Ausbildung im Handwerk: Ansprüche der Auszubildenden einfach zu hoch?

Zum Leserbrief "Lehrstellen: Faire Bezahlung und annehmbare Arbeitszeit":

Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, das akzeptiere ich auch so. Aber hier wird der schwarze Peter zum Thema "Auszubildenden-Mangel im Handwerk" alleinig den Handwerksbetrieben selbst zugeschoben. Das ist meiner Meinung nach nicht richtig.

Der junge Mann schreibt von Arbeitszeiten, die nicht mit dem Privatleben in Einklang zu bringen sind, miserabler Bezahlung, Bildungszentren der HWK zu überbetrieblichen Lehrgängen, die bis zu 150 Kilometer vom Wohnort entfernt sind u. a.

Welches Klagelied könnten hier eine Krankenschwester oder ein Altenpfleger anstimmen? Oder gar die Beschäftigen des Einzelhandels, welche von Montag bis Samstag meist bis 20 Uhr arbeiten müssen? Ich denke, dass hier die Arbeitszeiten des Handwerks von 7 Uhr bis 16 Uhr durchaus human sind und auch noch genügend Freiraum für Privates bleibt.

Wo hört miserable Bezahlung auf und wo fängt gute Bezahlung an? Ist es eine gute Bezahlung, wenn ein Arbeitnehmer im Drei- oder VierSchicht-System in einem Industrieunternehmen für ein Zeitarbeitsunternehmen tätig ist und dafür etwa 1400 Euro im Monat erhält? Angemerkt ist hier, dass man fast nur noch über Zeitarbeitsfirmen in einen Industriebetrieb kommt. Da ist dann der Handwerker mit der Arbeitszeit von 7 Uhr bis 16 Uhr und einem Nettoverdienst von etwa 1700 Euro als Lediger deutlich besser dran. Entfernungen lassen sich auf vielfache Art und Weise zurücklegen - egal ob die Discothek in einer Stadt 20 oder 150 Kilometer entfernt liegt. Es ist erstaunlich, welche Strecken am Wochenende von jungen Menschen zurückgelegt werden. Da spielt es dann doch auch keine Rolle, wenn die überbetriebliche Schulung 150 Kilometer weit entfernt stattfindet - oder?

Man kann auch mit Bus oder Bahn fahren und nachdem die Auszubildenden heute fast alle erst mit 18 Jahren oder später ihre Ausbildung beginnen, haben die meisten einen Führerschein. Und Mama oder Papa wären da ja dann auch noch unter Umständen verfügbar. Denn auch zum Kindergarten und zur Schule wurden die lieben Kleinen schon mit dem Auto gebracht.

Und zu den Übernachtungsmöglichkeiten bleibt eigentlich nur: Sind die jungen Auszubildenden zum Lernen im Bildungszentrum oder befinden sie sich im Fünf-Sterne-Wellness-Urlaub? Und Hochglanzbroschüren können sich viele Handwerksbetriebe sowieso nicht leisten.

Stellt sich jetzt nur noch die Frage, ob der junge Mann mit seinen 19 Jahren hier richtig liegt mit seiner Darstellung des Handwerksberufs im 21. Jahrhundert oder ob vielleicht die Ansprüche der "Auszubildenden des 21. Jahrhunderts" zu hoch sind.

Ingrid Hirschmann, 50 Jahre, Angestellte in einem Handwerksbetrieb, Edelsfeld
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