Arztrechnungen gefälscht - Angeklagter aus dem Landkreis Tirschenreuth verweist auf finanzielle Notlage
Staatsanwaltschaft: Co-Pilot war am Flugtag krankgeschrieben

Wrackteil und Trümmer an einem Berghang nach dem Absturz der Maschine vom Typ Airbus A320 der Fluggesellschaft Germanwings bei Seyne Les Alpes in Südfrankreich. (Bild: EPA/GUILLAUME HORCAJUELO)
 
Graphik: dpa
 
Der Voice-Recorder der in Frankreich abgestürzen Germanwings-Maschine. (Bild: BEA⁄dpa)
 
Schüler haben vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See (Nordrhein-Westfalen) Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes angezündet. (Bild: dpa)

Frankfurt/Main. (dpa) Am Dienstag ist eine Germanwings-Maschine mit 150 Insassen, darunter 72 Deutschen, abgestürzt. Jetzt gibt es erste Erkenntnisse zum Hergang des Unglücks: Im Cockpit war zum Unglückszeitpunkt nur der Co-Pilot, der Kapitän war ausgesperrt. Der Co-Pilot leitete den Sinkflug bewusst ein.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat in der Wohnung des Co-Piloten der abgestürzten Germanwings-Maschine eine zerrissene Krankschreibung für den Absturztag gefunden. Das teilte die Behörde am Freitag in einer Pressemitteilung mit.
Die größten deutschen Fluggesellschaften ziehen Konsequenzen aus dem Unglück und wollen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit einführen. Künftig soll sich kein Pilot mehr allein im Cockpit aufhalten dürfen, wie Matthias von Randow, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstagabend sagte.

Sinkflug bewusst eingeleitet

Die französische Untersuchungsbehörde BEA hatte auswertbare Daten aus dem Flugschreiber sichergestellt. Demnach ist beim Start des achtminütigen Sinkflugs nur der 27-jährige Co-Pilot im Cockpit gewesen. Er hatte den ausgesperrten Kapitän nicht mehr in das Cockpit gelassen und den Sinkflug bewusst eingeleitet. Das teilte der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstagmittag mit, betonte jedoch, es gebe keinen Hinweis auf einen terroristischen Anschlag.

Es habe keine Veranlassung für den Co-Piloten gegeben, sich so zu verhalten. Er habe keine Veranlassung gehabt, dem Piloten den Zugang zu verweigern. Er habe keinerlei Veranlassung, nicht auf Ansprache des Towers zu reagieren. Der Pilot sei auf die Toilette gegangen. Der Co-Pilot habe das Kommando gehabt und am Flight-Monitoring gespielt. Das könne nur absichtlich geschehen sein, sagte der Staatsanwalt. Man müsse mehrmals an einem Drehschalter drehen, um den Sinkflug auszulösen. Der Co-Pilot könne den Sinkflug nur vorsätzlich eingleitet haben.

Kein Notsignal

Brice Robin weiter: «Es sieht so aus, als habe der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört» Es habe überhaupt keine Notfallmeldung gegeben. Kein Notsignal, kein Mayday an den Tower.

Zu Beginn des Flugs hätten sich die Piloten noch normal auf Deutsch unterhalten. «Dann hört man das Geräusch, wie ein Sitz zurückgeschoben wird, eine Tür, die sich öffnet und wieder schließt, Geräusche, die darauf hindeuten, dass jemand gegen die Tür klopft. Und von diesem Moment an bis zum Crash gibt es keine Unterhaltung mehr», zitiert die «New York Times» ihre Quelle.

Er sagt kein Wort

«Der Mann draußen klopft leicht an die Tür, aber es gibt keine Antwort», zitiert die US-Zeitung weiter. «Dann klopft er stärker an die Tür, und wieder keine Antwort. Es gibt keine Antwort. Und dann kann man hören, wie er versucht, die Tür einzutreten.» Der Code an der Cockpit-Tür der Unglücksmaschine war nach Angaben des Staatsanwalts kein Code zum Öffnen, sondern einer, mit dem sich der jeweils Zugangsberechtigte identifiziert. Die Tür verriegele sich ganz automatisch und werde dann von innen geöffnet.

Sicher sei, dass der andere Pilot schließlich allein gewesen sei und die Tür nicht geöffnet habe, habe einer der Ermittler erklärt. Der Co-Pilot habe kein Wort gesprochen, es seien nur Atemgeräusche zu hören gewesen. Dann habe ein Alarm die rasche Annäherung der Maschine an den Boden signalisiert. Der Co-Pilot sei nicht als Terrorist erfasst, sagte der zuständige Staatsanwalt Brice Robin.

Wir sind fassungslos

Mit Bestürzung und Entsetzen haben Germanwings und die Konzernmutter Lufthansa auf den vermutlich vorsätzlich herbeigeführten Absturz des Airbus durch den Copiloten reagiert. «Das macht uns fassungslos», sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag. «Nicht in unseren schlimmsten Alpträumen hatten wir uns das verstellen können.» Der Vorstandschef sprach vom «furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte». Zugleich nannte Spohr den Verdacht gegen den 28-Jährigen Copiloten einen «tragischen Einzelfall». Was ihn zu seiner Tat bewegt habe, sei noch unklar.

Auf Fragen, ob es sich um einen Selbstmord des Mannes gehandelt habe, sagte Spohr: «Dazu kann ich nicht mehr sagen, als der französische Staatsanwalt heute gesagt hat. Wir müssen davon ausgehen, dass das Flugzeug willentlich in den Boden gesteuert wurde.»

Erste Opfer geborgen

Hinweise auf eine möglicherweise terroristisch motivierte Tat gebe es nicht, sagte der Vorstandschef. «Ich kann mich nur dem Bundesinnenminister anschließen, es gibt keinerlei Anzeichen, ...auch der Nachrichtendienste und von uns, dem Arbeitgeber des jungen Mannes, dafür.»

Am späten Mittwochnachmittag waren die ersten Opfer des Unglücks geborgen worden. Die Überreste seien von der Unglücksstelle weggebracht worden, bestätigte ein Polizeisprecher in Digne. Wie viele Leichen bereits geborgen wurden, ließ er offen. Der zweite Flugschreiber der in Frankreich abgestürzten Germanwings-Maschine ist noch nicht gefunden.

Betreuungsstelle in München für Angehörige von Absturz-Opfern

Am Flughafen München will man eine individuelle Betreuung der Betroffenen sicherstellen, am Flughafen, auf Wunsch aber auch an jedem anderen Ort. Am Dienstag hat bereits eine Auskunfts- und Vermisstenstelle der Münchner Flughafenpolizei ihren Dienst aufgenommen. Sie soll Informationen von Angehörigen möglicher Absturzopfer sammeln und nach Möglichkeit beantworten, wie das Polizeipräsidium Oberbayern Nord berichtete.

An Bord der abgestürzten Maschine waren 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder, davon vermutlich 72 Deutsche. Ein Passagier stammt aus Oberbayern. Das bestätigte das bayerische Innenministerium. Ein weiteres Opfer habe hier zwar noch Familie, habe selbst aber im Ausland gelebt, sagte ein Ministeriumssprecher.

Schüler, Lehrer und Opernsänger unter den Opfern

Beim Absturz sind auch 16 Schüler und zwei Lehrer aus dem westfälischen Haltern am See verunglückt. Das Joseph-König-Gymnasiums in Haltern wurde geschlossen, in der Schule wurde ein Krisenstab gebildet. Notfallseelsorger sind im Einsatz. Die Schüler und ihre Lehrer waren nach einem Schüleraustausch auf dem Heimweg. Die ganze Stadt Haltern am See steht unter Schock.

Inzwischen wurde bekannt, dass sich unter den Absturzopfern auch der Bassbariton Oleg Bryjak sowie die Opernsängerin Maria Radnerder der Deutschen Oper am Rhein befinden. Das teilte die Oper in Düsseldorf mit. Sie waren auf dem Rückflug von einem Gastspiel im Gran Teatre del Liceu in Barcelona gewesen. Beide Sänger waren in Richard Wagners «Siegfried» aufgetreten.

Es waren Passagiere aus Spanien, Großbritannien, Dänemark, Australien, Israel, Mexiko, Kolumbien, Argentinien und Japan an Bord. US-Präsident Barack Obama und Papst Franziskus drückten den Angehörigen ihr Beileid aus. Beileidsbekundungen kamen auch aus zahlreichen anderen Ländern.

Schwer zugängliches Gebiet

Die Absturzstelle der A320 liegt bei dem kleinen Ort Prads-Haute-Bléone in den französischen Alpen. Prads-Haute-Bléone ist etwa zehn Kilometer nordöstlich von Digne-les-Bains entfernt.

Die Gegend befindet sich rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza, in schwer zugänglichem Gebiet.

Bergung wir noch "Tage oder Wochen" dauern

Die Bergungsarbeiten werden nach den Angaben des französischen Innenministeriums «Tage oder Wochen» dauern. Die Wucht des Aufpralls ließ den Airbus A 320 von Germanwings laut Rettungskräften in kleinste Trümmer zerbersten. «Alles ist pulverisiert. Man kann nichts mehr auseinanderhalten», sagte ein Feuerwehr-Leutnant der Zeitung «Le Monde».

Die Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf. Die Besatzung des abgestürzten Airbus A 320 hat entgegen ersten Berichten keinen Notruf vor der Katastrophe im Südosten Frankreichs abgesetzt. Es habe keinen Kontakt mehr zwischen Crew und Bodenkontrolle gegeben.

Die Identifizierung der Opfer in dem schwer zugänglichen Gebiet werde vermutlich längere Zeit dauern, hieß es im Auswärtigen Amt. Nach Angaben der Fluggesellschaft haben sich an Bord 72 Deutsche befunden, darunter mehr als 50 Menschen aus NRW. Unter den Passagieren seien auch zwei Babys gewesen, sagte Germanwings-Chef Thomas Winkelmann am Dienstag in Köln.

Letzter Routinecheck einen Tag vor dem Absturz

Der verunglückte Airbus A320 war noch am Montag einem letzten Routinecheck unterzogen worden. Nach bisherigen Erkenntnissen habe das Flugzeug um 10.45 Uhr seine reguläre Reiseflughöhe erreicht und diese nach einer Minute wieder verlassen. Es sei dann in einen Sinkflug eingetreten, der acht Minuten gedauert habe. Der Kontakt des Flugzeugs zum französischen Fluglotsen sei um 10.53 Uhr auf einer Höhe von circa 6000 Fuß (ca. 1800 Meter) abgebrochen.

Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs habe seit mehr als 10 Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus habe er über 6000 Flugstunden absolviert.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Düsseldorfer Staatsanwälte haben die deutschen Ermittlungen zum Tod der 150 Opfer der Germanwings-Katastrophe übernommen. «Die Verfahren werden von uns zentral geführt. Wir gehen davon aus, dass es sich bei allen Opfern um die selbe Todesursache handelt», sagte ein Behördensprecher am Mittwoch.

Zunächst komme es darauf an, die Arbeit deutscher Ermittlerteams in der Absturzregion mit der französischen Justiz zu koordinieren. In einigen Monaten werde ein förmliches Rechtshilfeersuchen an Frankreich folgen mit der Bitte, die Ermittlungsergebnisse der französischen Behörden nach Deutschland zu übermitteln.

Die Staatsanwaltschaften in Deutschland sind verpflichtet, bei allen nicht natürlichen Todesfällen Todesermittlungsverfahren einzuleiten.

Besatzungen im Schockzustand

Auch deutsche Experten wollen sich an der Klärung der Ursache beteiligen. Laut Bundesverkehrsministerium sind Fachleute der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung bereits auf dem Weg zur Unglücksstelle.

Germanwings strich am Dienstagabend zahlreiche Flüge. Etliche Besatzungen waren nicht zum Dienst angetreten. Auch am Mittwoch erklärten sich mehrere Crews für nicht einsatzbereit. Grund sei «der Schockzustand sowohl beim Kabinen- wie beim Cockpitpersonal», sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Am Mittwoch strich die Fluglinie gleichwohl nur einen einzigen Flug, ihren Flugbetrieb stemmte sie mit Hilfe der Konkurrenz. Bei einer Germanwings-Pressekonferenz am Donnerstag beteuerte Lufthansa-Chef Carsten Spohr: "Wir haben volles Vertrauen in unsere Piloten. Sie sind und bleiben die besten der Welt. Für mich ist das, was hier passiert ist, ein ganz tragischer Einzellfall."

Angehörige erhalten unter folgenden Rufnummern Informationen:

Auswärtiges Amt: 030/5000 3000
Flughafen Düsseldorf: 0800/7766350
Germanwings: 0800/1133 5577