Auf dem Weg nach Pilsen

Böhmische Dörfer und idyllische Landschaften: Abstecher abseits der Autobahn führen zu versteckten Kleinoden, urigen Brauereigaststätten, prunkvollen Rathäusern, abgelegenen Klöstern und beeindruckenden Burgruinen auf steilen Bergrücken. Montage: Jaugstetter
 
Plana von der Seeseite betrachte.
 
Renaissance-Rathaus in Stríbro.

Der goldene Weg, die Zlatá cesta, führt auf böhmischem Gebiet zunächst über den verwunschenen Boden, den Tschechen und Deutsche Jahrhunderte lang gemeinsam kultiviert hatten - bis sie sich im nationalen Toben der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts gegenseitig ausgrenzten.

. Während westlich von Tachov/Tachau Dörfer verschwanden und Menschen das Weite suchen mussten, verdreifachte die Bezirksstadt seit 1945 seine Einwohnerzahl auf 13 000. Ihren ersten großen Aufschwung erlebte die um 1100 gegründete Stadt unter Kaiser Karl IV., als die gotische Pfarrkirche (mit schönem Akanthusaltar) gebaut wurde. Die Eroberung dieser wichtigen Station an der Goldenen Straße sicherte den Hussiten ab 1427 lange Zeit die Kontrolle über Böhmen. Nach der Beteiligung am protestantischen Ständeaufstand zu Beginn des 30-Jährigen Krieges verlor Tachov alle Privilegien und wurde zur Provinzstadt degradiert.

Mächtigen Eindruck macht die gut erhaltene Stadtbefestigung mit Türmen aus dem 14. Jahrhundert bereits beim Betreten des Ortskerns. In strahlenden Farben präsentieren sich mittlerweile auch die schönen Bürgerhäuser am ausgedehnten Marktplatz mit Brunnen und der gotischen Maria-Himmelfahrtskirche im Hintergrund, deren Turmhelm an Peter Parlers Prager Vorbilder erinnert. Im klassizistischen Schloss der Fürstendynastie von Windisch-Graetz ist die Stadtverwaltung untergebracht.

Im ehemaligen vierflügeligen Franziskanerkloster, Trída Míru 447, befindet sich heute das Kreismuseum. Der Kreuzgang ist mit Ölgemälden bestückt, die Klosterkirche Hl. Maria Magdalena und Elisabeth hat eine Rokoko-Ausstattung. Fresken (1827) im Konvent stammen vom Tirschenreuther Maler Christoph Maurus Fuchs. Die vor dem Krieg bedeutende Perlmutterindustrie siedelte 1945 nach Bärnau über.


Man sieht dem Städtchen Plana(5200 Einwohner) nicht auf den ersten Blick an, dass es zur Zeit Karls IV. prosperierendes Bergbauzentrum mit Münzrecht war. Nach vielen Zerstörungen im 20. Jahrhundert ist man jetzt auf dem richtigen Weg. Viele Bürgerhäuser, allen voran das barocke Rathaus am Marktplatz mit dem Sandstein-Figurenbrunnen, haben ihre Würde zurückerhalten. Die romanisch-gotische Kirche St. Peter und Paul mit Fresken des 13. Jahrhunderts ist saniert und für Besucher geöffnet. Hauptkirche ist die barockisierte Maria-Himmelfahrtskirche.

Westlich der Stadt wuchs seit dem 13. Jahrhundert eine ursprünglich gotische Burg nach und nach zu einem formidablen barocken Schlosskomplex heran, in dem einst auch Wallenstein nächtigte. Der großzügige englische Park lädt zu Spaziergängen ein. An die Blütezeit des Silbererzabbaus erinnert das Bergbau-Museum im stillgelegten Stollen von Ondrej Slik, Kartenreservierung (00420) 374 792 177.

Jeder Biertrinker kennt den Flecken Chodová Planá/Kuttenplan (1793 Einwohner) mit der rührigen Privatbrauerei Chodovar (man beachte das Wortspiel mit dem angehängten -var/Siederei). Lagerkeller aus dem 14. Jahrhundert verweisen auf eine lange Tradition, namentlich bekannt als erste Brauereibesitzer war die Adelsfamilie von Schlick (16. Jahrhundert). Heute ist das Areal ein Erlebnispark für Hopfenfreunde - mit Brauereimuseum und hervorragendem Restaurant. Nicht minder sehenswert ist das barocke zweiflügelige Schloss (1736) mit weitläufigem Park voll alter Baumriesen.

Der Ort Kladruby/Kladrau (1500 Einwohner) wäre ohne das berühmte Benediktinerkloster, das König Wenzel I. 1212 weihte, unscheinbar. Ganz im Gegenteil zur spektakulären Abteikirche Mariä Himmelfahrt. Die zerstörte romanische Vorgängerkirche baute Architekt Jan Blažej Santini-Aichel im Stil der barocken Gotik neu auf - die Bezeichnung ist berechtigt, denn die gotische Grundform wurde opulent dekoriert.

Silber heißt die Stadt Stríbro/Mies(7853 EW) und daraus waren die Träume ihrer Herrscher. Wenzel I. erhob den bedeutenden Bergbauort an der Goldenen Straße zur königlichen Stadt. Hussitenführer Jan Žižka eroberte Stribro 1427. Der Niedergang folgte der Niederlage der Protestanten am Weißen Berg 1620 und der Germanisierung durch die Habsburger - Jahrhunderte, die die Tschechen Temno, Finsternis, nennen. Dem königlichen Rang würdig ist das prachtvolle Renaissance-Rathaus mit Sgraffitis und die barocke Pestsäule auf dem Marktplatz. Die barockisierte Allerheiligenkirche, das Minoritenkloster mit Museum und die Steinerne Brücke mit Brückturm gehören zum Besuchsprogramm.



Reste der alten Stadtmauer kennzeichnen Mesto Touskov/Tuschkau, wo die jüdische Gemeinde wohnte - die prachtvolle Barockfassade des Salomon-Löbl-Hauses ist davon letztes Zeugnis. Die barockisierte Pfarrkirche des Hl. Johannes des Täufers ist ein weiteres Aushängeschild des Städtchens (1903 Einwohner).

Rund um Pilsen warten einige Perlen darauf, ausgebuddelt, gereinigt und aufpoliert zu werden. Erste Station ist das alte Pilsen, Starý Plzenec (4404 Einwohner), 10 Kilometer südöstlich von Pilsen, wo es sich lohnt, einige Sehenswürdigkeiten zusammenzuklauben. Da ist die gotische Kirche Hl. Johannes des Täufers am Masarykplatz gegenüber dem barocken Rathaus. Auf der anderen Flussseite wartet die ursprünglich romanische Kirche Mariä Geburt geduldig auf die Fortsetzung ihrer Sanierung. Die Rotunde St. Peter und Paul auf einer Wiese hinter der Kirche ist Rest der frühmittelalterlichen Burg.

Die eindrucksvolle Königsburg Karlskrone auf dem Radyne hatte Karl IV. 1356-61 wahrscheinlich von Michael Parler zum Schutz der Goldenen Straße errichten lassen. Die Ausstellungen sind von April bis Oktober geöffnet.

Wer es etwas nobler schätzt, kommt bei Schloss Kozel auf seine Kosten: Die einstöckige Vierflügelanlage (Ende 18. Jahrhundert) ist mit Mobiliar des Rokoko und Klassizismus sowie Bibliothek ausgestattet. Übrigens, das vorzügliche Bier Kozel (Ziegenbock) stammt nicht von hier, sondern aus Velké Popovice bei Prag - obgleich es inzwischen Teil des Pilsner-Urquell-Imperiums ist.


Ein Renaissance-Schloss mit neugotischem Turm in der Mitte (Museum und Fachschule), die gotische Kirche St. Nikolaus, einige schöne Bürgerhäuser und ein jüdischer Friedhof harren in Spálené Porící/Brennporitschen (2555 Einwohner) ihrer Entdeckung.

Hoch oben auf einem Hügel in Prestice/Pschestitz (6681 Einwohner) überragt Kilian Ignaz Dienztenhofers mächtige rot-weiße Barockkirche Mariä Himmelfahrt eine formidable Plattenbautristesse.

Nebílovy/Nebilau (319 Einwohner) besitzt ein zu einer barocken Vierflügelanlage aufgemotztes Barockschloss mit französischem Garten, Fontane, Pavillons sowie exotischen und klassizistischen Malereien von Antonin Tuvora.

Anstelle einer gotischen Burg ließ Graf Morzin in Dolní Lukavice (450 Einwohner) 1708 ein dreiflügeliges Barockschloss errichten. Joseph Haydn schien Gefallen daran gefunden zu haben, denn er wirkte hier 1760 als Schlosskapellmeister. Heute würde ihm die abgeblätterte Fassade wohl weniger zusagen. Dem niedlichen Dorf mit Bauernbarock, barockisierter Kirche St. Peter und Paul, Nepomuk-Statue und jüdischem Friedhof würde eine Politur gut tun.

Ein kleines, intimes, glänzend renoviertes Barockschloss (1723, Pilsener Architekt Jakub Auguston) kann der anspruchsvolle Gast für Feste in Stenovice mieten.

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Die Tour ist dem Reiseführer "Goldene Straße" (mehr auf Seite 13) entnommen. Siehe auch www.goldenestrasse.eu
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