und suchen uns einen anderen Baum. In Höflas ging mal ein Zaun kaputt, den haben wir gleich wieder repariert." Den Männern ist es wichtig, zu zeigen, dass sie nicht randalieren, sondern eine Tradition weiterführen wollen und dabei noch Spaß haben.

Anschleichen über den Hang


Als der Erkundungstrupp wieder am "Haisl" ankommt, suchen die anderen bereits Holzstecken, Spanngurte und eine Leiter zusammen. Um 1 Uhr soll es losgehen. Vom Lagerfeuer ist nur noch Glut übrig, es nieselt. Die Männer überlegen sich einen Schlachtplan: In Oberndorf sollen die zwei Anhänger-Achsen geholt werden, auf denen der Baum transportiert wird - zwei Eisengestelle auf jeweils zwei Rädern, wovon eines an die Anhängerkupplung eines Autos montiert wird, das Zweite trägt das andere Ende des Maibaumes. Danach fahren die vier Autos besetzt mit 20 Mann weiter über Neusteinreuth bei Kemnath nach Eisersdorf. "Die Autos stellt ihr rechts bei der Pferdekoppel ab und schleicht euch über den steilen Hang durch das Gebüsch zur Scheune", erklärt Schraml. Das Auto, das den Baum später auf den Achsen abtransportiert, soll auf einem nahegelegenen Feldweg parken. Dann rücken alle aus.


Mit Spanngurten wurde der Baum auf den Anhänger-Achsen festgemacht.

In den Straßen von Eisersdorf ist es ruhig, in Tarnhosen und dunkler Kleidung - auch ein Nonnenkostüm ist dabei - huschen die Männer über den Weg zur Scheune. Dort ist es noch dunkler und eng. Die Burschen quetschen sich am Traktor vorbei, einer hält vor dem Scheunentor in Hocke Wache. Schraml steigt auf eine Leiter, wickelt die Spanngurte um den Baum und zurrt sie fest. Das andere Ende wirft er über die Balken. Alles muss schnell gehen, damit sie keiner hört. Die Burschen schnappen sich den Gurt und stemmen den Baum mit langen Stangen, sogenannten Schwalben, in die Höhe. Felix Walther löst die Ketten, mit denen der Baum am Balken befestigt ist.

Auslöse in EisersdorfDie Verhandlungen über die Auslöse des Eisersdorfer Maibaum am Montagabend dauerten nicht lang. Die Burschen vom "Wolframshofer Haisl" einigten sich mit dem Dorf auf ein kostenloses Essen mit Getränken am Freitag, 1. Mai, um 11 Uhr. Dafür bringen sie den Baum zurück.

Die Männer stöhnen, sie halten das Gewicht des Stammes mit den Spanngurten. Lassen sie los, würde der Baum die teuren Geräte unter dem Maibaum demolieren. Im Flüsterton gibt Schraml weitere Anweisungen. Der schwere Stamm soll langsam Stück für Stück wie bei einem Flaschenzug nach unten gelassen werden. Die Balken knarzen laut, der Spanngurt reibt am Holz, die Männer sehen in der Dunkelheit nichts. Manchmal blitzt eine Taschenlampe auf, aber nicht lang, damit sie keiner sieht. Die Burschen stemmen sich mit den Füßen gegen die Reifen der Traktoren. Irgendetwas quietscht im Dunkeln, dann ein Ruf: "Pst, draußen war ein Geräusch, seid leise." Das Geflüster verstummt, nur noch die Balken quietschen und knarzen. Für einige Minuten rührt sich keiner mehr, dann Entwarnung von draußen: Es kann weitergehen. Langsam lassen die Männer den Eisersdorfer Maibaum auf Schulterhöhe nach unten und tragen ihn aus der Scheune.


Diese Schilder wollten die Männer in Kemnath aufhängen, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Baum der Stadt geklaut wurde.

Einer der Männer verteilt die kleinen Holzstangen. Mittlerweile stehen die Maibaum-Diebe wie Soldaten links und rechts vom Baum, die Enden der Hölzer liegen auf ihren Schultern, darauf der blau-weiße Stamm. Sie marschieren den Weg zurück, den sie auf dem Hinweg genommen haben. Plötzlich: Scheinwerfer. Alle gehen in die Hocke und warten ab, wo das Auto hinfährt. Das Licht kommt näher. Einer zischt: "Auf den Boden!" Sie legen schnell den Baum ab und drücken ihr Gesicht ins feuchte Gras. Als das Auto vorbei ist, springen sie auf, es wird hektisch. Auf der Straße wartet bereits das Transportfahrzeug mit den Achsen. Schnell hieven die Männer den Stamm den Hang hinunter durch die Sträucher und befestigen ihn mit Spanngurten auf den Anhänger-Achsen. Ein Taxi fährt vorbei, der Beifahrer schreit "Ihr Maibaum-Diebe" aus dem Fenster. Alle grinsen kurz, dann weicht das Lachen wieder der Anspannung. Der Baum ist erst sicher, wenn er komplett über das Ortsschild hinaus gebracht worden ist.

Vor und hinter dem Transportauto fahren die Wägen mit Warnblinklicht, um die Straßen zu sichern und andere Autofahrer frühzeitig vor dem langen geladenen Baum zu warnen. Die blinkende Karawane fährt diesmal mitten durch das Dorf. Keiner der schlafenden Bewohner ahnt wohl, dass gerade ihr Maibaum geklaut wird. Die Spannung im Auto steigt, es sind nur noch wenige Meter bis zum Ortsschild. "Werden wir noch in Eisersdorf erwischt und legt einer der Anwohner die Hand auf den Baum, dann ist es vorbei. Dann müssen wir den Baum da lassen", erklärt Schraml. "Ansonsten verlangen wir eine Auslöse dafür. Die Beste war mal in Fuchsendorf. Ausgehandelt haben wir zuvor 60 Paar Weißwürste mit Brezen und fünf Kästen Bier, bekommen haben wir weitaus mehr. Sogar Kuchen, Gegrilltes und fast 200 Liter Bier."

Tanz der Erleichterung


Und dann lassen sie das Ortsschild hinter sich und alle sind erleichtert. Die rund sieben Kilometer bis zur Hütte bei Wolframshof (Kastl) fahren die Männer langsam, dabei müssen sie mehrere Abzweigungen und einen Kreisverkehr überwinden. Alles klappt. Als sie den Baum stolz zu den anderen drei gebunkerten Exemplaren tragen, ist es fast 3 Uhr nachts.


Jubel über die vier Trophäen.

"Hier sind mehrere Autos langsam vorbeigefahren. Ich glaub, da wollte jemand unsere Bäume mitnehmen", informiert Stich die Ankömmlinge. Er ist bei der Hütte geblieben, um die Beute der letzten Nacht zu überwachen. Alle stoßen auf ihre Trophäen an, tanzen zu dem wummernden Bass, der aus der Stereoanlage dröhnt. Stich schaut auf sein Handy: "Was ist jetzt noch mit Mockersdorf?", fragt er in die Runde.

Am Sonntag gegen 8 Uhr morgens lag auch dieser Maibaum zwischen den anderen vier neben dem "Haisl" bei Wolframshof.

Interview zur rechtlichen Situation beim Maibaumklau


Von Christine Ascherl

Weiden. Den Burschen des „Wolframshofer Haisl“ ist es in den letzten sechs Jahren gelungen, elf Maibäume zu stehlen. Nur: Begeben sich Maibaumklauer rechtlich auf dünnes Eis? Ist Maibaumdiebstahl eigentlich strafbar? Markus Fillinger, Sprecher des Landgerichts Weiden, ist Richter der Strafkammer und zugleich Zivilrichter. Mit „Maibaumdieben“ hatte er dabei noch nie zu tun.

Sie sind selbst Mitglied in vielen Vereinen im Landkreis Landkreis Neustadt/WN. Haben Sie schon einmal einen Maibaum geklaut?

Fillinger: Nein. Das habe ich nicht.

Wäre das denn strafbar?

Fillinger: Das kommt darauf an. Es ist nicht ganz so einfach. Diebstahl ist es nicht. Beim Klau eines Maibaums geht es ja darum, dass ihn der andere zurückerhalten soll. Für einen Diebstahl müsste die Absicht der dauernden Enteignung vorliegen. Es könnte eher den Tatbestand der Erpressung erfüllen: einen Menschen rechtswidrig durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung zu nötigen und seinem Vermögen einen Nachteil zufügen.

Können Sie das für den Laien übersetzen?

Fillinger: Normalerweise wird ja beispielsweise der Burschenverein genötigt, eine Brotzeit herauszurücken. Das wäre zwar ein Vermögensverlust, aber nicht unbedingt rechtswidrig, sondern durch das Brauchtum gedeckt. Wenn das im normalen Rahmen abläuft, ist das wohl in Ordnung. Wenn ich allerdings drei Hektoliter Bier verlange, dann wird das nicht mehr unbedingt vom Brauchtum zu decken sein.

Kurzum: Der Maibaumklau ist nicht strafbar?

Fillinger: Da wäre ich jetzt sehr vorsichtig. Sollte der Maibaum in einem Schuppen oder auf einem umzäunten Gelände versteckt sein, könnte man auch an Hausfriedensbruch denken. Kaputtgehen sollte dabei auch nichts. Dann wären wir bei der Sachbeschädigung. Ohnehin: Ich kann hier keine Gewähr für die Staatsanwaltschaft Weiden übernehmen. Schreiben Sie das unbedingt: Das ist keine Aufforderung, zur Tat zu schreiten!

Hatten im Landgerichtsbezirk Weiden jemals Richter und Staatsanwälte mit Maibaumdieben zu tun?

Fillinger: Nicht, dass ich wüsste und ich bin ja auch schon einige Jahr da. Ich habe das auf die Schnelle mal allgemein recherchiert: Demnach haben sich bisher weder Gerichte noch Rechtsgelehrte damit beschäftigen müssen, ob der Maibaumklau sozialadäquat ist oder nicht.

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