Abheben ohne Panik

Das Flugzeug ist ein vergleichsweise sicheres Verkehrsmittel. Trotzdem leiden viele Passagiere unter panischer Angst vorm Fliegen. Woran das liegt und was sich dagegen tun lässt.

Thomas Schulz arbeitet als Notarzt im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. In seiner Freizeit ist der Internist und Kardiologe Privatpilot und fliegt Gleitschirm und kleine Flugzeuge. Früher bekam er schon bei dem Gedanken daran Herzrasen und feuchte Hände. Der Hobbypilot litt unter Flugangst.

Egal, ob Gelegenheits- oder Vielflieger: Jeder Dritte leidet nach Angaben des Instituts für Demoskopie Allensbach unter einer Aviophobie, wie die Angst vorm Fliegen in der Fachsprache heißt. Oder sitzt zumindest mit einem mulmigen Gefühl im Flieger. Dabei zählt das Flugzeug zu den sichersten Verkehrsmitteln. Jedes Jahr sterben weitaus mehr Menschen im Straßen- als im Luftverkehr. Weshalb also wird der Traum vom Fliegen für manche zum Alptraum?

Flugangst ist ein häufiges psychisches Phänomen und gehört zur Gruppe der spezifischen Phobien. Davon spricht man, wenn die Angst nur in spezifischen Situationen - etwa im Flugzeug - auftritt. Stress führt zu einer Überaktivierung des Nervensystems und den charakteristischen Symptomen wie Schweißausbrüche, feuchte Hände, Atemnot, Übelkeit, Nervosität oder Durchfall bis hin zu Panikattacken. Aber auch negative Gedanken kommen auf wie: "Woher kommen denn die Geräusche her? Da muss doch etwas kaputt sein." Oder: "Kann der Pilot das überhaupt?"

Informationsdefizit

"Angst ist ein Informationsdefizit. Es ist die Ungewissheit dessen, was passieren könnte", sagt Thomas Schulz. Inzwischen hat der Mediziner seine Flugangst überwunden und steuert selbst kleine Maschinen: "Flugangst kann man theoretisch und in den meisten Fällen auch praktisch bekämpfen, indem man sich mit dem Thema Fliegen auseinandersetzt und Informationsdefizite beseitigt. Mir half es damals sehr, mich mit der Technik des Fliegens zu beschäftigen und mir die Zahlen anzuschauen, wie sicher Fliegen eigentlich ist."

"Wer die Angst bewältigen will, muss sich ihr stellen und nach psychologischer Vorbereitung tatsächlich fliegen", sagt Andreas Mühlberger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Der Autor mehrerer Studien über die Behandlung von Flugangst empfiehlt Therapien in virtuellen Welten: An seiner Universität bietet er Training im Flugsimulator an. Die meisten trauen sich nach dem virtuellen Testflug in einen echten Flieger, sagt Mühlberger.

Vielfältige Ursachen

Dabei muss man aber die Ursachen von Flugangst kennen. Und die seien vielfältig, sagt Karin Bonner. Die Psychologin leitet seit 2001 "Seminare für entspanntes Fliegen" bei Lufthansa. Aus der langjährigen Praxis weiß sie: "Flugangst entsteht durch ein dramatisch eingestuftes Flugerlebnis, das eventuell objektiv betrachtet völlig undramatisch ist", sagt die Expertin. Das sind häufig Turbulenzen, aber auch die räumliche Enge. Höhenangst, Enge und Kontrollverlust können ebenfalls Ursachen sein. In Umfragen gaben die Befragten überwiegend die Angst vor dem Ausgeliefertsein, vor einem Absturz sowie vor Turbulenzen als Grund ihrer Panik an.

Und was ist mit einem Wein oder Beruhigungspillen? Besser die Finger davon lassen, rät Bonner. Denn beides bekämpft nicht die Ursache der Phobie. Alkohol und Tabletten helfen nicht verlässlich, weil jeder anders darauf reagiert und es zu einer Toleranzentwicklung kommt. Das bedeutet: Man braucht stetig mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen.

Besser sind Hörbücher und Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Dann ist es wichtig, die Flugreise möglichst ohne Stress zu beginnen und auf dem Flug für Ablenkung zu sorgen - etwa durch Gespräche mit den Sitznachbarn, einem Buch oder Musik. Sich dem Bordpersonal mit seiner Angst mitzuteilen, kann ebenfalls helfen. So können sich Flugbegleiter besonders um den Passagier kümmern.

Gemeinsamer Testflug

Wenn Entspannungsmethoden nicht ausreichen, empfehlen Experten Flugangstseminare. Psychologin Bonner erklärt darin, wie ein Flugzeug funktioniert, warum es überhaupt abheben kann und warum Turbulenzen im Sinkflug zum Beispiel ganz normal sind. Aber auch, was die Angst auslösen kann und wie Passagiere damit klarkommen. Am Ende steht meist ein gemeinsamer Testflug an.

"Der Passagier, der mitsteuern möchte, bevorzugt den Fensterplatz, der Gast mit Panikattacken den Gangplatz", sagt Seminarleiterin Bonner. "Fakt ist, dass es in der Mitte etwas weniger wackelt, da dort der Schwerpunkt des Flugzeugs ist." Bonner gibt auch den Tipp, sich selbst konkret zu fragen, wovor man beim Fliegen Angst hat. "Häufig ist es nicht der gesamte Flug sondern nur Teilbereiche wie Start und Turbulenzen." Sie rät, über diesen Bereich realistisches Wissen in kurzen Sätzen auf Karteikarten zu notieren und sich diese vor aber auch während des Fluges immer wieder vor Augen führen. Wer sich seiner Flugangst stellt, werde sie letztlich auch verlieren.
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