... und so sah die NT/AZ-Autoredaktion im Juli 1975 den damals brandneuen Polo

Während in der Textilmode momentan halblang geschneidert wird und knieumspielende Röcke das reizvolle Zubehör oberhalb des Knies verdecken, schwört die Automobilindustrie noch auf das Mini(blech)kleid und bietet gestutzte Karossen in Massen an. Unter den Absatzriesen hatte nur die rheinische Ford-Tochter Zündstörungen, weshalb der Kölner Europa-Mini erst im nächsten Jahr auf den Markt kommen wird. Einen guten Start auf dem Markt hatte der im März erschienene VW Polo, ein abgespeckter Audi 50 mit einem wassergekühlten und überaus sparsamen 900-ccm-Frontmotor. Seine 40 PS packen leise zu und verleihen dem nur 685 Kilogramm leichten Wagen noch eine ausreichende Durchzugskraft. Kaum mehr als 18 Sekunden sind notwendig, um den Kleinst-VW aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen. Wer Polo heißt und somit den Namen eines Weltreisenden trägt (Marco Polo), darf sich nicht lumpen lassen. Ohne Zweifel ist der Mini-VW auch ein angenehmer Reisewagen, ein brauchbares Langstreckenauto. Nicht nur, weil in dem Dreimeterfünfzig-Auto auf allen vier Sitzen viel Platz ist. Immerhin bringt es der Polo auch auf eine Spitzengeschwindigkeit von beinahe 135 km/h, was für ein zügiges Vorwärtskommen spricht.

Mit seinen Leistungsdaten bietet der jüngste VW-Spross sogar dem 1,6-Liter-Käfer-Paroli. Ansätze zur Kritik am Polo liefert eigentlich nur die Innenausstattung. Das spartanische Mobilar dort empfiehlt die L-Ausstattung, für die man 510 DM zu berappen hat. Dafür werden dann wenigstens zwei Türschlösser, eine klappbare hintere Sitzbank, eine Gepäckraum-Abdeckung eine Wisch-Wasch-Automatic und noch einiges mehr mitgeliefert. Fehlt dann nur noch so nützliches und beinahe unumgängliches Zubehör wie heizbare Heckscheibe, Gürtelreifen oder Heckscheibenwischer, die ebenfalls wieder zusätzliches Geld kosten.

Dennoch kommt der Polo - Grundpreis 7500 DM - mit allen sinnvollen Extras noch um fast 1000 DM billiger als der Elfhunderter Audi LS mit 50 PS. Die Unterhaltungseinsparungen noch gar nicht berücksichtigt.

Der Polo setzt in der Kleinwagenklasse neue Maßstäbe. Dazu tragen vor allem der selbst in hohen Drehzahlen ruhig laufende Motor, die in jeder Situation völlig unproblematischen Fahreigenschaften und der hohe Gesamtkomfort bei. Das versöhnt mit dem relativ hohen Anschaffungspreis, dem allerdings wieder geringe Unterhaltungskosten gegenüberstehen, die sich auch auf den Benzinverbrauch beziehen. Der Normalbenzin verdauende Polo lässt sich leicht unter acht Liter auf 100 Kilometer fahren. Nachdem der Audi 50 in unserem Test-Stenogramm, schon mit Bestnoten bewertet wurde, kann das bei dem Polo nicht anders sein. Vieles wurde vom Konzernbruder übernommen. Das Fahrwerk und der Motor, der nur über die Kurbelwelle in seinem Hub reduziert wurde. Der Polo ist ein feiner VW, weil er für wenig Auto viel bietet. Und, Hand aufs Herz, was ist heute noch unter 8000 DM zu kriegen? Manfred Gleißner
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